Jo, sie san mit dem Radl do: Tunnelbauer Günther Weilharter (li.), Redakteur Tom Hörner Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Normalerweise sollen unsere von Stuggi.TV produzierten Tour-de-Stuttgart-Videos zum Nachradeln animieren. Bei diesem hier wird vor Nachahmung dringend abgeraten. Wir sind durch zwei S-21-Röhren gefahren.

Stuttgart - Für die Bahn mag der Tunneldurchschlag am vergangenen Montag unterm Kriegsberg ein Grund zum Feiern gewesen sein. Für uns war es ein Grund, tags darauf aufs Fahrrad zu steigen, eine Kamera auf den Lenker zu schrauben – und die Strecke, auf der einmal Züge von Bad Cannstatt zum neuen Tiefbahnhof rollen sollen, auf zwei Rädern zu befahren.

Das heißt, eigentlich waren wir auf vieren unterwegs, denn damit im Untergrund keiner verloren geht, stellt uns die Bahn einen ortskundigen Fachmann zur Seite: Günther Weilharter, 57, gebürtiger Steiermärker, passionierter Mountain-Biker und seit Jahren im Stuttgarter Untergrund aktiv, das erste Mal 1981, beim Bau des S-Bahn-Tunnels nach Vaihingen. Wie er ihn nennen soll, fragt Redakteur Tom Hörner den Österreicher, bevor die beiden losradeln. Herr Geheimrat? Herr Ingenieur? Er sei schlicht und einfach Tunnelbauer, also Dunnelbauer, sagt Weilharter. Und im Übrigen sagt man hier unter Tage Du zueinander.

Es ist gut, einen Tunnelbauer an der Seite zu wissen

Zwischenangriff Nord heißt die Stelle, an der es mit dem Aufzug knapp 30 Meter rumpelnd in die Tiefe geht. Die erste Röhre führt uns in einem großen Bogen nach Südwesten, Richtung Rosensteinpark. Der Boden ist bereits betoniert, die Wände sind durch Spritzbeton gesichert, nur hin und wieder ein paar schlammige Passagen, bei denen man besser den Hintern aus dem Sattel hebt. Nach rund 800 Metern wird es taghell, wir haben eine Stelle erreicht, an der die Bahn gern in offener Bauweise den Tunnel nach Bad Cannstatt vorantreiben würde. Darf sie aber nicht, weil oben, am Grubenrand, ein Baum hervorragt, der unter Verdacht steht, dass er den seltenen Juchtenkäfer beherbergt. Also heißt es unten durch – noch aber fehlt die Erlaubnis dafür.

Es ist gut, unten Tage nicht allein zu sein, sondern Günther, den Tunnelbauer, an seiner Seite zu wissen. Hin und wieder begegnet einem schweres Gerät, das nicht nur mächtig ist, sondern sich auch bewegt. Günther macht mit einer Taschenlampe auf die Radler aufmerksam. Der Mann auf dem Riesenbagger lacht. Dass er Günther hier unten begegnet, ist normal. Aber auf dem Rad hat er ihn hier noch nie gesehen. Man kann sich also glücklich schätzen, an einer Jungfernfahrt teilnehmen zu dürfen.

In der Anhydritzone keinen Schweißtropfen vergeuden

Es geht zurück zum Zwischenangriff Nord – und von dort scharf rechts nach Westen, Richtung Hauptbahnhof. Die grobstolligen Radreifen rollen über festgefahrenes Erdreich, die Luft ist staubiger als vorhin, aber die roten Neonröhren an der Tunnelwand, die nach rund einem Kilometer auftauchen, sind dennoch gut zu erkennen. Sie markieren den Beginn einer Anhydritzone. Jeder der hier unten arbeitet, weiß: Noch ist der Boden nicht versiegelt, Wasser ist tabu. Unser Radler hat mitgedacht und die Trinkflasche daheim gelassen. Außerdem hat er geschworen, auf diesem Abschnitt keinen Schweißtropfen zu vergeuden.

Nach rund 1800 Metern erreichen wir jene Stelle unterm Kriegsberg, an der am Montag vor 500 geladenen Gästen der Durchbruch gefeiert wurde. Eine Riesenraupe zertrümmert gerade die verbliebene Wand mit einem gigantischen Meißel. Eine beeindruckende, aber auch staubige Arbeit, die man den Festgästen nicht zumuten wollte. Dass Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) bei der Gelegenheit sagte, „dass das Projekt der Stadt gut tut“, wird bei der Bahn ebenfalls als Durchbruch bewertet.

Was wir außer dem Filmchen noch von der Ausfahrt mitgebracht haben? Die Erkenntnis, dass die S-21-Tunnel, sollte es mit Zügen Probleme geben, nicht nur zur Champignonzucht, sondern auch zum Radfahren zu gebrauchen sind.

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