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Neuseeland Geradewegs durch Maniototo

Von Birgit-Cathrin Duval 

Keine Autos, kein Lärm, keine Menschen: Auf dem Otago Central Trail dürfen nur Radfahrer und Wanderer unterwegs sein. Foto: Duval
Keine Autos, kein Lärm, keine Menschen: Auf dem Otago Central Trail dürfen nur Radfahrer und Wanderer unterwegs sein. Foto: Duval

Nur Schafe, Wind und eine ungeheuerliche Weite –  Auf 150 Kilometern durch die Ebene Maniototo

Hier im Nirgendwo gehört die Straße uns. Für die nächsten 150 Kilometer gibt es keinen Lärm und keine Abgase. Nicht einmal Hunde sind hier erlaubt. Nur Wanderer und Radfahrer. Mitten im Herzen der Südinsel Neuseelands, in Central Otago, führt eine stillgelegten Bahntrasse durch weites Farmland und verschlafene Goldgräberstädtchen.

Eines davon ist Clyde, wo 1861 Gold entdeckt wurde. Einige Jahre lockte das gelbe Metall unzählige Glücksritter an. Die 1879 gebaute Eisenbahnlinie verband das Landesinnere mit dem wirtschaftlichen Zentrum Dunedin. Über 83 Jahre hinweg wurde die 150 Kilometer lange Strecke zur Lebensader der abseits gelegenen Dörfer und Städte.

Die letzte Eisenbahn fuhr 1990 durch die Gegend Maniototo. Ein Jahr später waren die Gleise bereits entfernt. Doch die neuseeländische Umweltbehörde (DOC) entdeckte das Potenzial der verwaisten Bahnlinie und investierte 850000 neuseeländische Dollar und sechs Jahre Arbeit. Im Februar 2000 wurde die Strecke neu eröffnet. Heute bietet der geschotterte Bahndamm die faszinierende Möglichkeit, eine nur wenig bereiste Gegend Neuseelands zu entdecken. Je nach Kondition dauert es zwischen drei und fünf Tagen, bis man von Clyde nach Middlemarch geradelt ist. Dabei steigt die Bahntrasse gemächlich von 170 auf 618 Höhenmeter an.

Vor uns liegt der Bahndamm, schnurgerade, als hätte Gott persönlich mit dem Lineal einen Strich durch die Landschaft gezogen. Wir radeln in eine steppenähnliche, mit bizarren Felsen gespickte Landschaft, über die sich ein makelloser blauer Himmel spannt. Zum ersten Mal atmen wir richtig auf. Dieses Neuseeland haben wir gesucht. Weit und breit keine Menschenseele, nur Schafe, der Wind und wir. Mit einem erschreckten „Määäh“ suchen die Tiere das Weite, als wir mit unseren schwer beladenen Rädern an ihnen vorbeirattern. Das Vorankommen auf Schotter ist nicht einfach, doch bald haben wir unseren Rhythmus gefunden. Wir verstehen, weshalb Central Otago mit dem Slogan „Space, not Pace“ (Weite, nicht Geschwindigkeit) wirbt. Wir sind am Ende der Welt, ganz allein, hinter uns liegt die Zivilisation und vor uns ein Himmel, der bis zur Erde reicht.

Central Otago hat ein kontinentales Klima mit langen, heißen und trockenen Sommern und sehr kalten Nächten. Auch das bekommen wir zu spüren. Als wir am Morgen aus dem Zelt kriechen, ist alles gefroren – im Herbst, der Ende März beginnt, keine Seltenheit. Tagsüber steigt die Temperatur dann auf fast 30 Grad und treibt uns den Schweiß aus den Poren.

Der Streckenabschnitt von Omakau bis Wedderburn zählt zu den spektakulärsten und führt über die mit 112 Metern längste Brücke und durch die beiden Poolburn Tunnel. Am Horizont bilden die 1650 Meter hohen Dunstan Mountains eine gigantische Kulisse. Der Tunnel erscheint uns wie ein schwarzes Loch. Im Lichtkegel unserer Taschenlampen schieben wir die Bikes vorwärts, bis wir wieder ins Licht der Sonne blinzeln. Vor uns öffnet sich das Ida Valley. Hier scheint der Himmel noch blauer, die Weiden noch weiter, das Land noch einsamer.

Als das Sonnenlicht die Berge rötlich schimmern lässt, erreichen wir Oturehua. Eine Handvoll Häuser, eine Wirtschaft und ein Krämerladen aus den 30er Jahren. Oturehua hält einen neuseeländischen Rekord: Im Sommer ist das der heißeste, im Winter der kälteste Ort Neuseelands. Wir Radfahrer scheinen nicht sehr willkommen. Ein Wirt will uns kein Zimmer vermieten. Ratlos fahren wir weiter. Unsere Trinkwasservorräte gehen zur Neige, und der Magen erinnert uns daran, dass die letzte Mahlzeit das Frühstück am frühen Morgen war. Mühsam treten wir unsere Fahrräder auf die auf 618 Metern gelegene Spitze der Rough Ridge. Bei Sonnenuntergang finden wir in Wedderburn bei Lorraine und Alison auf einer schön gelegenen Farm freundliche Aufnahme. Zwar sind alle Betten mit Radlern aus Christchurch belegt, aber für zehn Dollar dürfen wir zelten und erhalten obendrein noch frische Handtücher.

Am nächsten Tag machen wir Bekanntschaft mit dem berüchtigten Nordwestwind, der durch das ausgesetzte Tal pfeift. Wir haben Rückenwind und rauschen die 16 Kilometer bis nach Ranfurly über den Schotter. Andere hatten weniger Glück. Aus der Zeitung erfahren wir, dass zwei Radler von den starken Winden aus dem Sattel gehebelt wurden und ärztlich versorgt werden mussten.

Ranfurly hat einen ruppigen Charme, wie er so kennzeichnend ist für die kleinen Ansiedlungen in Maniototo. Und kann sich mit Stolz als Art-déco-Zentrum Neuseelands schmücken. Zu verdanken hat die Stadt das Edna McAtamney. Die resolute Dame hatte eine Vision: In der 800-Einwohner-Stadt gibt es 44 Art-déco-Gebäude. Mit großer Unterstützung aus der Bevölkerung verwirklichte sie das erste Projekt: den Umbau der Centennial Milk Bar zum Museum. Heute beheimatet das Gebäude ein Sammelsurium von Art-déco-Mobiliar, darunter ein Schlafzimmer aus dem Jahr 1946 mit fluoreszierenden Lichtern. Das vor einigen Jahren ins Leben gerufene Art-déco-Festival zieht im Februar jährlich 10000 Besucher nach Ranfurly. Dann herrscht eine Art Ausnahmezustand, und die Straßen werden von fröhlich feiernden Menschen in Kleidern aus den 20er und 30er Jahren bevölkert.

Wir verlassen den Rail Trail und radeln zu Peter’s Farm Hostel. Das 1880 aus Stein erbaute Farmhaus gehört zu einer 6000 Hektar großen Schaffarm. Eigentümer Peter führt ein so entspanntes Leben, dass sogar er es für beängstigend hält. Waren es vor 15 Jahren hauptsächlich trampende Studenten, die auf seiner Farm abhingen, hat er durch die Eröffnung des Rail Trail heute fast täglich ein volles Haus. Seine Gäste haben die Wahl zwischen nostalgisch eingerichteten Zimmern oder dem Garten zum Zelten. Nachts ist es gespenstisch ruhig. Als Peter anbietet, länger zu bleiben, um ihm im Gästebetrieb zu helfen – bei freier Kost und Logis –, hätten wir gerne zugesagt. Schade.

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