Eine Popikone: der vor sechs Jahren verstorbene David Bowie Foto: dpa/Markus Beck

An diesem Samstag wäre David Bowie 75 Jahre alt geworden. Sechs Jahre nach seinem Tod ist nun ein bisher unveröffentlichtes Album von ihm sowie eine Graphic Novel über ihn erschienen.

Stuttgart - „I don’t know where I’m going from here but I promise it won’t be boring“, verkündet David Bowie 1997 im Madison Square Garden in New York. Keine Ahnung, wohin es für mich geht, doch ich verspreche, dass es nicht langweilig wird. Er sollte bis zu seinem Tod recht behalten. Und streng genommen sogar darüber hinaus. Bowie, der Meister des Vexierspiels.

 

Wie nähert man sich einem Künstler an, der längst zum Mythos versteinert ist? Über seine Musik? Seine Texte? Seine schimärenhaften Persönlichkeiten zwischen Ziggy Stardust, Aladdin Zane, Major Tom? Welchen Weg man auch wählt, er wird irrlichternd in die Irre führen, sich verästeln und den Suchenden ratlos zurücklassen. Seine gesamte Karriere hat sich David Bowie nicht nur neu erfunden; er hat Popkultur in Echtzeit gelebt, hat falsche Fährten gelegt, geheime Botschaften in seiner Musik versteckt.

„Blackstar“ als Todesbote

Sein letztes Album „Blackstar“ erschien an seinem 69. Geburtstag am 8. Januar 2016. Zwei Tage später ist er tot. Erst danach wird man auf diesem Schwanengesang Hinweise entdecken, die auf seinen langen und im Privaten geführten Kampf gegen Krebs hindeuten. „Er hat ‚Blackstar‘ für uns gemacht“, so sagte sein langjähriger Produzent Tony Visconti damals. „Es ist sein Abschiedsgeschenk.“

Bowie, mehr Legende als Mann, undurchschaubar bis zum Ende. Ebenjener Künstler wäre an diesem Samstag 75 Jahre alt geworden. Er hat ein Œuvre hinterlassen, das immer noch überwältigt, fasziniert, verstört, begeistert und verwirrt. 26 Studioalben, Klassiker wie „Space Oddity“ oder „Starman“, seine durchzechte Berlin-Phase („Heroes“), über 100 Millionen verkaufte Platten. Und noch immer gibt es neue Musik von ihm.

Aus alt mach neu

Nun ist sein unveröffentlichtes Album „Toy“ in physischer Form erschienen, ein im Jahr 2000 aufgenommenes Werk. Dass es sich bei den Songs überwiegend um neu aufgenommene Versionen seiner bescheidenen Anfänge in den Sechzigern handelt, sollte nicht abschrecken. Vielmehr sehen wir einem Künstler beim Sezieren seiner eigenen Persona zu, beim Dekonstruieren und einer weiteren Wiedergeburt. Aus der Kraft eines sterbenden Sterns macht Bowie eine Supernova. Er liefert auf „Toy“ nicht nur eine seiner besten Gesangsleistungen ab; er klingt auch beseelt, rundum mit sich und seinen alten Songs zufrieden.

Geboren 1947 im zerbombten Nachkriegslondon, bekommt Bowie 1962 in der Schule beim Kampf um ein Mädchen eine aufs Auge. Die Auseinandersetzung hat bleibende Folgen. Bowie leidet fortan unter einer Anisokorie, die seine Pupillen unterschiedlich erscheinen lässt. Es soll eines seiner Markenzeichen werden. Seine ersten musikalischen Gehversuche in den Sechzigern bleiben weitgehend erfolglos. Doch Bowie gibt nicht auf. „Space Oddity“ wird durch die Mondlandung ein erster Achtungserfolg, auf seinem vierten Album „Hunky Dory“ (1971) findet langsam die Metamorphose statt. Es ist das Album, auf dem Bowie langsam zu Bowie wird.

Zeitlose Schönheit

Das zeitlos schöne Werk bereitet den Boden für das, was 1972 kommt. Mit „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ wird Bowie endgültig zum Superstar, zum androgynen Rätsel. Allein an diesem Konzeptalbum könnte man sich bis ans Ende der Musik abarbeiten. Und natürlich hat man das auch getan.

Auch in Comicform. Erst vor wenigen Wochen erschien im Carlsen-Verlag die kunstvolle Graphic Novel „Starman – David Bowie’s Ziggy Stardust Years“. In prägnanten Bildern folgen wir der Transformation von einem kaum 25-jährigen Bowie in seine bis heute schillerndste Persönlichkeit. Gezeichnet von einem von Deutschlands besten Comickünstlern, Reinhard Kleist, wird Ziggy Stardust rechtzeitig zu seinem fünfzigsten Geburtstag in opulenter Form wiederbelebt.

„Bowie sprach in einigen Interviews über die Figur Ziggy tatsächlich so, als ob es jemand anderes wäre und die Figur eine Art Eigenleben entwickelt hätte“, sagt Reinhard Kleist. „Ziggy stellt einen kalten, rücksichtslosen Teil der Persönlichkeit David Bowies dar, der ihm verhilft, im Rock-Business nach ganz oben durchzustarten. Doch dieser Teil nimmt irgendwann Oberhand, und Bowie muss sich von ihm befreien.“

Was ein Genie auszeichnet

Das macht den Genius aus: Realität und Fantasie, Illusion und Wirklichkeit sind derart komplex verwoben, dass man nicht weiß, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Wenn man weiß, dass bei Bowies Bruder Terry Schizophrenie diagnostiziert wurde und auch David Bowie selbst fest davon ausging, eines Tages „verrückt“ zu werden, bekommt diese Gestaltwandlung noch mal eine ganz andere Ebene.

Das Besondere an „Starman“: Es ist keine Glorifizierung der Person David Bowie. Seine Schattenseiten kommen ebenso zum Vorschein – etwa die verschwurbelte Koketterie mit dem Nationalsozialismus. Auch da hat Kleist genau hingesehen. „Tatsache ist, dass er in Interviews zu dieser Zeit ziemlich herumgesponnen hat und mit NS-Ideologie und Faschismus kokettiert hat.“ Er habe sich später davon distanziert, meint Kleist, und es lasse sich alles zu einem guten Teil auf einen exzessiven Kokainkonsum und Schlafentzug zurückführen. Dennoch: „Ein Auslassen seiner Eskapaden und Abgründe würde kein gutes Porträt ergeben.“

Natürlich wird man David Bowie auch nach dem Hören von „Toy“ und der Lektüre von „Starman“ nicht ganz verstehen. Aber eben ein bisschen besser. Und nur darum geht es doch.

Infos zu Album und Buch

Lesen
 Reinhard Kleist erzählt in „Starman – David Bowie’s Ziggy Stardust Years“ (Carlsen-Verlag, 176 Seiten, 25 Euro) die exzentrischsten Jahre David Bowies nach.

Hören
 Das „verlorene“ Album „Toy“ (Warner) von 2000 erscheint zwar erst jetzt offiziell, im Internet tauchten die Songs bereits 2011 auf.