Schriftstellerin Nora Gomringer Foto: David Ebener

Schreiben ist harte Arbeit. Vor allem, wenn man gut schreibt. Das weiß Nora Gomringer, die jüngst den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Oder war das doch ihre Kollegin Nora Bossong?

Stuttgart - Frau Gomringer, ich spreche mit Ihnen natürlich auch über den Ingeborg-Bachmann-Preis. Wie oft mussten Sie das in den letzten zwei Wochen schon?

Oft, aber immer aus anderen Blickwinkeln. Nur zu!
In Ihrem Gewinner-Prosatext „Recherche“ äußert eine Figur: „Vieles am Schreiben ist widerlich. Weil es die Voyeure anzieht und die Herzlosen.“ Stimmt die Autorin Nora Gomringer dem zu?
Schreiben ist etwas sehr Schönes, weil man einem großen, selbst formulierten Auftrag folgt. Andererseits ist am Schreiben selbst gar nicht so viel sehr schön. Es ist eine sehr anstrengende Arbeit, die Selbstdisziplinierung erfordert. Man hat aber immerhin die Möglichkeit, viele Eindrücke, die einen beschäftigen, zu verarbeiten. Wie eine Kaffeemaschine: Man nimmt viele Dinge in sich auf und jagt diese durch alle Filter. Am Ende entsteht ein Extrakt.
Sie sind bislang vor allem als Lyrikerin in Erscheinung getreten. Hat Sie der Erfolg überrascht?
Während der 15 Jahre, in denen ich jetzt Schriftstellerin bin, habe ich etwa 20 bis 25 Prosatexte veröffentlicht. Ich weiß nicht, warum man nur monobegabt sein soll.
Wie kommen Sie mit Ihrem Roman voran? Zahlreiche Medien berichteten, Sie würden sich jetzt einem solchen widmen.
Dem ist nicht so.
Also eine Falschmeldung?
Ja. Ich sagte lediglich: „Ich denke darüber nach, einen Roman zu schreiben.“ Ich denke über vieles nach.
Sie waren auch als Poetry-Slammerin sehr erfolgreich.
Poetry-Slam mache ich aber seit fast zehn Jahren nicht mehr.
Sehen Sie einen künstlerischen Qualitätsunterschied zwischen Poetry-Slammern und klassisch in Erscheinung tretenden Lyrikern und Literaten?
Beide haben ganz andere Ansätze bei der Arbeit und Präsentation. Ein Slammer kann sich auf einer Bühne sehr gut verkaufen, ein klassischer Dichter mitunter nicht. Man muss dem Slam alle Ehre erweisen: Das bereichert die Literatur- und Textlandschaft Deutschlands ungemein.
Warum haben Sie dann aufgehört?
Aus wirtschaftlichen und zeitlichen Gründen. Damals gab es vielleicht drei bis vier Slammer, die davon leben konnten, indem sie ständig rumgereist sind. Zudem mochte ich den Wettbewerb nicht, da hab’ ich nie ­geglänzt.
Moment – Sie sind Deutsche Meisterin im Team-Slam geworden.
Ja, schon, aber der Wettbewerb per se liegt mir einfach nicht. Zum Glück wollten Veranstalter zunehmend, dass ich Einzellesungen halte. Das liegt mir eher. Da bin ich dramaturgisch und kuratorisch gefordert.
Auf Ihrer Homepage heißt es: „Vorsicht! Nora Gomringer könnte Sie amüsieren, irritieren, aus den richtigen Gründen zum Weinen bringen!“ Was fällt Ihnen am schwersten?
Das beständige Amüsieren. Kollegen, die ausschließlich lustige Texte schreiben, sind harte Arbeiter.
Apropos Arbeit: Sie leiten seit fünf Jahren das Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Wann finden Sie Zeit, um zu schreiben?
Ich stehe sehr früh auf und gehe, wenn möglich, früh ins Bett. Ich schreibe am Morgen. Und im Zug: Ich mag es, diese Zeiteinheit zu haben, zu wissen: Jetzt habe ich drei Stunden Fahrt vor mir. Ich schaffe mir Freiräume, wo es geht, aber ich bin oft im Stress. Gerade jetzt ist eigentlich die beste Zeit für einen Herzinfarkt: Es gingen Eintausendsiebenhundert E-Mails bei mir ein.
In welchem Zeitraum?!
Innerhalb von zwei Tagen nach dem Bachmann-Preis. Die meisten freuen sich. Von einem bekam ich aber auch eine E-Mail à la: „Ich hänge Ihnen zehn Gedichte an. Redigieren Sie sie!“ Und als ich fragte, warum ich das tun sollte, antwortete er: „Weil Sie diesen Preis nicht verdient gewonnen haben. Sie müssen noch mehr arbeiten.“ Ich denke immer: Wie viel Zeit haben die Leute eigentlich? Ich weiß gar nicht, wie man den Nobelpreis überleben soll.
Interessanter Mensch, hält wohl sehr viel von Literaturpreisen. Und Sie?
Diese Preisvergaben sind natürlich immer ungerecht. Ich selbst nehme nur an Wettbewerben teil, bei denen ich glaube, eine Chance zu haben. Ich will den Leuten auch keine Zeit wegnehmen.
Zum Bachmann-Preis wurden Sie allerdings vorgeschlagen. Wen muss man dafür bestechen?
Sandra Kegel von der „FAZ“ rief mich an und sagte, sie würde sich dort gerne mit mir präsentieren. Interessante Art der Formulierung, dachte ich. Ein Romanprojekt liegt bei mir seit Jahren in der Schublade. Das habe ich ihr geschickt, sie hat’s nicht gemocht. Für diesen Abend wollte sie etwas anderes. So schrieb ich „Recherche“. Man benötigt ja einen Text mit 25 Minuten Lesezeit. So was fällt mir schwer – ich bin eher Kurzstrecke!
Ach ja, dDie Protagonistin in Ihrem Text zum Bachmann-Preis heißt Nora Bossong, eine Ihrer Kolleginnen auch. Weshalb?
Nora und ich werden aufgrund unseres gemeinsamen Vornamens öfters verwechselt. Ich wurde schon als Nora Bossong angekündigt. Natürlich habe ich sie vorher um Erlaubnis gefragt. Sie hat dann auch einen guten Text geschrieben: „Wie ich den Bachmann-Preis gewann.“ Man kann eben auf unterschiedliche Art und Weise gewinnen.
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