Mit Nnedi Okorafors Lesung im Linden-Museum beginnen die Dragon Days 2017. Foto: Picasa

Mit der Amerikanerin Nnedi Okorafor haben die Dragon Days 2017 eine der angesagtesten Autorinnen der Fantastik zu Gast. Vom 17. bis zum 22. Oktober feiert das Crossmedia-Ereignis wieder quer durch die Stadt Fantasy und Science Fiction.

Stuttgart - Wen werden die Aliens als erstes heimsuchen, wenn sie eines ­Tages die Erde erreichen? Uns Amerikaner natürlich, antwortete das Hollywood der fünfziger Jahre mit einer Folge billig gemachter Invasionsfilme, in denen noch die müdeste US-Provinz mit Ufo-Attacken oder mit dem Einschleichen subversiver Truppen von Körperdieben rechnen musste. Wir Amerikaner sind, verkündete das patriotische Gruselkino des Raketenzeitalters, die erste und letzte Bastion der Menschheit, wir sind die irdische Zivilisation schlechthin. Solch dreiste Blickverengung wirkt nach in den fantastischen Büchern der Amerikanerin Nnedi Okorafor, aber nicht als Vorbild, sondern als unverschämte Provokation, der es vielfältige, überraschende, horizontausweitende Erwiderungen entgegen zu setzen gilt.

Die 43-jährige Okorafor, die am 17. Oktober um 20 Uhr im Linden-Museum die Stuttgarter Dragon Days 2017 (- hier geht’s zum Gesamtprogramm – ) eröffnen wird, ist der am steilsten steigende Stern am Himmel der Fantastik. Die Tochter nigerianischer Eltern bringt etwas in die von westlichen Mythen, Werten und Heldenbildern geprägte Fantasy und Science Fiction ein, was mindestens so bereichernd wirken wird wie der seit dem Manga-Boom anhaltende Ansturm asiatischer Motive und Konzepte in Comics, Filmen und Literatur: die Tradition und die Gegenwart Afrikas.

Auch George R. R. Martin ist Fan

In ihrem Roman „Lagune“ – wie alle deutschen Ausgaben ihrer Werke beim Ludwigsburger Cross-Cult-Verlag erschienen – landen Aliens nicht in New York oder Los Angeles, sondern in Nigeria, in der ­Lagune von Lagos. Es sind denn auch Nigerianer, die mit ihren Ideen von Tod, Teufel, Engeln und Geistern, vom Fremden und vom Integrierbaren, vom Verständigen und vom Grenzenziehen mit den Aliens interagieren müssen. Wobei der Erdboden und das Wasser, auf, in und unter denen die Geschichte spielt, eine spirituell ganz anders aufgeladene Welt darstellen als das Europa oder die USA der gewöhnlichen SF.

Für ihre Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbücher hat die als Universitätsprofessorin in New York Beschäftigte in den letzten Jahren jede Menge Preise gewonnen. Auch namhafte Kollegen sind begeistert von dem, was Okorafor zur Fantastik beiträgt, darunter Ursula K. Le Guin, Neil Gaiman und George R. R. Martin. Letzterer ist so hingerissen von Okorafors Roman „Wer fürchtet den Tod“, dass er einen Seriendeal mit HBO eingefädelt hat und selbst als Produzent tätig werden will. Allen Fans, die bang auf die lang überfällige Fertigstellung von Martins eigenem Epos „A Song of Ice and Fire“ warten, das als TV-Serie „Game of Thrones“ heißt, tritt da Schweiß auf die Stirn.

Frühe Einflüsse

Aber wenn etwas eine weitere Verzögerung von Martins Schaffen lohnt, dann die Beschäftigung mit dem Werk der 1974 in Cincinnati geborenen Okorafor, die ihre ersten Stupser in Richtung Fantastik allerdings gar nicht von afrikanischen Mythen und Märchen erhielt. Sie selbst nennt die Mumintal-Geschichten der Schwedin Tove Jansson und die Werke von Stephen King als entscheidende frühe Einflüsse.

Dass es unüberschaubar viele Querverbindungen zwischen Denkwelten, Fantasiekosmen, Medien und Technologien gibt, das ist die Geburtsidee der dieses Jahr bis zum 22. Oktober dauernden Dragon Days. Ihr Erfinder und Kurator Tobi Wengert setzt sie mit dem Untertitel Crossmedia Fantastikfestival von reinen Lesungs- und Signiertagen ab. Am Mittwoch etwa gibt es im Cannstatter Kursaal um 20 Uhr einen „Superhelden Poetry Slam“, zum Abschluss am Sonntag einen Themenabend zum TV-Klassiker und Multimedia-Phänomen „Doctor Who“ im Kino Metropol.

Fantasy statt Insektenforschung

Nnedi Okorafor, die ursprünglich einmal Insektenforscherin werden wollte, ­bevor sie an der Uni das Schreiben für sich entdeckte, ist in vielerlei Hinsicht ein gutes Beispiel fürs dünkelfreie Flottieren der Ideen und Erzähllust zwischen den diversen Medien und Nischen in der Fantastik. Die Buchautorin entwickelt nebenbei auch Superheldencomics mit schwarzen Hauptfiguren und gibt zu, zum Roman „Lagune“ von einem weißen Kinofilm inspiriert worden zu sein.

Der hochgelobte „District 9“ von Neill Blomkamp aus dem Jahr 2009, eine südafrikanische Produktion, gilt als Wegmarke des afrikanischen Kinos, nimmt er es doch mit den effektsatten SF-Produktionen Hollywoods auf. Aber die Freude darüber wurde für Okorafor gründlich ­getrübt vom Ärger über etwas anderes: „Dieser Film hat die Nigerianer ganz furchtbar dargestellt, als Kannibalen, Kriminelle und Prostituierte. Ohne jeden Grund hat der Film Nigerianer fertig ­gemacht. Ich war extrem wütend.“

Fantastik rückt ins Zentrum

Lange galt Literatur wie die von Nnedi Okorafor, auch und gerade wenn sie erfolgreich war, als Kommerzware für weniger Gereifte. Dass man die im Werden befindliche „Akata“-Buchreihe um Halbwüchsige, die besondere Talente an sich entdecken und damit die Zugehörigkeit zu einer ­geheimen Gesellschaft der spirituell und magisch Begabten, gern als afrikanische Variante von „Harry Potter“ einordnet, ­bestätigt solche alten Herablassungen eher.

Aber im Umgang mit Fantastik ändert sich gerade etwas ganz gewaltig, auch wenn die Herolde der literarischen Trendverkündung bislang versäumt haben, in ihre Trompeten zu stoßen. Viele Bücher der literarischen Bestenlisten der letzten Jahre enthalten fantastische Elemente. Und der diesjährige Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro nutzt ebenso Genremittel wie die Kanadierin Margaret Atwood, die gerade den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat. Passend zur Rückkehr der Fantastik ins Zentrum der Literatur gibt es jetzt auch in Deutschland eine neue, aus Kritikervoten ermittelte Fantastik-Bestenliste, die monatlich zehn herausragende Titel empfehlen will. Spitzenreiter der Debütausgabe im Oktober: Nnedi Okorafors „Lagune“.

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