Foto: Leif Piechowski

Fritz Kuhn setzt auf Werbeprofis und eine Mischung aus Erfahrung und Jugend.

Stuttgart - Im ersten Stock der Hauptstätter Straße 57 ist die Zeit stehen geblieben. Papierstapel hier, Kartons mit Flugblättern dort, und manches Stück vom Mobiliar macht den Eindruck, als hätte es jemand in einem Secondhand-Laden aufgelesen. Die eigene Schulzeit kommt einem in den Sinn, endlose Debatten im unaufgeräumten SMV-Kabuff – und die Grünen in ihrer Anfangszeit. Der Kreisverband der Öko-Partei hat sich in seinem Sitz, im ersten Stock der Hauptstätter Straße 57, ein wenig den einstigen Charme des Unorganisierten bewahrt. Allerdings nur äußerlich, von hier aus wird längst pragmatische grüne Stadtpolitik gemacht, und vielleicht der nächste Oberbürgermeister der Landeshauptstadt.

„Der Kreisverband hat dankenswerterweise einen Raum freigemacht“, sagt Kuhn und deutet sofort zum Fenster, durch das man auf die Hauptstätter Straße sieht. Autolärm dröhnt in Kuhns Wahlkampfzentrale. Weniger Autos in der Stadt, stattdessen mehr Nahverkehr und mehr Radverkehr lautet auf einen kurzen Nenner gebracht eine seiner Hauptbotschaften. Im Wahlkampf wird schon der Smalltalk bei der Begrüßung zum programmatischen Exkurs.

Im Netz kursiert alles Mögliche

An der Strategie, den Stuttgartern seine Botschaften bis zum Wahltag am 7. Oktober überzeugend zu vermitteln, wird im ersten Stock der Hauptstätter Straße 57 gebastelt. Fritz Kuhn betreibt das Politikgeschäft lange genug, Strömungen, Entwicklungen, auch Ungemach, das von Gegnern droht, „rieche ich“. Danach hat Kuhn seine Mitstreiter ausgewählt. Thomas Dengler (53), der normalerweise für die Grünen-Fraktionen im Landtag und im Stuttgarter Rathaus arbeitet, steht dabei für Erfahrung. Er organisierte bereits den Wahlkampf für Rezzo Schlauch (1996) und Boris Palmer (2003). „Bei Boris Palmer hatten wir die Schwierigkeit, dass ihn damals viele noch nicht kannten“, erinnert sich Dengler. Kuhn und sein Team sehen es daher als Vorteil, „dass ich von allen Kandidaten der bekannteste bin.“

Julia Ebling arbeitet ebenfalls für die Grünen im Rathaus und teilt sich mit Dengler die Stelle des Wahlbüroleiters. Die 28-Jährige soll Denglers Routine um eine junge Komponente ergänzen. Sie bestreitet ihren ersten großen Wahlkampf. Es sei „irgendwo auch ne Ehre“, für den prominenten Kuhn trommeln zu dürfen. Julia Ebling beackert neben den Standardaufgabengebieten den virtuellen Wahlkampf im Internet. Selbst Akzente setzen, die Gegner beobachten und gegebenenfalls reagieren, heißt ihr täglich Brot. Vor ein paar Wochen hat der Kandidat der CDU, der FDP und der Freien Wähler, Sebastian Turner, via seiner Homepage behaupten lassen, der Bundestagsabgeordnete Fritz Kuhn sei in seinem bisherigen Wahlkreis Heidelberg kaum präsent. Auf diese „Schmutzkampagne, schreiben Sie das“, habe man anwaltlich reagiert, sagt Kuhn. Schließlich sei die Unwahrheit verbreitet worden. Allerdings kursiere im Netz alles Mögliche. „Man darf nicht zu viel reagieren, man muss vor allem agieren, und das aktuell“, sagt Julia Ebling. Wahlkampf mit modernen Medien sei ein Zeitfresser, meint Thomas Dengler.

Fritz Kuhn setzt auch auf Werbeprofis

Auf seinem Weg ins Rathaus setzt Fritz Kuhn auch auf Werbeprofis. Selbstverständlich nicht als Reaktion auf seinen Gegner Turner, der aus der PR-Branche stammt. In einem modernen Wahlkampf benötige man auf diesem Gebiet „schlaue, effektive und gute Kompetenz“, sagt Kuhn.

Ottmar Waibel und Fred Feuerbacher von der Agentur Werbung etc. sitzen in der Hauptstätter Straße 57 mit am Tisch. „Oberbürgermeister wird, wer eine Kampagne gut organisiert, und da kommt noch was von uns“, verspricht Feuerbacher. Fritz Kuhn wiederum genügt nicht, dass jemand seinen Auftrag erledigt: „Die Agentur muss mich als OB unbedingt wollen, das ganze Team muss fiebrig sein.“

Die Zuarbeiter müssen aber auch offen miteinander reden können. „Ich bin bekannt für einen straffen Wahlkampf“, sagt Kuhn. „Fritz Kuhn ist immer freundlich, immer heiter, immer streng“, sagt Thomas Dengler. Und immer kritisch, auch bei Details. Ob man da noch mal ranmüsse, fragt Fritz Kuhn. Auf einem Großplakat empfindet er sich als zu unrasiert. Die Werbeexperten Waibel und Feuerbacher verneinen. Ein Kandidat muss Leben ausstrahlen, ein paar Bartstoppeln sind da eher nützlich.

Hektik gibt’s nicht

Das perfekte Gesicht ist das eine, die Übersicht behalten das andere. Das Gerüst für den OB-Wahlkampf steht schon länger, „aber so ein Wahlkampf muss atmen“, sagt Kuhn. Geht nicht, gibt’s nicht, müssen sich seine Helfer zuweilen anhören. Thomas Dengler kennt das. Rezzo Schlauch und Boris Palmer waren auf ihre Art ebenso fordernd. Sein Job ist es, von zehn Dingen, die gleichzeitig erledigt werden sollten, die zwei wichtigsten herauszufiltern. „In einem Wahlkampf kommt es darauf an, wenig Fehler zu machen, und Fehler passieren durch Hektik“, sagt Kuhn.

Hektik gibt’s nicht. Dazu müsse man auch die Basis gelegentlich einbremsen. „Manchmal ersäuft man in den Ideen aus den Ortsverbänden.“ Es gilt auszuwählen, ohne den ein oder anderen engagierten Parteigänger zu vergraulen. Die dürfen schließlich auch feiern, falls Fritz Kuhn umzieht: von der Hauptstätter Straße 57 zum Marktplatz 1 – ins Stuttgarter Rathaus.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: