Das Fluggefühl ist zurück: Skispringer Andreas Wellinger will bei der WM in Planica Medaillen gewinnen. Foto: dpa/Darko Bandic

Der Olympiasieger von 2018 hat seine verletzungsbedingte Krise überstanden. Bei der Weltmeisterschaft in Planica gilt er als aussichtsreichster deutscher Skispringer – was zeigt, wie groß seine Nehmerqualitäten sind.

Skispringer lieben die Extreme. Sie schweben immer über dem Abgrund, ständig droht der große Absturz. Manchmal geht es nicht nur auf der Schanze, sondern auch in der Karriere in kürzester Zeit von ganz oben nach ganz unten. Andreas Wellinger weiß, wie sich das anfühlt: „Wäre ich ein Boxer, würde ich sagen, dass ich in den letzten Jahren richtig oft auf die Fresse bekommen habe.“ Ist nun die Zeit gekommen, um zurückzuschlagen?

 

Fakt ist: Andreas Wellinger (27) hat erfolgreich um seine Zukunft gekämpft. Bei der WM in Planica will er wieder Medaillen gewinnen, und es gibt nicht wenige, die ihm den Sprung aufs Podest durchaus zutrauen. Was der ultimative Beweis dafür wäre, wie groß seine Nehmerqualitäten sind.

Andreas Wellinger: ein Star zum Anfassen

Rückblende. Niemand, der dabei war, wird dieses Bild je vergessen. Es war 1.30 Uhr in einer bitterkalten Nacht in Pyoengchang, als Andreas Wellinger in einem Zelt in der Nähe der Schanze zum Gespräch bat. Es gab nur wenig Platz, also hockte sich der neue Olympiasieger im Schneidersitz auf ein kleines Podest, die Journalisten postierten sich drum herum. Locker, fröhlich und völlig unbeschwert plauderte der Skispringer über den wichtigsten Satz seines Lebens, präsentierte sich als Star zum Anfassen – und sollte schon bald darauf die Kehrseite der Medaille kennenlernen.

Andreas Wellinger, hochdekoriert bei Olympischen Spielen (1x Gold, 2x Silber 2018 in Pyoengchang, 1x Gold 2014 in Sotschi) sowie einer Weltmeisterschaft (1x Gold, 2x Silber 2017 in Lahti) und das strahlende Gesicht des Skispringens in Deutschland, machte im Juni 2019 die Erfahrung, dass Sport auch schmerzhaft sein kann. Er stürzte im Training, zog sich einen Kreuzbandriss im rechten Knie zu, auch beide Menisken waren betroffen. Den nächsten Winter verbrachte der Mann vom SC Ruhpolding im Kraftraum und vor dem Fernseher. Vor der Rückkehr auf die Schanze im Frühjahr 2020 besuchte er seine Schwester in Australien – und brach sich beim Surfen das Schlüsselbein. Auch im nächsten Winter kam er nicht recht auf die Beine, entweder fehlte die Form oder die Konstanz, manchmal auch beides.

Stefan Horngacher ist nicht überrascht von Andreas Wellinger

Wellinger gehörte zwar weiter zum Weltcup-Team, sprang aber öfter in zweitklassigen Wettbewerben und wurde nicht für die Heim-WM 2021 in Oberstdorf nominiert. Ein Jahr später raubte ihm kurz vor den Olympischen Spielen in Peking eine Corona-Infektion die letzte Chance auf das Flugticket nach China. Andere wären verzweifelt, zum Naturell von Andreas Wellinger würde das nicht passen. „Skispringen ist das, was ich am liebsten mache“, sagt er, „die Leidenschaft dafür habe ich nie verloren.“ Die Qualität auch nicht.

Schon im vergangenen Sommer zeigte sich, dass Wellinger weiterhin über großes Potenzial verfügt. „Er hat zu 99 Prozent den Ton in der Mannschaft angegeben“, sagt Stefan Horngacher. Folglich überraschte den Bundestrainer auch nicht, was danach auf Eis und Schnee passierte: Andreas Wellinger hat die teaminterne Konkurrenz um Karl Geiger und Markus Eisenbichler überflügelt, ist Sechster im Gesamtweltcup und der einzige deutsche Siegspringer des Winters. Vor zwölf Tagen gewann er, mehr als vier Jahre nach seinem letzten Podestplatz, in Lake Placid. Die emotionalste Gratulation kam vom Norweger Halvor Egner Granerud. „Im Sport geht es darum, gegen sich selbst anzutreten und sich zurückzukämpfen, wenn das Leben einen auf den Boden geworfen hat“, erklärte die aktuelle Nummer eins der Welt, „Andreas Wellinger auf der obersten Stufe zu sehen war wirklich schön. Er hat es sich verdient.“ Und wird sich damit nicht zufriedengeben.

Der Sieg fühlte sich „ziemlich geil“ an

Im Skispringen kommt es auf viele Faktoren an. Wer es richtig weit bringen will, benötigt auch eine enorme mentale Stärke. Andreas Wellinger mangelt es daran nicht. „Ich hatte nie Zweifel, habe den Glauben an mich und an das, was ich zu leisten imstande bin, nie verloren“, sagt er, „aus negativen Erfahrungen kann man viel lernen. Deshalb bin ich als Leistungssportler, was die Persönlichkeitsentwicklung angeht, sicherlich recht weit. Aber immer noch nicht am Ende.“ Schließlich würden auch weitere Medaillen prägen.

Für die WM in Planica hat sich Wellinger jedenfalls viel vorgenommen. Vor allem die beiden ersten Wettbewerbe (Einzel, Mixed-Team) an diesem Wochenende hat er im Blick. Dann geht es auf die Normalschanze, die er bei den Lehrgängen im Sommer schätzen lernte. Nun kommt die passende Form hinzu. „Der Sieg in Lake Placid hat sich ziemlich geil angefühlt“, sagt Wellinger, „ich springe derzeit sehr konstant, will natürlich um Podestplätze kämpfen. Alles andere wäre gelogen.“

Eine Karriere der Extreme

Wahr ist aber auch, dass die WM für die deutschen Skispringer noch wichtiger ist als ohnehin schon. Denn sie haben maue Monate hinter sich. Nach der verkorksten Vierschanzentournee erklärte Sportdirektor Horst Hüttel zudem, dass die Mannschaft und Stefan Horngacher nun in Planica gefordert seien. Der Bundestrainer setzt vor allem auf Andreas Wellinger. „Er hat die Führung im Team übernommen“, erklärt Horngacher, „für die WM ist er unser aussichtsreichster Springer.“ Was dem Coach ziemlich viel Respekt abnötigt: „Er ist einer der wenigen Athleten, die es in unserem Sport geschafft haben, nach einem Kreuzbandriss wieder auf ein derart hohes Niveau zu kommen.“

Auch das passt zu Andreas Wellinger – und zu seiner Karriere der Extreme.