Die Arnulf-Klett-Passage in Stuttgart wird von Menschen ohne festen Wohnsitz oft zum Schlafen genutzt. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Menschen ohne festen Wohnsitz sind im Winter mehr als andere der Gefahr der Kälte ausgesetzt. Welche Möglichkeiten es gibt, ihnen zu helfen, und warum manche Obdachlose sich von den Notunterkünften der Stadt lieber fernhalten.

Ein etwa 50 Jahre alter Mann sitzt an einem Vormittag unter der Woche in der Stuttgarter Königstraße unauffällig an ein Schaufenster gelehnt. Letzte Nacht lagen die Temperaturen wieder unter null Grad. Neben sich hat er seine Habseligkeiten in einem kleinen Wagen fest eingepackt, dabei auch ein Zelt und Isomatten. „Das hier ist meine Lebensversicherung“, sagt er über seine Sachen. Ein Passant kommt vorbei und schüttelt ihm die Hand, als wären sie alte Freunde. Ein anderer spendiert ihm einen Kaffee aus einem Pappbecher. Der Mann wärmt seine kalt gewordenen Finger an der heißen Flüssigkeit, bevor er sie trinkt. Für die Nacht wird er sich wieder einen Schlafplatz irgendwo in der Stadt suchen müssen. „Die Notunterkünfte sind alle zu voll“, sagt er. Ohnehin ist er misstrauisch und hält sich lieber fern von ihnen.

 

Der Mann, der weder seinen Namen noch sein Alter nennen will, ist einer von vielen Menschen in Stuttgart, die keinen festen Wohnsitz haben und im Winter wegen der Kälte einer besonderen Gefahr ausgesetzt sind. Ein Angebot, das er nachts annimmt, ist die Hilfe des Stuttgarter Kältebusses – ein Gemeinschaftsprojekt vom Deutschen Roten Kreuz und der Stadt. Wenn die Temperaturen unter null Grad fallen, sind die Mitarbeiter des Kältebusses in der Stadt unterwegs und versorgen Menschen, die die Nacht auf der Straße verbringen müssen, mit Schlafsäcken, Isomatten, Suppe und Tee und bieten ihnen darüber hinaus soziale Unterstützung an.

Unterkühlungserscheinungen in kalten Nächten

Das erste Mal waren sie dieses Jahr am 27. November unterwegs – das war die erste richtig kalte Nacht in dieser Saison. Ihr Angebot richte sich in der Regel an jene Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht in Notunterkünften der Stadt übernachten wollen, sagt eine Sprecherin des DRK auf Nachfrage. Immer wieder treffen sie auf ihren Touren auf Menschen, die Unterkühlungserscheingen haben. Meistens fehle diesen Menschen warme Kleidung oder Schuhe.

Eine Frau, die ebenfalls die Nacht auf der Straße verbringen wird, steht wenige Meter weiter neben der Kleiderstange eines Geschäftes in eine Decke gehüllt und tänzelt von einem auf das andere Bein. Ihr ist sichtlich kalt. „Ich muss mich nachts immer verstecken. Es ist sonst einfach zu gefährlich für mich“, sagt sie. Den Unterkünften gegenüber ist sie misstrauisch, da werde man oft bestohlen. Manchmal schleiche sie sich in einen Hausflur, um dort ein Lager aufzuschlagen, doch man werde oft vertrieben, egal wie kalt es draußen ist. Ihre Schwester habe eine Wohnung, aber das sei für sie so teuer, dass sie praktisch nur arbeite, um die Miete zu bezahlen. So ein Leben wolle sie für sich nicht. „Ich kann jetzt einfach nur hoffen, dass die Kälte bald vorbei sein wird“, sagt sie.

Dieses Jahr besonder drastisch

Unterkünfte für obdachlose Menschen werden in Stuttgart unter anderem von der Evangelischen Gesellschaft (Eva) angeboten. Christoph Maier-Nakos arbeitet für das diakonische Unternehmen in der Wohnungsnotfallhilfe. Neben festen Schlafplätzen haben sie immer zehn Notfallplätze bereit. Dieses Jahr sei die Lage der Menschen, die auf die Hilfe der Eva angewiesen sind, durch die Inflation besonders drastisch. „Wir haben Menschen bei uns, die regelrecht von der Hand in den Mund leben. Bei denen fällt jeder Cent auf, den etwas mehr kostet“, sagt er.

Eine andere Frau, die sich ihr Lager neben der belebten Einkaufsmeile in einer Passage aufgebaut hat, sagt, sie habe zum Glück eine Wohnung. Sie beschäftigt sich wenig mit der Kälte. „Ich habe ja eine dicke Decke bei mir“, sagt sie. Die Stimmung sei gut, sagt sie, trotz verschiedener Schicksalsschläge, die sie auf die Straße gebracht hätten. Sie hofft, dass Passanten an dem Tag noch ein wenig Kleingeld für sie übrig haben werden.

Genug Platz in Notunterkünften

Laut Auskunft der Stadt stehen aktuell noch ausreichend Plätze in der Zentralen Notübernachtung zur Verfügung. „In diesem Winter gibt es drei städtische Einrichtungen mit insgesamt 139 Plätzen. Davon stehen 99 als Notübernachtungsplätze das gesamte Jahr zur Verfügung“, sagt ein Sprecher auf Nachfrage. Bisher hätte man alle, die einen Bedarf angemeldet hätten, auch unterbringen können. Im Notfall könnten auch zusätzliche Ressourcen geschaffen werden. Zudem steht insbesondere Familien mit Kindern in den Wintermonaten der kürzlich eröffnete „Erfrierungsschutz für Kinder und ihre Erziehungsberechtigten“ von November bis April zur Verfügung. Aktuell gebe es eine Mutter mit einem minderjährigen Kind, die diesen Schutz in Anspruch nehmen.

Darüber hinaus haben auch Passanten die Möglichkeit, im Winter Menschen zu helfen, die auf der Straße leben.„Wenn man einen obdachlosen Menschen sieht, dann kann man ihn ansprechen und fragen, ob er was braucht“, sagte Christoph Maier-Nakos. Manchen sei mit ein paar netten Worten und einem heißen Kaffee schon geholfen. Doch es gibt auch die anderen Fälle. Für sie kann man entweder bei der Hotline des Kältebusses anrufen oder im schlimmsten Fall den Notarzt verständigen.

Es gibt einige Obdachlose, die die Arnulf-Klett-Passage am Hauptbahnhof als Schlafplatz nutzen. Doch wenn es richtig kalt ist, halten sich dort nur wenige auf. „Viele, die hier unten schlafen, stehen sehr früh auf und gehen dann irgendwo hin, wo es wärmer ist“, sagt ein Mitarbeiter, der in der Passage arbeitet. Wenn es wieder wärmer wird, dann stehen in der Unterführung auch mehr Menschen in Gruppen zusammen. Doch die kalte Jahreszeit ist noch längst nicht überstanden, daher werde es wohl dauern, bis sie zurückkommen.