Im November 1943 wird Golda Bancic zusammen mit 22 Männern der Groupe Manuachian von einer Sondereinheit der französischen Polizei verhaftet. Foto: Archives de la Préfecture de Police de Paris – GB 171

Als einziges Mitglied der französischen Widerstandsgruppe Manouchian wurde Golda Bancic 1944 in Stuttgart hingerichtet. 80 Jahre später werden sie und ihre Kameraden postum geehrt.

Louis Aragons Gedicht „Strophes pour se souvenir“ (Strophen zur Erinnerung) aus dem Jahr 1955 gehört zum kulturellen Kanon Frankreichs. Ebenso das kurz darauf entstandene Chanson „L’Affiche Rouge“, mit dem Léo Ferré die Verse des Dichters vertont hat. In dieser Hommage an die Widerstandsgruppe FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – Main-d’œuvre immigrée) heißt es: „Der Tod blendet die Augen der Partisanen nicht. Sie hatten ihre Porträts an den Wänden unserer Städte.“

 

Wie der Titel des Lieds verweisen diese Wände auf ein 1944 verbreitetes rotes Propagandaplakat, mit dem die Vichy-Behörden im besetzten Frankreich eine Gruppe von kurz zuvor verhafteten, überwiegend ausländischen und jüdischen Résistance-Kämpfern als Kriminelle verunglimpfen wollten: Es zeigt Mitglieder der sogenannten Groupe Manouchian, benannt nach ihrem Anführer, dem armenischen Dichter und Kommunisten Missak Manouchian.

Ein Platz in der Ruhmeshalle der Grande Nation

Dutzende von Anschlägen gegen die deutschen Besatzer gehen allein im Jahr 1943 auf das Konto dieser internationalen Widerstandsgruppe. Sie bestand vor allem aus Flüchtlingen verschiedener europäischer Länder, hatte aber auch Franzosen in ihren Reihen.

Die aufsehenerregendsten Attentate der Gruppierung waren der Anschlag auf den SS-Offizier Julius Ritter, zuständig für die Organisation der Zwangsarbeit von Franzosen in Deutschland, sowie auf den deutschen Kommandanten von Groß-Paris. Das Attentat auf General Ernst Schaumburg misslang allerdings. Darüber hinaus war die Gruppe spezialisiert auf Eisenbahnanschläge.

80 Jahre nach der Hinrichtung von 21 Mitgliedern der Widerstandsgruppe auf dem Mont Valérien bei Paris werden am Mittwoch, 21. Februar, auf Anordnung von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron die sterblichen Überreste von Missak Manouchian und seiner Frau Mélinée ins Pariser Pantheon überführt. Ein außerordentliches Ereignis: Zum ersten Mal wird damit in der Ruhmeshalle der Grande Nation ein ausländischer Widerstandskämpfer bestattet. Nicht wenige Kommentatoren sehen im Zeitpunkt der „Pantheonisation“ des Immigranten und Antifaschisten Manouchians ein deutliches politisches Zeichen des französischen Staatspräsidenten. „Die Ehrung“, sagt denn auch Florence Hervé, eine in Düsseldorf lebende deutsch-französische Publizistin, „ist eine Antwort auf die Rechtsextreme in Frankreich.“

In Stuttgart erinnert nur ihr Name an einer Stele an Golda Bancic

1944 verfehlte L’Affiche Rouge, das rote Plakat, sein Ziel, die Ausländer im Dienst der Résistance bei den Franzosen verächtlich zu machen. Die Kämpfer der Groupe Manouchian wurden stattdessen zu Helden, die Plakate massenhaft überschmiert.

Nicht abgebildet war darauf die einzige Frau, die beim Scheinprozess gegen die Gruppe im Februar 1944 zum Tode verurteilt wurde: Golda Bancic, eine aus Rumänin stammende Jüdin und Kommunistin, die in Frankreich den Vornamen Olga trug.

Anders als ihre männlichen Kampfgenossen wurde Bancic nicht im Februar 1944 in der Festung auf den Mont Valérien erschossen, sondern fiel am 10. Mai, am Tag ihres 32. Geburtstags, im Lichthof des Stuttgarter Justizgebäudes dem Fallbeil zum Opfer. Von der Hinrichtung auf dem Mont Valérien, der heute Erinnerungsort ist, existieren drei heimlich gemachte Fotos eines deutschen Unteroffiziers. An die Hinrichtung Bancics in Stuttgart erinnert nur ihr Name auf einer der Stelen vor dem Landgericht in der Urbanstraße, mit denen an die 423 hier unter der Herrschaft der Nationalsozialisten hingerichteten Opfer gedacht wird.

Flucht ins französische Exil

Bancic, die 1912 im damals zum russischen Kaiserreich gehörenden Chișinău geboren wurde, entstammt einer jüdischen Familie. Wie die Frauenrechtlerin Hervé in ihrer Biografie über sie schreibt, arbeitet Bancic schon früh in einer Matratzenfabrik und nimmt im zwischenzeitlich zu Rumänien gehörenden Bessarabien an Arbeitskämpfen und Streiks teil. „Bei ihrer ersten Inhaftierung war sie zwölf Jahre alt“, so Hervé. In Bukarest, wo Bancic Marxismus studiert, lernt sie den Dichter und Kommunisten Jacob Salomon kennen. Mit ihm, der unter dem Pseudonym Alexandru Jar als Schriftsteller bekannt wird, flieht sie nach einer ihrer vielen politisch motivierten Haftstrafen 1938 ins französische Exil. Kaum angekommen, hilft sie dabei, für die Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg Waffen zu schmuggeln.

Ein Jahr später, 1939, kommt ihre Tochter Dolorès zur Welt. Für die jüdische Familie ist das Leben in Paris, wie Hervé schreibt, nach der Besatzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten schwierig und gefährlich. Die Nazis internieren Bancics Mann 1941 im berüchtigten Sammellager Drancy. Ihm gelingt jedoch die Flucht.

Spätestens ab Anfang 1942 schließt sich Bancic dem Widerstandskampf der FTP-MOI an. Unter ihrem Dach operiert auch die Gruppe Manouchian. Bancic trägt fortan den Decknamen „Pierrette“. Die ihr zugedachte Aufgabe ist typisch für Frauen im Widerstand: Waffen, Munition und Granaten verstecken, transportieren und bei Attentaten an die Kämpfer verteilen. „Das war hochgefährlich“, so Hervé, die auch über die Rolle von Frauen im französischen Widerstand geschrieben hat. Weil Frauen weniger verdächtig als Männer sind, transportieren sie Waffen und Sprengmaterial in Kinderwagen oder Einkaufstaschen direkt an die Anschlagsorte. Aufgrund des hohen Risikos lebt die Familie von Golda Bancic inzwischen nicht mehr zusammen. Ihre Tochter Dolorès bringt sie bei Franzosen unter.

Fürchteten die Nazis, dass eine junge Frau Mitleid erregt?

Dann kommt der November 1943: „Pierrette“ wird zusammen mit 22 Männern der Groupe Manuachian von einer Sondereinheit der französischen Polizei verhaftet, darunter auch der Armenier selbst. Golda Bancic wird gefoltert, gibt aber, wie Hervé schreibt, „keine Informationen und keinen Namen preis“. Es folgt im Februar der mutmaßliche Scheinprozess, von dem Sabrina Müller, Historikerin am Haus der Geschichte Baden-Württemberg, sagt, dass es nicht gesichert sei, ob er überhaupt stattgefunden hat. Alle Todesurteile, außer das von Bancic, werden kurz darauf vollstreckt.

Vermutlich weil sie eine Frau ist, taucht sie nicht auf den roten Plakaten auf. Fürchteten die Nazis, dass eine junge Frau Mitleid erregt? Auch, dass sie nicht mit ihren Kampfgenossen erschossen wurde, bleibt letztlich „ein Paradox“, wie Hervé betont. Zwar war das Füsilieren von Frauen nach dem französischen Gesetz verboten. Doch es sei natürlich dennoch unter der Naziherrschaft vorgekommen, sagt Hervé.

Bancic wird zuerst nach Karlsruhe überstellt, dann, am 3. Mai 1944, schließlich nach Stuttgart. In welchem Gefängnis sie hier ihre letzten Tage verbringt, ist unbekannt. Sicher ist, dass ihr Name in einem Gefangenenbuch auftaucht, das im Staatsarchiv in Ludwigsburg verwahrt liegt, wie die in Stuttgart lebende Französin Françoise Rudisile betont. Rudisile ist in der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber engagiert. „Anders als häufig behauptet, fand in Stuttgart kein Prozess mehr statt“, ist sich Rudisile nach ihren Recherchen in den Akten sicher.

Berührende Worte aus der Todeszelle

Von Bancic ist ein letzter Brief, datiert auf den 9. Mai 1944, erhalten. Er ist an ihre Tochter Dolorès gerichtet. Ob sie den Brief in französischer Sprache bei der Überstellung oder im Gefängnis aus dem Fenster geworfen hat, wie vielfach beschrieben, oder doch übergeben konnte, ist unklar. In der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, so Rudisile, finde sich jedoch ein Beleg dafür, dass der Brief über das französische Rote Kreuz in Frankreich angekommen ist.

Aus der Todeszelle schreibt sie diese Zeilen: „Mein liebes, kleines Kind, meine liebe kleine Liebe. Deine Mutter schreibt den letzten Brief, mein liebes kleines Mädchen, morgen, den 10. Mai, 6 Uhr, werde ich nicht mehr sein. Meine Liebe, weine nicht, deine Mutter weint auch nicht. Ich sterbe mit gutem Gewissen und in der Überzeugung, dass du morgen ein glücklicheres Leben und eine glücklichere Zukunft haben wirst als deine Mutter. (. . .) Ich umarme dich von ganzen Herzen, sehr, sehr. Auf Wiedersehen, meine Liebe. Deine Mutter.“