Beliebt bei den VfB-Fans, beargwöhnt im eigenen Verein: Nach einem Jahr im Amt folgen für Claus Vogt entscheidende Wochen.
Stuttgart - Es gehört wieder zu den angenehmen Aufgaben eines Präsidenten des VfB Stuttgart, die Profimannschaft zu ihren Auswärtsspielen zu begleiten. Die individuelle Anreise im Auto oder Zug mag mühsam, so etwas wie Stimmung in den Stadien nicht vorhanden sein – die Hauptsache aber ist: Es macht wieder Spaß, dem VfB zuzuschauen. Und in der Regel gibt es dabei auch noch Punkte.
Mit weiß-rotem Fanschal wird sich Claus Vogt auch jetzt wieder auf die Reise begeben, wenn der Aufsteiger an diesem Samstag (15.30 Uhr) bei Borussia Dortmund gastiert. Mit den Punkten wird es diesmal zwar besonders schwierig – einen Grund zum Anstoßen wird er kurz darauf aber in jedem Falle haben: Am Dienstag jährt sich seine Wahl zum Präsidenten.
Viele belastende Aufgaben
Am 15. Dezember 2019 wurde Claus Vogt von den VfB-Mitgliedern zum neuen Vereinschef bestimmt – und konnte nicht im Ansatz ahnen, was ihm bevorstehen würde: der Ausbruch der Corona-Krise, die nicht nur den VfB in schwere finanzielle Not gestürzt hat; der mit viel Zittern errungene Aufstieg, dem eine Derbypleite beim Karlsruher SC vorangegangen war; die Affäre um die Weitergabe Zehntausender von Mitgliederdaten in den Jahren 2016 bis 2018, die Ende September der „Kicker“ enthüllt und den Club in akute Erklärungsnot gebracht hat. „Es war definitiv kein einfaches, aber ein sehr spannendes und herausforderndes Jahr“, sagt der Mann, der vom Fan zum Präsidenten und Chef des Aufsichtsrats geworden ist und helfen will, den VfB zu erneuern.
Der Vereinspräsident als Kumpel
Nach den turbulenten Jahren unter Wolfgang Dietrich, von vielen Fans als „Spalter“ verschrien, ist Vogt angetreten, die Gräben zuzuschütten und den VfB wieder volksnäher zu machen. Niemand kann ihm vorwerfen, sich nicht größte Mühe zu geben. Kein Fantreffen, an dem der leutselige Facility-Unternehmer aus Böblingen nicht teilnehmen würde, keine Repräsentationsaufgabe, auf die er keine Lust hätte, keine Ehrung, die er nicht höchstpersönlich vornehmen würde. Es kostet ihn keine Mühe, um mit kumpelhafter Art („Ich bin der Claus“) den Eindruck zu vermitteln, dass es nicht persönliche Eitelkeit ist, die ihn antreibt, sondern der Wunsch, seinem Herzensclub zu dienen.
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„Ich kann weder Tore schießen noch Bälle halten“, sagt Vogt, „aber ich denke, dass es mir trotz aller Schwierigkeiten gelungen ist, dass wir rund um den Verein wieder Ruhe haben und sich die Menschen wieder stärker mit dem VfB identifizieren.“ Zwar ist es naturgemäß vor allem dem sportlichen Aufschwung in der ausgegliederten Fußball-AG zu verdanken, dass sich die Stimmung in den vergangenen Monaten deutlich verbessert hat. Seinen Teil hat zweifellos aber auch Vogt beigetragen. Bei den Fans, die früheren Präsidenten wie Wolfgang Dietrich oder Gerd Mäuser in tiefer Abneigung gegenüberstanden, genießt er große Beliebtheit – genau wie der Vorstandschef Thomas Hitzlsperger. Beide haben sich Werte wie Transparenz, Fannähe und Glaubwürdigkeit auf die Fahnen geschrieben.
Verriss im Boulevardblatt
Dennoch steht der neuen Ruhe und Harmonie nach außen ein immer lauter werdendes Rumoren im Innern gegenüber, das ebenfalls mit der Person des Präsidenten zu tun hat. Das bekam Claus Vogt erst in dieser Woche wieder zu spüren, als sich die „Bild“-Zeitung seinem Wirken widmete. In einem ungewöhnlich langen Stück listete das Boulevardblatt vermeintliche „Fehler des Präsidenten“ auf – darunter die Tatsache, dass sich Vogt im Jahr 2017 um einen Platz im Vereinsbeirat beworben habe und vom Ehrenrat mit einem 7:0-Votum abgelehnt worden sei. Man muss kein Insider sein, um zu erahnen, dass solche Informationen nicht zuletzt aus den eigenen Reihen gestreut werden und vor allem ein Ziel verfolgen: den Präsidenten schlecht aussehen zu lassen.
Das Motiv? Einerseits liegt es auf Hand, dass es die noch immer laufende Aufarbeitung der Datenaffäre ist, die zu anhaltender Nervosität führt. Während Vogt den mehr als 70 000 Mitgliedern, deren gewählter Vertreter er ist, die lückenlose Aufklärung versprochen und eine externe Beratungsfirma engagiert hat, besteht in Teilen der alten Führungsriege wenig Interesse daran, dass allzu tief gegraben wird. Schließlich ist es schwer vorstellbar, dass nur jene beiden Mitarbeiter in die Weitergabe der Mitgliederdaten involviert waren, die seit Beginn der Ermittlungen ihre Arbeit ruhen lassen.
Kritiker werfen ihm Naivität vor
Vorbehalte gibt es andererseits aber auch bei Menschen, die nicht im Verdacht stehen, etwas verbergen zu müssen. Vogt, sagen sie, scheue vor Entscheidungen zurück, sei teils naiv und vor allem darauf bedacht, nur ja keine Fehler zu begehen; er sei seiner Rolle nicht gewachsen und lasse sich zu sehr von Einflüsterern von außen beeinflussen. Die Schlussfolgerung: Lange könne das nicht mehr gut gehen.
Es ist gewissermaßen ein Kulturkampf, der einer echten Erneuerung im Weg steht – und der jetzt in die entscheidende Runde geht. Auch nach inzwischen elf Wochen zäher und kostspieliger Aufklärungsarbeit, die noch immer keine Ergebnisse hervorgebracht hat, will sich Vogt von den Widerständen in den eigenen Reihen nicht beirren lassen. Er ist weiter fest entschlossen, auch die dunkelsten Ecken einer Zeit ausleuchten zu lassen, in der der Vereinsführung jedes Mittel recht schien, die Mitglieder auf Linie zu bringen. Er möchte „keinen einzigen Angriffspunkt“ zulassen, es gebe auch „kein Wunschergebnis“. Es könne sein, „dass unbequeme Wahrheiten rauskommen, aber damit gehen wir dann um. Dazu fühle ich mich den Mitgliedern verpflichtet.“
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Ihnen muss sich der Präsident am 18. März 2021 zur Wahl stellen. Ob es auch diesmal einen Gegenkandidaten gibt, entscheidet der Vereinsbeirat. An interessierten Kreisen, die seine Wiederwahl verhindern wollen, dürfte es nicht fehlen. Vogt hingegen hofft, dass er mit einem Vierjahresmandat längerfristige Projekte wie die Gründung einer Frauen- und Mädchenfußballabteilung umsetzen und auch ansonsten noch stärker auf die Vereinsentwicklung Einfluss nehmen kann.
Präsident oder nicht – Vogt bleibt Fan
Und wenn es nicht klappt? „Dann kann ich mir zumindest nicht vorwerfen, nicht alles versucht und mein Bestes gegeben zu haben.“ Zu den VfB-Auswärtsspielen würde Vogt sicher auch weiterhin reisen und seinen weiß-roten Schal nicht vergessen.