Hecke in Nachbars Garten: präzise geschnitten, gerade auch in Hochlagen. Foto: Decksmann

Kolumnist KNITZ über den Herbst, jene Jahreszeit, die beim Heckenschnitt echtes Heldentum verlangt. Jetzt bloß keine Schnitzer machen!

KNITZ hat schon immer geahnt, dass sein Nachbar ein ganzer Kerl ist. Aber dass er, KNITZ, Tür an Tür mit einem Helden wohnt, das weiß er erst, als er seinen Nachbarn am Samstag auf einer Leiter sah.

 

Gut, KNITZ hat sich auch schon auf riskante Weise vom Erdboden entfernt. Erst neulich griff er zur Bockleiter, um einen Apfel vor dem Herabfallen zu retten – und somit vor dem Verzehr durch Amseln.

Schere überm Kopf ist der Hammer

Der Nachbar auf der Leiter machte sich mit einer Heckenschere an einer anderthalb Mann hohen Hecke zu schaffen. Die Höhe des Gewächses verlangte einiges. So musste er mit dem Gerät über Kopfhöhe arbeiten, um das Oberteil der grünen Wand zu kappen. Das geht in die Arme.

KNITZ kann mitfühlen. Zum einen, weil er auch schon mit einer in den Himmel wachsenden Mega-Hecke zu kämpfen hatte. Zum andern, weil er regelmäßig in die Muckibude geht. Dort fühlt er sich stark wie ein Bär. Aber sobald er ein Gewicht über Kopfhöhe hinaus stemmen muss, wird’s heftig.

Deshalb steht KNITZ jetzt, bevor er weiterschreibt, kurz auf und verneigt sich vor allen potenziellen Über-Kopf-Arbeitern wie Gipsern oder Malern. Und natürlich vor dem Nachbarn auf der Leiter.

Die anstrengende Arbeitshaltung macht den Nachbarn vielleicht zum Tier, aber noch nicht zum Helden. Heldenhaft, meint KNITZ, wird sein Tun erst durch die Jahreszeit, in der er zur Heckenschere greift. Denn der Herbst birgt Gefahren – nicht nur, weil er durch herabfallendes Laub Wege in Rutschbahnen verwandelt.

Den Fehlgriff sieht man ewig

Im Frühling und Sommer ist der Heckenschnitt zwar kräftezehrend, aber kaum riskant. Wenn man da mal daneben langt und das Grünzeug unsauber stutzt – Schnitt happens, wie der Amerikaner sagt, halb so wild. Der Schnitzer verwächst sich. Im Herbst aber schaltet die Natur ein paar Gänge zurück. Wer jetzt beim immergrünen Gewächs eine Kerbe reinhaut, dem wird sein Fehlgriff ein halbes Jahr lang vor Augen geführt. Nicht nur er, auch die Nachbarschaft sieht’s.

Insofern ist im Herbst Fingerspitzengefühl gefragt. Da kommt es auf Feinheiten an. Auch sprachlich, wie wir seit der Autobiografie „Herbstblond“ des Showmasters Thomas Gottschalk wissen.

Anderen in Wachstumsbranchen tätigen Leuten geht es im Herbst kaum besser als dem Nachbarn, stellt mit dem Rückgang der Temperatur doch nicht nur die Vegetation ihren Betrieb ein. Auch das Wachstum der Haare geht zurück, weshalb sich die Schnitzer im Friseurhandwerk länger halten. Ob dies bei der Ausbildung erwähnt wird?

Der Nachbar jedenfalls kann sich der Bewunderung von KNITZ sicher sein, wie er da selbstbewusst auf seiner Leiter hantiert. Als KNITZ den Mann auf die Heldenhaftigkeit seines Tuns hinweist, machte der große Augen. Stimmt, sagt er, da sei was dran. So habe er das noch gar nicht gesehen.

Der Nachbar schneidet unverzagt weiter

Aber statt nun zögernd oder gar mit zitternden Händen ans Werk zu gehen, schneidet der Nachbar unverzagt weiter. KNITZ scheint es, als lege er sogar noch einen Zahn zu. Leider reicht die Kraft des mutigen Mannes nicht auch noch, um die Hecke von KNITZ zu schneiden.