Offener Kragen, entspanntes Lächeln: Sebastian Turner bei einem Ortstermin. Foto: Peter-Michael Petsch

Die OB-Kandidaten im Porträt: Der parteilose Sebastian Turner hat Lust am Formulieren, er weiß aber auch um die Gefahren.

Stuttgart - Manchmal kann Sebastian Turner (45) ungemütlich werden. Wie am Mittwoch in der CDU-Geschäftsstelle. Es ist Pressekonferenz. Der parteilose Kandidat der bürgerlichen Gruppierungen erklärt die Bildung zu seinem Hauptthema und schimpft über einen „Missstand“. Stuttgart habe 2000 bis 4000 Kita-Plätze zu wenig. Die Warterei dauere zu lang. Die Verwaltung des Mangels lasse zu wünschen übrig.

Als er das sagt, wirkt Turners Wahlkampfteam angespannt. Vielleicht, weil ein krasses Versagen vorliegen muss, wenn ein „Missstand“ herrscht – und weil dann Teile der Verwaltung sowie der Gemeinderat, auch einige Protagonisten von Turners Hausmacht CDU, mitschuldig wären.

Von Versagen möchte Turner dann zwar nicht sprechen. Aber mit den Themen Kita und Grundschule will er noch einmal die Offensive suchen, sich unzufriedene Wähler(innen) erschließen – und, wie schon tags zuvor bei einer Veranstaltung der Jugendräte, bürokratische Hemmnisse kritisieren.

Als Beinahe-OB fühlt Turner sich schon

So lässt sich noch besser seine Linie im Wahlkampf herausarbeiten: Mit ihm käme ein OB, der die Dinge wie ein normaler Bürger betrachtet. Das richtet sich auch gegen die Bedenken, hier wolle jemand ohne jede Erfahrung mit Kommunalverwaltung die Riesenverwaltung und den Gemeinderat der Landeshauptstadt führen wie einen Werbekonzern.

Bürger-OB möchte Turner werden. Als Beinahe-OB fühlt er sich schon. Nicht nur, weil der Moderator auf dem Podium beim Gewerkschaftsbund sagte, er sehe in ihm das nächste Stadtoberhaupt. Auch viele andere nähmen das an, sagt der Kandidat. Daher bekomme er überall bereitwillig die Informationen, die er brauche, um sein Programm weiterzuentwickeln. Will heißen: Man rechne mit ihm. Das tut Turner erkennbar gut.

Er nimmt, wie er vor den Sommerferien auch selbst sagte, was er kriegen kann. Jede Unterstützung, jede Info, jedes Zeichen, dass man mit ihm was anpacken will. Er ist flexibel – und lernfähig. Auf die Frage, wie die Diskriminierung von Migranten abgebaut werden könnte, schlägt er am Dienstag vor, bei Stellenbesetzungen über Bewerbungen mit geschwärzten Namen befinden zu lassen. „Nanu“, wundert sich ein Teilnehmer einer Diskussion, die bereits am Montagabend beim Deutsch-Türkischen Forum stattfand. Dort habe der Kandidat Hannes Rockenbauch diese Idee geäußert. Diesmal fehlt Rockenbauch – aber Turner ist da.

Einmal hätte Turner nicht nehmen sollen, was er kriegen konnte

Keine Frage, er und sein Team finden sich zurzeit ziemlich pfiffig. Ein Grund: Von den drei neuen Großplakaten, die seit ein paar Tagen hängen, gefallen zwei auch stadtbekannt kritischen Werbefuzzis – Turner beim Brezelbacken und beim Schäkern mit zwei Kindern. Nein, nicht mit den Zwillingen, die Turners Frau am 11. September zur Welt brachte. Die Kinder sind älter, und die Fotos von Deniz Saylan seien bei Terminen entstanden, heißt es. Die Bilder bringen den Verstandesmenschen Turner emotional rüber. Das verbucht das Team auf der Positivseite. Auf der Negativseite steht auch manches. Das liegt daran, dass Turner einmal nicht hätte nehmen sollen, was er kriegen konnte: eine Werbefläche, die ihm ein Unternehmer überließ. Nach dem Bekanntwerden folgte ein Herumgeeiere in der Absicht, den Verdacht der Käuflichkeit des möglichen Oberbürgermeisters zu zerstreuen. Denn mit dem Spender hat die Stadtverwaltung zu tun. Daher könnte man eine Verquickung von Wahlkampffinanzierung und OB-Aufgaben beanstanden – wenn Turner OB wird.

Ob er es wird, hängt auch davon ab, wie viele Kontakte er knüpfen und bei wie vielen Debatten er Eindruck machen kann. Letzteres gelingt ihm meistens dann, wenn er seine Stärken einsetzt: die Konzentration auf Wesentliches und das Bemühen, langsam zu sprechen und klar zu artikulieren. Dieser Plauderton ist seine Stärke – wenn er sich nicht echauffiert.

Ein gewisser Hang zu ausgefeilten Slogans ist ihm aus der Werbezeit geblieben

In der Konzentration auf die Kernthemen Nachbarschaft, Bildung und Wirtschaft sowie in der Besinnung auf Kernbotschaften in der Werbung schlagen vielleicht am stärksten Turners Berufserfahrungen durch, meint man in seinem Umfeld. Dass der Ex-Werber jetzt aber massiv seine Erfahrung ausspielen und mehr privates Geld in den Wahlkampf pumpen würde, sei nicht der Fall.

Ein Kapitel, das Turner nicht schätzt. Wie viele Millionen er als Verkäufer von Unternehmensbeteiligungen scheffelte, beschäftigt die Fantasie mancher Menschen. Da gebe es „bekloppte Spekulationen“, sagt er. Die Leute, die er treffe, wollten nur wissen, ob er unabhängig sei. Und so fühlt er sich.

Ein gewisser Hang zu ausgefeilten Slogans ist ihm aus der Werbezeit auf jeden Fall geblieben. Aber manchmal überzieht er. Und er weiß auch: Die Herausforderung im Wahlkampf sei es, „kein dummes Zeug zu reden“ und möglichst wenig Fehler zu machen. Nicht immer gehen seine Gratwanderungen gut. Die Gefahren, die sich aus Stuttgarts Abhängigkeit vom Automobilbau ergeben, bezeichnete er laut Industrie- und Handelskammer als „Klumpenrisiko“. Das wird ihm die Wirtschaft nicht so schnell vergessen. Die IHK war zu Wahlkampf-Beginn auch vom bürgerlichen Bewerber enttäuscht. Die Wirtschaft tickt auch anders als Turner, der von sich sagt: „Ich bin ein Freund von Versuchen, deren Ausgang man nicht kennt.“

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