Adolf Erik Nordenskiöld unterwegs im ewigen Eis Foto: imago/Artokoloro

Die Nord-Ost-Passage, die einen schnellen Seeweg zu den Schätzen Asiens versprach, lockte jahrhundertelang Seefahrer ins Verderben. Erst in der Neuzeit gelang es einem umsichtigen Schweden, die tückische Seestrecke zu bezwingen.

Tagebuch des Expeditionsleiters, Eintrag vom 28. September 1878: „Die Nächte sind schon ziemlich dunkel und kalt. Neueis bildet sich, wird stärker, hemmt spürbar unsere Fahrt. Wind aus Norden frischt auf, packt Eis zu Wellen und Hügeln aufeinander. Ein starkes großes Eisfeld blockiert die Weiterfahrt, gegen das die Dampfmaschine nicht ankommt.“

 

Schon Stunden später ist allen klar, dass an eine Fortsetzung der Fahrt nicht mehr zu denken ist. So auch dem Leiter der Expedition, Adolf Erik Nordenskiöld: „Das Missgeschick war umso schwerer zu ertragen, als ich zugeben musste, dass wir demselben hätten entgehen können, wenn wir nur einige Stunden früher die Koljutschin-Bucht erreicht hätten.“ Nun aber wird man den langen, dunklen, arktischen Winter vor der Nordküste Ostsibiriens durchstehen müssen.

Abkürzung auf dem Weg in den Osten

Die „Vega“ ist auf der Suche nach der Nord-Ost-Passage. Dass es diesen Seeweg geben muss, vermuten Seefahrer schon lange. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts werden immer wieder Versuche unternommen, Eurasien auf der nördlichen Route zu umfahren, von der man hofft, dass sie viel kürzer sei als der mühselige Weg um die Südspitze Afrikas oder Südamerikas herum. Aber immer wieder erweist sich das packeisgespickte Polarmeer als unbezwingbar für die von Wind und Strömung abhängigen Segelschiffe.

Adolf Erik Nordenskiöld, geboren am 18. November 1832 in Helsinki, will es wissen. Er kennt sich aus mit eisigen Gewässern. Schon in jungen Jahren auf Fahrten nach Spitzbergen hat er sich als Geograf und Geologe bewährt. Er unternimmt 1875 und 1876 zwei Reisen durch die Karasee bis zur Mündung des Jenissej. Seitdem lässt ihn die Welt des arktischen Eises nicht mehr los. Er will als erster Europäer die Durchfahrt durch die Nord-Ost-Passage erzwingen.

Mit der „Vega“ durch arktische Gewässer

Am 26. Januar 1877 stellt er sein Projekt König Oscar II. vor und scheint dabei sehr überzeugend zu sein. Selbst für den Fall, dass man den arktischen Gewässern nicht rechtzeitig entkommt und die Expedition im nördlichen Sibirien überwintern muss, gibt der König sein Plazet und sagt jede Unterstützung zu.

Polarerfahrene Seeleute und Wissenschaftler werden angeworben, und in Bremerhaven kauft man ein eigentlich für den Walfang bestimmtes Schiff, das besonders gut für die Fahrt in eisigen Gewässern ausgerüstet ist. Unter anderem hat die 357 Bruttoregistertonnen große Dreimastbark eine 60 PS starke Dampfmaschine, mit der sie sieben Knoten (rund 13 Kilometer je Stunde) macht. Sie wird auf den Namen „Vega“ getauft. Und die schwedische Marine stellt in Louis Palander einen Kapitän ab, der sich in arktischen Gewässern zu Hause fühlt.

Gefangen im Eis

Am 22. Juli 1878 geht die „Vega“ vom schwedischen Kriegshafen Karlskrona auf ihre große Entdeckungsfahrt. Problemlos erreicht sie am 19. August das Kap Tscheljuskin, die polnächste Landspitze Eurasiens. Die umsichtige Art Palanders sorgt dafür, dass die „Vega“ ungehindert die Neusibirischen Inseln und die Bäreninseln passiert und damit Gewässer befährt, in die bislang noch kein Schiff dieser Größe gelangt ist. Die Chancen stehen gut, bald das sibirische Nord-Ost-Kap zu umrunden und noch in diesem Herbst die Beringstraße und damit den Weg in den Pazifik zu erreichen.

Tatsächlich ist die „Vega“ nur zwei Tagesreisen von der Beringstraße entfernt, ehe das Scholleneis immer dicker wird und hochgetürmtes Eis ihr die Weiterfahrt zwischen der Koljutschin-Bucht und dem Kap Serdtse-Kamen versperrt. Die „Vega“ sitzt kurz vor ihrem Ziel im Packeis fest, vor sich den arktischen Winter.

Neuigkeiten aus St. Petersburg

In der Heimat ist man beunruhigt, dass man seit Längerem nichts mehr von der Crew gehört hat. Endlich, am 16. Mai 1879, erreicht eine Nachricht Schweden. Sie stammt vom 6. Oktober 1878. Nordenskiöld hatte sie durch einen Eingeborenen nach Anadyrsk im Nordosten Sibiriens befördern lassen, von wo diese nach Irkutsk gelangt und von dort nach Sankt Petersburg telegrafiert wird.

Inzwischen überwintert die Mannschaft im Eis. Doch darauf ist man dank Nordenskiöld bestens vorbereitet. Es gibt genügend Proviant, die richtige Kleidung und sogar etwas zu tun. Nordenskiöld schickt seine Leute zur Erforschung von Land und Leuten los. An der Küste wird eine Wetterstation errichtet, Zoologen, Botaniker und Ozeanografen, alle sind vollauf beschäftigt.

Gute Stimmung an Bord

Bezeichnend für die gute Stimmung an Bord ist ein Bericht über die Art, wie weit von der Heimat entfernt Weihnachten gefeiert wird. Es gibt Weihnachtsbier, Schinken und sogar einen Weihnachtsbaum, gebastelt aus Reisern und buntem Papier. „Und später am Abend“, notiert Nordenskiöld, „wurden im Zwischendeck fünf Bowlen Punsch serviert, welche bei Gesang und Toasten auf König und Vaterland geleert wurden.“

Als das Frühjahr naht, wächst freilich die Ungeduld. Aber erst Anfang Juli 1879 setzt Tauwetter ein. Am 18. Juli gelingt es, die nunmehr 293 Tage festliegende „Vega“ freizubekommen. Zwei Tage später schwimmt das Schiff wohlbehalten im offenen Wasser der schmalen Meerenge, die Eurasien von Amerika trennt. Die Nord-Ost-Passage ist erstmals bezwungen, die arktische Abkürzung rund 5000 Kilometer kürzer als die Route durch den wenige Jahre zuvor gebauten Suezkanal.

Bombastischer Empfang in Stockholm

Der Jubel in der Heimat kennt keine Grenzen. Doch bis die Helden der „Vega“ heimkommen, vergehen noch neun Monate. Erst am 24. April 1880, rund 22 Monate nach ihrem Start, läuft die „Vega“ in Stockholm ein. Dort bereitet man den Arktisfahrern einen bombastischen Empfang. Der König gibt ein Galadiner für die Seefahrer, und ganz Schweden feiert die Entdecker. Nordenskiöld wird in den Adelsstand erhoben.

Was den „Helden der ,Vega‘“ nur unter größten Anstrengungen gelang, scheint ausgerechnet der Klimawandel zur Normalität werden zu lassen. Das Schmelzen der Pole eröffnet dem Welthandel eine neue Schifffahrtsroute. Im August 2018 fuhr mit der dänischen „Venta Maersk“ das erste Containerschiff die arktische Route.