Martin Horn hat 2018 nach einem kurzen und etwas ungewöhnlichen Wahlkampf gegen Amtsinhaber Dieter Salomon (Grüne) die OB-Wahl gewonnen. Foto: dpa/Patrick Seeger

Mehrere Kandidaten haben sich bereits für die OB-Wahl in Stuttgart ins Rennen geworfen. Darunter Außenseiter und etablierte Parteimitglieder. Vor ihnen liegen acht lange Monate Wahlkampf. Welchen Regeln unterliegt der?

Freiburg/Stuttgart - Anfang April, gut zwei Wochen vor dem ersten Wahlgang, hatte Martin Horn das erste Mal den Eindruck, dass er die Oberbürgermeisterwahl in Freiburg wirklich gewinnen könnte. Mit blauen Luftballons am Arm liefen er und sein Team beim Freiburg-Marathon. An den Rufen vom Straßenrand spürte der gebürtige Saarländer die Begeisterung der Menschen und dachte sich: „Ui – da kippt die Stimmung.“

 

Innerhalb von vier Monaten hatte Horn 2018 im Alter von damals 33 Jahren die Herzen vieler Freiburger erobert. Er wartete fast bis zur letzten Minute mit seiner Kandidatur. Einen Tag vor dem jährlichen Neujahrsempfang gab er sie bekannt. Zuvor hatte er sich die Rückendeckung der SPD gesichert. Am Ende stand ein breites Lager von Unterstützern hinter ihm – allein sein Team aus ehrenamtlichen Helfern war von fünf auf 200 angewachsen. Eine Lehrbeispiel für den Stuttgarter OB-Wahlkampf?

Langer Wahlkampf in Stuttgart

Zumindest was die Länge des Wahlkampfes angeht, haben sich die bisherigen Kandidaten kein Beispiel an Horn genommen. Der Tengener Bürgermeister Marian Schreier hatte bereits im November seine Bewerbung verkündet. Nach der Absage von Amtsinhaber Fritz Kuhn (Grüne) folgte SPD-Kandidat Martin Körner im Januar. Veronika Kienzle (Grüne) und Frank Nopper (CDU) brachten sich im Februar in Position. Auch Bewerber wie der frühere Stadtisten-Stadtrat Ralph Schertlen, der Stuttgarter Werner Ressdorf sowie der Nürtinger Marco Völker kamen aus der Deckung.

„Durch Marian Schreier sind alle unter Zugzwang geraten“, sagt Paul Witt, früherer Rektor der Verwaltungshochschule Kehl. „Der Wahlkampf hat eigentlich zu früh begonnen.“ Da die Dynamik aufrechtzuerhalten sei schwierig. Denn im Wahlkampf gebe es immer eine Kurve an Bekanntheit und Beliebtheit. „Bei langen Wahlkämpfen ist es häufig so, dass die Spitze der Kurve am Wahltag selbst schon vorbei ist.“

Nähe zu den Wählern gesucht

Martin Horn ließ sich von seinem Job als Europa- und Entwicklungskoordinator im Hauptamt der Stadt Sindelfingen freistellen und zog nach Freiburg. Jede Woche nahm er sich einen Stadtteil vor. Bei Hausbesuchen lud er „auf ein Bier mit Martin Horn“ in Kneipen ein, stellte sich mit einem Stand auf den Wochenmarkt und besuchte die Disco in einer Tanzschule. Dem Umstand, dass er im Wahlkampf dreimal die Wohnung wechseln musste, verdankte er, dass er verschiedene Gegenden kennenlernte. Zuvor hatte er nie in Freiburg gelebt – die Stadt aber über Familie und Freunde lieben gelernt.

Nach den Maßstäben von Kommunikationsforscher Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim hat Horn damit schon zwei Dinge richtig gemacht. Nach seinen Erkenntnissen sind Glaubwürdigkeit, Integrität und Ehrlichkeit ebenso wichtig wie Bürgernähe und politische Kompetenz. Am Ende beeinflussten aber auch aktuelle Themen am Wahltag, wo Wähler ihr Kreuz machten. Außerdem müssten früh Bündnisse geschmiedet werden. Denn: „Keiner wird in Stuttgart im ersten Wahlgang die Mehrheit gewinnen“, ist Brettschneider sicher.

Facebook allein reicht nicht

Martin Horn hat nach eigenen Angaben in Freiburg nur mit ehrenamtlichen Helfern zusammengearbeitet, es gab keine PR-Agentur und keinen professionellen Berater. Freunde und Familie hätten geholfen. Zusätzlich konnte er sich auf die Unterstützung der SPD mit ihrer Organisation verlassen. „Wir haben im Verlauf der vier Monate sehr vieles situativ entschieden, was wir machen“, sagt Horn. Zustande kamen dadurch Ideen wie der 24-Stunden-Wahlkampf. Auf dem Platz der alten Synagoge vor dem Theater wurde ein Wohnzimmer aufgebaut. Einen Tag lang gab es Programm mit Theaterstücken, Konzerten und Diskussionen. Außerdem war Horn mit Videos auf Facebook und Instagram präsent. Insgesamt habe er 100 000 Euro ausgegeben – gestartet sei man mit 25 000 Euro. „Das lag vor allem an den Anzeigen, die wir nach dem ersten Wahlgang noch geschaltet haben, was durch weitere Spenden möglich war“, so Horn.

Und die Stuttgarter Kandidaten? Außenseiter Marian Schreier hat bereits angekündigt, Dinge anders machen zu wollen. Engagiert hat der Kandidat die Schweizer Agentur Rod Kommunikation. Auf einer Beteiligungsplattform will er nicht nur Geld sammeln, sondern auch Ideen. Er will die Bürger zu Workshops einladen, um sein Programm mit ihnen zu erarbeiten. „Ich will, anders als dies bei Kandidaten sonst der Fall ist, nicht nur als Sender auftreten“, sagt Schreier, der als unabhängiger Kandidat antritt und so als SPD-Mitglied seinen Parteiausschluss riskiert. Der offizielle SPD-Kandidat Martin Körner setzt auf Bürgernähe. „Ich werde viel Wert darauf legen, viele persönliche Gespräche zu führen“, sagt er. Im Frühjahr will er sich stark in den Bezirken umtun und denkt an Formate, wie sie Horn vorgemacht hat. Dabei plant Körner ähnlich sparsam: Er hat nur eine Mediengestalterin engagiert.

CDU und Grüne setzen auf Wahlkampfkommissionen

Die Bewerber von Grünen und CDU gehen da etwas anders vor. Beide setzen auf Wahlkampfkommissionen. Sie werden gemeinsam mit den Kandidaten die Marschrouten vorgeben. Teams sollen sie umsetzen, bei den Grünen wird es einen Wahlkampfmanager geben. Bei beiden Parteien werden Agenturen im Spiel sein. „Das machen wir regelmäßig. Welchen Bereich eine Agentur abdeckt und welche das ist, hängt vom Wahlkampfmanager ab“, sagt die Grünen-Kreisvorsitzende Amelie Montigel. Im Wahlkampf habe sich viel verändert, heißt es bei der Ökopartei. Man müsse viele verschiedene Gruppen bedienen, über Kanäle von Instagram bis hin zum Amtsblatt.

Das ist teuer. Eine breite Parteibasis im Rücken hilft da erheblich. „Ich kann keine Materialschlacht machen, ich bin schließlich eine einfache Angestellte“, sagt Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle. Bei der CDU geht man davon aus, dass man in Stuttgart etwa einen Euro pro Einwohner für den Wahlkampf braucht – also mehr als eine halbe Million Euro. „Er ist weitgehend spendenfinanziert“, so Sprecherin Susanne Wetterich über den Wahlkampf. Man wolle stark auf Social Media setzen. Der direkte Dialog und die Mittel des klassischen Wahlkampfs seien aber „gleichwohl unverzichtbar“.

Kosten von 1 bis 1,50 Euro Euro Kosten je Einwohner

Nach Einschätzung von Wahlkampf-Experte Witt ist das keine falsche Strategie. „Soziale Medien ersetzen keine Plakate und Zeitungsanzeigen“, sagt er. In der Größenordnung einer Stadt wie Stuttgart brauche es professionelle Berater und ein Wahlkampfteam. Die Kostenschätzung der CDU teilt Witt. Nach seiner Erfahrung müsste ein Wahlkampf in Stuttgart bis zu 500 000 Euro kosten. „Bei den Kosten für einen OB-Wahlkampf spricht man von 1 Euro bis 1,50 Euro je Einwohner“, so Witt. „In Großstädten wie Stuttgart liegt der Wert sicher unter einem Euro, da gewisse Fixkosten nur einmal entstehen.“ Es sei üblich und nicht verwerflich, Spenden zu sammeln.

Wie sich das Werben um Wählerstimmen verändert hat, weiß Jürgen Knappenberger. Er hat mit seiner Schorndorfer Agentur Spirit Kommunikation schon zahlreiche Wahlkämpfe für Kandidaten in kleineren und mittelgroßen Gemeinden in der Region Stuttgart betreut. „Es gibt nirgendwo greifbare Zahlen darüber, wie und wo man die Leute am besten erreicht“, sagt er. Klar sei aber: „Wahlkampf ist eine extreme Herausforderung geworden.“ Man müsse weiterhin alle alten Wege beschreiten, aber auch alle neuen. Dabei komme es immer weniger auf Inhalte an, sondern auf Inszenierung. „Früher waren in den Wahlkampfbroschüren die Programme auf acht Seiten ausgebreitet. Heute interessiert das keinen mehr“, sagt er. Viele Wähler wollten einfache Botschaften. „Das macht Wahlkampf aber auch interessanter und unberechenbarer. Einen Amtsinhaber-Bonus gibt es kaum noch. Quereinsteiger haben bessere Chancen denn je.“

Horn würde trotz des Angriffs nichts anders machen

So wie Martin Horn in Freiburg. Er hält einen Punkt für grundlegend: „Dass eine OB-Kandidatur keine zufällige Karrierechance sein darf“, sagt er. „Mir war es eine Herzensangelegenheit, für die Stadt Freiburg zu kandidieren.“ Nur so erkläre er sich, wie er mit Stuttgarter Adresse auf dem Wahlzettel gewinnen konnte. Einen Wahlkampf würde er wieder so führen. Trotz des Angriffs am Wahlabend, als ihm ein psychisch auffälliger Mensch die Nase brach, würde er immer die Nähe zu den Menschen suchen. Nur eines würde er anders machen, sagt Horn: „Mehr schlafen.“