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Nach Prinz Andrews desaströsem TV-Interview rumort es in der britischen Königsfamilie gewaltig. Sein Bruder Charles soll den Schaden kitten.

London - Nach Jahren überwiegend positiver Resonanz bei den Briten verzeichnen die Royals dieser Tage wieder harsche Kritik und bittere Skepsis. Mitten im britischen Wahlkampf wird über den Zustand des Königtums debattiert. Anlass dafür ist die nicht enden wollende Affäre um Prinz Andrew, den Drittgeborenen der Queen. Eine Woche ist es her, dass der 59-jährige Prinz der BBC ein verhängnisvolles Interview gab, das ihn seither verfolgt. 

 

Kopfschüttelnd hörten seine Landsleute in diesem Interview Andrew erklären, wie eng er sich seinem „Freund“ aus dem reichen Jetset auch dann noch verbunden fühlte, als dieser sich längst als Sexualstraftäter erwiesen hatte – weil eben jener Jeffrey Epstein ihm das Leben versüßte mit luxuriösen Unterkünften, Urlaubseinladungen, Flügen im Privatjet, Partys und Lustbarkeiten aller Art. Klar wurde hier auch, wie wenig Mitgefühl der Prinz Epsteins minderjährigen Opfern entgegenbringt. Mittlerweile fordert die Anwältin der damals 17-jährigen Virginia Roberts Rechenschaft von Andrew über drei angebliche sexuelle Begegnungen des Prinzen mit ihrer Mandantin, die Epstein organisiert haben soll, an die sich der Prinz aber partout nicht mehr erinnern kann. 

Andrew soll als Zeuge unter Eid aussagen

Auch andere Epstein-Opfer verlangen, dass Andrew als Zeuge unter Eid aussagt. Von einer Zwangsvorladung vor den High Court in London ist die Rede. Umfragen zufolge glauben nur sechs Prozent der Bevölkerung, dass Andrew gegenüber der BBC die Wahrheit gesagt hat. Kein Wunder, dass sich im Laufe der vergangenen Woche in kurzer Folge ein Sponsor nach dem anderen von den diversen Projekten absetzte, die dem für Businessfragen zuständigen Royal übertragen waren. Zuletzt kündigten ihm die Königliche Philharmonie und das Englische Nationalballett die Schirmherrschaft auf. 

Am Wochenende brachte nun ausgerechnet die konservativ-königstreue „Times“ neue „Enthüllungen“. Der Prinz soll auch auf den Bahamas beim kanadischen Mode-Tycoon Peter Nygard geurlaubt haben, dem ebenfalls sexuelle Vergehen zur Last gelegt worden sind. Was Andrew betreffe, habe es „schon lange Fragen zu seinem Lebenswandel und dazu, wie er ihn finanziert, gegeben“, urteilt das Blatt missbilligend. Ganz zu schweigen von „seiner Grobheit und seiner pompösen Art“. 

Gibt es einen Weg zurück in den Kreis der „diensthabenden“ Royals?

Der plötzlich sich Bahn brechende Verdruss über Andrew ließ diesem keine andere Wahl, als seinen „zeitweiligen“ Rücktritt von seinen öffentlichen Ämtern zu erklären. Am Ende musste er auch sein Büro im Palast räumen. Niemand außer ihm selbst scheint davon auszugehen, dass es einen Weg zurück in den Kreis der „diensthabenden“ Royals für ihn gibt. Weiter im Buckingham-Palast wohnen darf er freilich. Demonstrativ ließ sich die 93-jährige Königin jetzt mit Andrew bei einem kurzen Ausritt sehen. Unterstrichen werden sollte so, dass er natürlich ihr Sohn und Schützling bleibt. In eine Königsfamilie geboren zu sein lässt sich schließlich nicht ungeschehen machen – er bleibt immer ein Windsor. Höchstens aus dem Verkehr ziehen lässt er sich. 

Deutlich wurde jedenfalls, dass Prinz Charles an der „Amtsenthebung“ des jüngeren Bruders – vom Aufenthalt im fernen Neuseeland aus – maßgeblich mitgewirkt hat. Von dem 71-Jährigen wird nun erwartet, dass er mehr und mehr die Führung des Hauses Windsor übernimmt. Zum „Schattenkönig“ müsse Charles jetzt konsequent aufgebaut werden, um die Monarchie eilends zu verschlanken und zu modernisieren, meint warnend die „Times“: damit diese Monarchie nicht zum Schatten ihrer selbst verkommt.