Stefan Karner, hier bei seinem Vortrag im November 2022 in Sindelfingen, forscht weiter zur Vergangenheit des Kriegsverbrecher Sigfried Uiberreither. Foto: Stefanie Schlecht

Noch ist die Frage, wie der NS-Kriegsverbrecher Sigfried Uiberreither 40 Jahre lang unbehelligt in Sindelfingen leben konnte, ungeklärt. Der Grazer Historiker Stefan Karner war nun wieder in Sindelfingen, um neue Hinweise zu sammeln.

Warum kam der ehemalige NS-Gauleiter Sigfried Uiberreither kurz nach dem Krieg 1947 nach Sindelfingen? Wer verhalf dem Kriegsverbrecher zur Flucht? Wer ihm unterzutauchen, eine neue Identität anzunehmen und mit Frau und drei Kindern unbehelligt in der aufstrebenden Daimlerstadt zu leben? Die Geschichte des steirischen Nazi-Funktionärs Uiberreither, der sich in seinen 37 Lebensjahren, die er in Sindelfingen verbrachte, Friedrich Schönharting nannte, bleibt ein Rätsel. Ein Rätsel, dem sich Stefan Karner, Geschichtsprofessor aus Graz, vor Jahren bereits angenommen hat, um es – gemeinsam mit Sindelfingern – zu lösen.

 

Nun weilte der Grazer Historiker erneut einige Tage in Sindelfingen. Wie schon im November 2022, als Karner für Nachforschungen und einen öffentlichen Vortrag von der Steiermark ins Schwabenland kam, suchte er den Kontakt mit ehemaligen Weggefährten der Schönhartings. „Bei meinem erneuten Besuch ging es mir darum, nochmals persönlich mit Zeitzeugen über den Menschen zu sprechen, den die Sindelfinger bekanntlich als Friedrich Schönharting kannten, der eigentlich aber der flüchtige Kriegsverbrecher Sigfried Uiberreither aus Graz war. Jedes Gespräch mit Menschen, die die Uiberreithers kannten, trägt dazu bei, das unvollständige Bild dieses Mannes und seiner Frau Käte zu vervollständigen“, erklärt Stefan Karner.

Spurensuche – leider ohne schriftliche Dokumente aus Sindelfingen

Während die Quellenlage zur ersten Lebenshälfte des 1908 in Salzburg geborenen Sigfried Uiberreithers ausreichend und gut erforscht ist, fehlen zum „zweiten Leben“ des Nazi-Funktionärs und Hitler-Vertrauten die entscheidenden Infos. Der ehemalige Kulturamtsleiter Horst Zecha möchte Karner bei der „archäologischen Suche“ nach der Wahrheit behilflich sein. Doch auch er kann auf keine Akten aus dem Archiv der Stadt Sindelfingen zurückgreifen. „Dadurch, dass die Ansiedlung der Familie verheimlicht werden sollte, gibt es heute keine schriftlichen Quellen, die Aufschluss darüber geben könnten, wie Uiberreither hierherkam, warum, wer davon wusste und wer ihn über diesen langen Zeitraum auch schützte“, erläutert Zecha auch im Hinblick auf die Firma Bitzer, bei der Uiberreither Jahrzehnte arbeitete, und den ehemaligen Bürgermeister Arthur Gruber, dessen Rolle undurchsichtig bleibt.

Umso wichtiger seien daher die Hinweise aus der Sindelfingen Bevölkerung, betont Professor Karner. „Man muss sich die Forschung hier wie ein Puzzle vorstellen, bei dem uns wichtige Teile noch fehlen. Meine Arbeit liegt darin, dieses Puzzle vollständig zu haben. Das ist aber nicht leicht, da Dokumente über die Hintergründe seiner Ankunft in Sindelfingen nicht oder nicht mehr existent sind. Also bedarf es der Informationen von Zeitzeugen. Jedes Detail kann wichtig sein, jedes Detail aus dem ehemaligen Umfeld kann ein Indiz sein“, sagt Karner. Inwieweit die Hinweise aus der Bürgerschaft vom November oder auch im Rahmen seines jetzigen Besuches den Historiker näher an sein Ziel gebracht hat, will Karner nicht verraten. Genauso wenig, ob mit den vier Söhnen zuletzt wieder Kontakt gepflegt und über die Familiengeschichte gesprochen wird. „Dazu sagen wir nichts“, so Stefan Karner und Horst Zecha unisono.

Optimistisch, die Wahrheit ans Licht zu bringen

Das Jahr 2023 soll jedenfalls weiter genutzt werden, die Zeit der Uiberreithers in Sindelfingen näher zu beleuchten. „Sowohl die Stadtverwaltung als auch ich als Historiker werden dieses Jahr daran arbeiten, die entscheidenden Mosaiksteine zu finden. Dafür wird es weiterhin einen regen Austausch mit den Sindelfingerinnen und Sindelfingern geben“, bekräftigt Stefan Karner.

Sollte sich die Informationslage, auch durch Inanspruchnahme weiterer staatlicher und halbstaatlicher Archive, verbessern, könne sich Karner vorstellen, bis Anfang 2024 ein Buchmanuskript zusammenzuhaben. Darin stünden dann im besten Fall die Antworten, die sich gerade auch jene Sindelfinger wünschen, die einst nichts ahnend Tür an Tür mit der integrierten, aber zurückgezogenen Familie gelebt haben. Ein Buch, das mehr sagen kann über den Mann, der als Gauleiter und Reichsstatthalter in der Steiermark für Tausende von Deportationen, Vertreibungen und Ermordungen verantwortlich war und der Hinrichtung entkam.