Leben unter der Eisenbahnbrücke: Sonam verbringt seine Tage mit Meditieren, Schlafen und dem Schreiben von Gedichten. Foto: /Volkmar Könneke

Seit dem Herbst nächtigt auf der Ulmer Seite der Donau ein Mann, der aus Tibet stammt. Vor seiner Obdachlosigkeit betrieb er ein Restaurant in Göppingen. Was ist dann geschehen?

Ein kleines Zelt, davor Blumen in einer Vase, dahinter ein aktueller Kalender mit Bildern von „Deutschland von oben“. So hat sich Sonam unter der Eisenbahnbrücke eingerichtet. Der Mann, der in Tibet geboren wurde, kam vor zehn Jahren nach Deutschland. Seit vergangenem Jahr ist er obdachlos. Seit Herbst lebt er in Ulm unter dieser Brücke, direkt am Radweg.

 

Woher kommt er, wohin will er? Sonam erzählt bereitwillig. Dabei donnern ständig Züge über die Brücke. Er nimmt den Lärm hin, ebenso die vielen Menschen, die mit Rädern vorbeirauschen: „Ich hab’ mich dran gewöhnt.“ Macht es ihm nichts aus, auf der Straße zu leben? „Nein, ich habe keine Angst. Für mich ist alles gut“, sagt er und weist mit der Hand auf sein kleines Reich. Er sitzt im Schneidersitz auf dicken Matratzen in seinem Zelt, vor sich einen Campingkocher, neben sich ein paar Bücher. Was er so macht? „Schlafen und meditieren. Ich bin Buddhist.“ Und er schreibt Gedichte, die sich um ein Leben in Harmonie drehen.

Die Pandemie setzt dem Restaurantbetreiber schwer zu

Sonam fällt auf. Hauptsächlich, weil er für jemanden, der kein Zuhause hat, gepflegt aussieht und freundlich in die Welt guckt. „Der Mann hat doch auf der Straße nichts zu suchen“, sagt denn auch eine Frau, die ihm fast täglich Essen unter die Brücke bringt. Sie möchte namentlich nicht in der Zeitung stehen, ist der Redaktion jedoch bekannt. „Ich kaufe fast täglich für meine Familie ein. Ob ich ein Stück mehr kauf’, macht den Kohl nicht fett“, sagt sie. Brezel, Nüsse, auch mal Schokolade bringt sie ihm vorbei. Sonam hat ein Schild aufgestellt, auf dem zu lesen ist: „Ich bitte um Essen.“

Tatsächlich hat die Not Sonam auf die Straße gebracht. Geboren ist er in Tibet. Dort lebt seine Familie, dort wurde er aber auch von China politisch verfolgt, sagt er. Warum, darüber schweigt er. Nur, dass er harte Strafen über sich ergehen lassen musste. Er sah für sich keine Zukunft mehr in Tibet und entschloss sich zu gehen. „Die China-Politik lässt mir keine Chance“, eine Rückkehr in seine Heimat sei nicht möglich. Vor bald zehn Jahren, am 28. September 2013, kam er in Deutschland an. Ein Angelpunkt seines Lebens ist Göppingen, dort besuchte er einen Deutschkurs.

Danach schlug er sich mit prekären Jobs durch, die ihn offenbar erschöpften. Er arbeitete bei einer Zeitarbeitsfirma und verdiente als Ungelernter für die gleiche Arbeit, die jemand mit Ausbildung verrichtete, ungleich weniger. Darüber ist Sonam, der im ruhigen Ton erzählt, noch immer sauer. Dann kochte er in einem chinesischen Lokal in Karlsruhe. „Für Chinesen aus Hongkong“, betont er. Die Arbeit sei immer viel gewesen, elf Stunden täglich, manchmal 13 Stunden, oft ohne freie Tage. „War scheiße, ach komm’“, winkt er ab. Dann eröffnete er selbst ein Lokal in Göppingen. „Ich kann kochen“, sagt er stolz. Während des Gesprächs köcheln auf seinem Campingkocher Eier, die ihm jemand gebracht hat. Das Lokal war sein ganzer Stolz, erzählt Sonam weiter. Die Gäste kamen. Bis der Ausbruch der Coronapandemie und die folgenden Einschränkungen alles veränderten. Dann war „alles kaputt. Ich mache das Lokal zu. Ich bin einfach gegangen.“ Die genauen Gründe für die Schließung, ob er etwa mit Anträgen für die Coronahilfe nicht klarkam oder ob er Schulden hatte – das bleibt unklar. Darüber mag er nicht reden.

Aber dafür redet er über seine Ankunft in Ulm. Zuerst sei er jedoch nach Stuttgart gereist. „War scheiße dort.“ Also fuhr er nach Ulm. Im September stieg er am Bahnhof aus dem Zug. Die Stadt an der Donau war für Sonam von Anfang an eine Überraschung. „Ich komme an, hatte großen Hunger und habe einen Becher aufgestellt. Ich sitze. Jemand kommt und gibt Geld. Ich gucke: Was ist das? Zehn Euro!“ Centstücke und Euro landeten in seinem Becher. Er hat sich davon zwei Brötchen gekauft und „hatte noch eine Menge Geld übrig“.

Sonam macht keine Pläne für die Zukunft

Im Herbst hatte er seine Schlafstätte mal hinter dem Bahnhof aufgebaut, mal im Bahnhof, bis er zu diesem Steg an der Donau kam. Dort ist er geblieben. „Hier ist alles gut“, sagt er. Im Winter kam der Kältebus der Caritas vorbei, versorgte ihn mit Tee und Schlafsäcken. Das Zelt, die Matratzen, Essen – alles ist gespendet, das meiste von Menschen, die ihn vom Vorbeigehen kennen. Wie lange will er so leben? „Ich mache keine Pläne.“ Zum Jobcenter gehen, schließlich gibt es freie Stellen? Sonam winkt ab. „Nee, ich schaffe es nicht, nicht jetzt.“

Das wird klar: Sonam will seine Ruhe und nur ab und an reden.

Auf Abstand zur Gesellschaft

Entwicklung
 Die Zahl der Obdachlosen in Ulm steigt. Doch laut Polizei sind Vorfälle in Zusammenhang mit ihnen kaum ein Problem. „Die meisten wollen ihre Ruhe und benehmen sich“, fasst ein Sprecher der Polizei zusammen. Das passt zu Sonam, ein Mann mittleren Alters. Weil er seine Ruhe will, hält er Abstand zu seinen Nachbarn, die rechts von ihm unter der Brücke schlafen.

Hilfe
 Die Caritas in Ulm hat im vergangenen Jahr 445 Wohnsitzlose beraten. Das geht aus dem Jahresbericht des Wohlfahrtsverbands hervor. Zum Vergleich: Im Jahr 2021 waren es noch 335 Menschen. Diese Zahlen nennt Norman Kurock von der Fachberatungsstelle für Wohnungslose bei der Caritas. Er schlüsselt die Zahlen weiter auf: Von den 445 Menschen sind 346 Männer, 96 Frauen und drei Diverse. 313 von ihnen stammen aus Ulm, 132 von außerhalb.