Drei Freundinnen haben bei den Dreharbeiten mitgemacht. Foto: oh/Bogdan Vlasceanu

Cybermobbing kann extrem verletzen und während Corona hat es stark zugenommen. Darüber möchte der Video-Clip einer Nürtingerin jetzt aufklären.

Nürtingen - Hey Brillenschlange, wie siehst du denn aus?“ Zwei Freundinnen beleidigen ein Mädchen und schubsen es hin und her. „Lasst mich“, fordert die Angegriffene. „Geh mal duschen! Hässlich! Opfer! Heul doch! Macht sie fertig!“, lauten die bösen Kommentare, die kurz darauf auf Instagram gepostet werden. Kurz aber heftig sind die wenigen Szenen, mit denen die Nürtingerin Zejnep Stauch-Demirova das Thema Cybermobbing ins Bild gesetzt hat. Die Tänzerin, Sängerin, Regisseurin und Choreografin hat diesen Video-Clip gedreht, um Mobbing raus aus dem Verborgenen mitten ins Rampenlicht zu holen und den Opfern Hilfsangebote aufzuzeigen.

 

Das Thema Mobbing beschäftigt Stauch-Demirova schon seit geraumer Zeit. „Ich habe es vor allem beim Tanzen mitbekommen. Da nehmen die Jugendlichen untereinander Videos auf.“ Und manchmal landeten diese beispielsweise mit Hasenzähnen oder Verzerrungen verunstaltet im Netz, berichtet die Nürtingerin, die im Jugendhaus am Bahnhof Tanztraining anbietet und in der Ganztagsbetreuung an zwei Schulen arbeitet. „Mir ist aufgefallen, dass Cyber-Mobbing während Corona stark zugenommen hat, davon sind auch Lehrer betroffen.“ Manchmal hätten sich die Mobber zwar entschuldigt, aber Stauch-Demirova glaubt, dass viele gar nicht recht wüssten, was sie da tun.

Über Mobbing wird selten gesprochen

„Hier kann mit wenigen Sätzen viel angerichtet werden“, beschreibt die Sozialpädagogin Antonia Jaksche, die im Jugendhaus Nürtingen als Standortleiterin fungiert, die Auswirkungen. Über Mobbing werde selten geredet, denn die meisten Betroffenen suchten die Fehler bei sich selbst nach dem Motto: „Ich bin halt so hässlich, ich sollte vielleicht abnehmen.“ Oder: „ Ich bin selbst schuld“, lauteten häufig die Reaktionen.

Vor allem die Jüngeren, Fünft- und Sechstklässler zum Beispiel, seien unglaublich verletzlich, weil sie ihren Platz noch nicht gefunden haben auf dem Weg vom Kind zum Jugendlichen. Und je jünger, umso härter treffe Mobbing die Betroffenen. „Sie haben in sich beide Anteile, das ist typisch für diese Zeit“, erklärt die Pädagogin. Eine zentrale Frage in diesem Alter sei außerdem: „Was kriege ich für Rückmeldungen?“ Und der für unsere Gesellschaft typische Körperkult verstärke diesen Effekt noch.

Beleidigungen können eine große Wirkung haben

Die Identitätsfindung sei ein langer Prozess, sogar Erwachsene seien damit oft noch beschäftigt. Man wisse aus der Entwicklungspsychologie, dass sich das Selbst frühestens mit zwölf Jahren ausbilde. Und das gelte im Übrigen auch für das Gewissen, das sei bei den Zehn- bis Elfjährigen erst im Werden. Aber man dürfe auch nicht vergessen, dass der Großteil der Kinder und Jugendlichen verantwortungsvoll mit den digitalen Medien umgehe.

Wenn aber Beleidigungen in den sozialen Medien landeten, sei die Verbreitung schnell ganz groß und lasse sich oft nicht so leicht stoppen. „Hier kann man mit wenigen Sätzen sehr viel Schaden anrichten“, resümiert Jaksche und setzt auf Sensibilisierung. Das Video von Stauch-Demirova sei das richtige Medium und „verdammt gut gemacht“. „Ich wünsche dem Video eine ganz große Reichweite“, sagt sie, und meint, der Kreisjugendring werde den Clip auf seiner Homepage verlinken. „Wir müssen auf diese Gefahren vorbereitet sein“, fordert Jaksche, und die Hilfsangebote sollten ständig kommuniziert werden.

Die Hilfsangebote müssen noch bekannter werden

Stauch-Demirova, die sonst vor allem Musikvideos dreht, hat ihren neuesten Clip mit ihrer Tochter und deren beiden besten Freundinnen in den Hauptrollen umgesetzt. „Wegen Corona waren wir ein kleines Team“, berichtet sie von den Dreharbeiten, die für alle Beteiligten sehr emotional gewesen seien. „Alle haben bei den Aufnahmen geweint.“ Jetzt wünscht sie sich, dass sich Gemobbte eher trauen, den Mund aufzumachen, denn das Gespräch darüber sei das Wichtigste.

„Cybermobbing tut weh“, sagt Stauch-Demirova in dem Video. „Sprich darüber, es gibt Hilfe, du bekommst Hilfe“, lauten die Botschaften, die Betroffene ermutigen sollen. Stauch-Demirova möchte Schulen, Jugendhäuser und andere Einrichtungen davon überzeugen, ihr Video zu teilen und gleichzeitig die jeweiligen Anlaufstellen für Mobbingopfer im Abspann zu platzieren. Und davon gibt es eine ganze Menge, erklärt die Sozialpädagogin Jaksche. Allen voran die Nummer gegen Kummer, aber auch Juuuport, eine ebenfalls vertrauliche Beratung, die online bei Cybermobbing und anderen Problemen im Netz hilft und vor allem aber auch die Schulsozialarbeiter an den Nürtinger Schulen.

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Infos und Hilfe per Telefon und im Internet

Video
„Du bist nicht allein! - Aktion gegen Cybermobbing“ titelt Stauch-Demiorvas Video-Clip. Zu finden im Netz unter: https://youtu.be/iva2GQ9vIks

Hilfe
Nummer gegen Kummer, das Kinder- und Jugendtelefon ist erreichbar unter 116 111. Die telefonische Beratung findet montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr statt, anonym und kostenlos in ganz Deutschland. JUUUPORT.de ist eine bundesweite Online-Beratungsplattform für junge Menschen, die Probleme im Netz haben. Ehrenamtlich aktive Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland, die JUUUPORT-Scouts, helfen Gleichaltrigen bei Online-Problemen wie Cybermobbing, Stress in sozialen Medien, Online-Abzocke und Datenklau. Die Beratung via Kontaktformular oder via WhatsApp ist datenschutzkonform und kostenlos. Kontakt: www.juuuport.de/beratung