Neuzugang Daniel Didavi „Der VfB ist nicht wiederzuerkennen“

Von Gregor Preiß 

Der Mann für die Standards und die spielerischen Glanzlichter beim VfB: Daniel Didavi Foto: Baumann
Der Mann für die Standards und die spielerischen Glanzlichter beim VfB: Daniel Didavi Foto: Baumann

Daniel Didavi spricht im Interview über seine schwierige Zeit in Wolfsburg, die emotionale Rückkehr zum VfB Stuttgart und notwendige Kurskorrekturen in der deutschen Nachwuchsarbeit.

Stuttgart - Nach zwei Jahren voller sportlicher Enttäuschungen kehrt der verlorene Sohn zum VfB Stuttgart zurück. Dabei nimmt Daniel Didavi finanzielle Einbußen in Kauf. „Geld ist nicht alles“, sagt er.

Daniel Didavi, welche Überraschung lässt sich die Mannschaft für den frisch gekürten Weltmeister einfallen? Ihr Video an Benjamin Pavard nach dem gewonnenen Viertelfinale dürfte schwer zu toppen sein.
Mal schauen, was wir uns einfallen lassen. Geplant ist bislang noch nichts. Fest steht, dass es für Benjamin, aber auch für den VfB etwas ganz Besonderes ist, einen Weltmeister zu haben. Ich persönlich kenne ihn ja noch gar nicht.
Die Mannschaft hat sich leicht verändert seit Ihrem Abgang nach Wolfsburg . . .
(Überlegt einen Moment und zählt auf): Gente, Baumi, Emiliano sind noch da – das war’s dann auch. Es ist einiges passiert in den vergangenen zwei Jahren.
Welche signifikanten Veränderungen haben Sie wahrgenommen seit Ihrer Rückkehr?
Als wir abgestiegen sind, lag der Verein in Trümmern. Seither hat sich die Stimmung komplett gewandelt. In der Mannschaft, bei den Mitarbeitern im Verein, bei den Fans. Die sportliche Führung war früher kein stabiles Gebilde, auch wenn es mal ein halbes Jahr gut lief. Das empfinde ich jetzt ganz anders. Der VfB ist nicht mehr wiederzuerkennen.
Ihre Rückkehr hat nicht bei allen Fans Begeisterungsstürme ausgelöst. Ist das für Sie eher Hemmschuh oder Ansporn?
Da muss man unterscheiden. Zwischen denen, die sich im Internet negativ äußern. Und den Fans, die mir am Trainingsplatz und im direkten Gespräch Feedback geben. Letzteres ist bisher zu 99,5 Prozent positiv. Das war im Übrigen nicht anders, als ich aus Stuttgart weg bin. Ich war auch danach noch oft in der Stadt unterwegs und musste mir nie blöde Sprüche anhören. Aus dem überragenden Empfang jetzt ziehe ich die Motivation, in jedem Moment zu zeigen, dass ich wieder gern hier bin und mein Bestes für den VfB geben will.
Warum sind Sie eigentlich weg aus Wolfsburg? Finanziell scheint der VfL noch immer eine größere Hausnummer als der VfB zu sein. Das legt zumindest der umgekehrte Wechsel von Daniel Ginczek nach Wolfsburg nahe.
Geld ist nicht alles (lächelt). Das war auch damals nicht mein Beweggrund, nach Wolfsburg zu gehen. Die sportliche Perspektive mit Dieter Hecking als Trainer und Klaus Allofs als Manager gab den Ausschlag. Der Verein war gerade Pokalsieger geworden, wollte in die Champions League. Was nicht nur mir realistisch schien. Dann lief es sportlich leider nicht so wie erwartet. Nach zwei Jahren habe ich gemerkt, dass mir auch menschlich, persönlich etwas fehlt. Meine Rückkehr nach Stuttgart war letztlich eine Herzensentscheidung.
Die auch Gehaltseinbußen von 40 Prozent aufwiegt?
Über finanzielle Dinge rede ich grundsätzlich nicht gerne. Für mich waren rein die sportlichen und emotionalen Gründe für den Wechsel zum VfB ausschlaggebend.
War Wolfsburg im Nachhinein betrachtet ein Fehler?
Ich war damals überzeugt von dem Schritt. Hinterher ist man immer schlauer. Ich bin nach Wolfsburg gegangen, weil ich international spielen wollte. Das hat leider nicht geklappt. Persönlich hat es mich aber weitergebracht. Ich habe in zwei Jahren 60 Pflichtspiele absolviert, viele Scorerpunkte gemacht. Mein Knie hat sich stabilisiert. Insofern will ich die Zeit nicht missen.
Wann reifte Ihr Wunsch nach einer Rückkehr?
Michael Reschke hat schon früh den Kontakt zu mir hergestellt. Im Winter gab es erste Überlegungen, damals wollte der VfL mich aber nicht ziehen lassen.
Schließlich brachte Daniel Ginczek den Deal ins Rollen.
Der neue Manager Jörg Schmadtke hat gemerkt, dass ich nicht ganz glücklich bin. Außerdem gab es mit Yunus Malli ja noch einen weiteren Zehner. Mir wurden keine Steine in den Weg gelegt – plötzlich ging alles ganz schnell.
Sie haben jetzt fünf Jahre in Folge den Kampf gegen den Abstieg in den Knochen. Was macht das aus einem? Als Mensch und als Fußballer?
Fußball sollte eigentlich Spaß machen. Abstiegskampf ist aber immer Druck, da steht der Spaß an hinterster Stelle. Ich habe mich jetzt fünf Jahre in Folge dagegen gestemmt, was mental nicht immer einfach war. Es nagt an einem, macht müde. Ich finde, jetzt reicht es.
In Stuttgart redet niemand mehr von Abstieg.
Ich bin überzeugt davon, dass wir eine gute Rolle spielen können. Auch wenn in der Bundesliga immer alles passieren kann. Wir haben eine sehr stabile Mannschaft, mit einer guten Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern aus der Region.
Der Blick richtet sich nach oben.
Wir wollen unsere Leistung stabilisieren und bewusst keine anderen Ziele formulieren. Ich denke, die ersten vier Mannschaften sind ohnehin ein gutes Stück von den restlichen Teams entfernt. Ab Platz fünf ist in dieser Liga vieles möglich.
Wie sehen Sie Ihre Rolle auf dem Platz? Die Fans erhoffen sich von Daniel Didavi mehr spielerische Glanzlichter.
Es ist ja kein Geheimnis, dass ich mich direkt hinter den Spitzen am wohlsten fühle. Wir wollen aber als Mannschaft so flexibel wie möglich sein und deshalb sicherlich mehrere taktische Varianten einstudieren.
Können Sie eigentlich hinter Ihre lange Krankenakte einen Haken machen?
Das kann man nach zwei Knorpelschäden nie. Mein Knie wird immer meine Problemzone sein. Vor fünf, sechs Jahren gab es Ärzte, die mir prophezeiten, dass ich nie wieder Profifußball spielen kann. Im Vergleich dazu sieht es heute überragend aus. Ich tue auch viel dafür. Ich bin jetzt 28 und komme mit meinem Körper so gut klar wie noch nie in meiner Karriere.
Zum Schluss noch ein Schwenk zum deutschen Fußball. Hatte Mehmet Scholl vielleicht Recht mit seiner Kritik? Werden in Deutschland nur noch Systemfußballer ausgebildet? Haben Spielertypen wie Sie überhaupt noch eine Chance?
Ich mag Mehmet Scholl. Und ich verstehe, was er meint. Wenn ich schon in der D-Jugend ständig mit Gegenpressing und Verschieben konfrontiert worden wäre, wäre aus mir sicher ein anderer Fußballer geworden.
Das heißt, in den Nachwuchsleistungszentren sollte wieder mehr Individualität gefördert werden?
Es geht nicht darum, das komplette System über den Haufen zu werfen. Vieles, was vermittelt wird, ist richtig. Nur sollte nicht zu früh damit angefangen werden.

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