Der Leiter des Neuen Gymnasiums Leibniz hat den Unterricht im Interimsstandort auf dem Pragsattel aus Sicherheitsgründen ausgesetzt. Stuttgarts Schulbürgermeisterin ist verärgert. Wie das Regierungspräsidium auf die Entscheidung reagiert.
Eine solche Wirkung haben Elternbriefe sonst nicht. Doch die Nachricht, die Stefan Warthmann, der Schulleiter des Neuen Gymnasiums Leibniz (NGL) in Feuerbach, am Donnerstagnachmittag verschickte, schlug schnell hohe Wellen. Unter anderem weil er die „Sicherheit für Leib und Leben“ der Schüler am neuen Interimsstandort an der Siemensstraße gefährdet sah, schloss er den Standort bis auf Weiteres. Das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart reagierte umgehend und wies den Schulleiter an, „die Schließung ab Montag zurückzunehmen“. Stuttgarts Schulbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP), die sich am Freitagmorgen vor Ort ein Bild machte, sprach von einem „beispiellosen Vorgang“. Dieser sei weder berechtigt noch für sie nachvollziehbar.
420 Schüler lernen im Interimsbau
Das NLG ist das größte Gymnasium der Stadt. Die Schule steht am Hauptstandort an der Klagenfurter Straße vor einer Jahre dauernden Kernsanierung mit Neubauten. Das NLG hat den Ersatzbau erst zum Schuljahresbeginn mit rund 420 seiner knapp 1300 Schülerinnen und Schüler bezogen. Doch noch in der zweiten Woche des Schulbetriebs an der Siemensstraße, monierte der Schulleiter, habe es weiter gravierende, auch sicherheitsrelevante Mängel gegeben: So hingen an einigen Stellen ungesicherte Kabel, in manchen Räumen fehlten Feuerlöscher, überdies die Erste-Hilfe-Kästen. Am Anfang kam aus mehreren Hähnen in Toiletten kein Wasser, deren Reinigung war nicht organisiert. Zudem waren nur wenige Computer geliefert worden, die auch nicht angeschlossen waren. Fluchtwege waren nicht markiert, es gab dazu auch keine Pläne, an Klassenzimmertüren fehlten Schlösser, ebenso Mülleimer. Die Beamer in den Klassenzimmern, wo es keine Tafeln mehr gibt, konnten mangels Fernbedienungen nicht verwendet werden. Auch etliche Möbel hätten noch gefehlt. Und hinter einer Metalltür, die direkt neben einem Notausgang liegt und in ein Nebengebäude führt, die offen war und für die es auch keinen Schlüssel gab, geht es erst einmal fast einen Meter in die Tiefe.
Stefan Warthmann wandte sich wegen dieser Mängel an das Schulverwaltungsamt, es gab Kontakte über E-Mail und per Telefon. Man sei „auf eine Baustelle gekommen“, erklärte er, es habe keine Übergabe und keine Abnahme des Interimsstandorts gegeben. Vor allem wollte der Schulleiter wissen, wer von der Stadt etwa im Falle eines Unfalls die Verantwortung übernehmen würde. Er wollte diese unter den gegebenen Umständen als persönlich haftender Rektor jedenfalls nicht tragen. In einer E-Mail teilte er dies dem Schulverwaltungsamt Mitte der Woche auch mit. Und er machte der Stadt deutlich: Sollte bis Donnerstag keine Bauabnahme und keine Sicherheitsprüfung erfolgen, sehe er sich gezwungen, „den Schulbetrieb in der Siemensstraße einzustellen“.
Gegenüber den Eltern erklärte er, der bauliche Zustand der Außenstelle entspräche „noch nicht verantwortbaren Kriterien“, weshalb dort der Schulbetrieb „ab Freitag, 22.09.2023, bis auf Weiteres eingestellt“ werde. „Abgesehen von der Sicherheit für Leib und Leben bestehen auch nicht die Bedingungen, Schülerinnen und Schüler chancengleich auf das Abitur vorzubereiten.“ Bis die Stadt als Schulträger „zeitnah Abhilfe schafft“, müsse man für die betroffenen Schüler „auf Fernunterricht umstellen“.
An der Begehung des Gebäudes am Freitag haben auch die Elternbeiratsvorsitzenden Tanja Küstermann und Iris Sauff teilgenommen. Sie stehen „zu 100 Prozent hinter der Entscheidung“ des Schulleiters. Sie kritisieren die genannten Mängel, die sie in Teilen für sicherheitsrelevant halten. „Wenn man bei einer Flucht durch die falsche Tür geht, könnte man sich vielleicht das Genick brechen“, betonten sie. Tanja Küstermann und Iris Sauff sind der Meinung, dass inzwischen zwar noch kein normaler, aber doch ein sicherer Unterricht in dem Gebäude stattfinden könne, dies aber nur, weil die Stadt „schnell nachjustiert“ habe. So seien Fluchtpläne erst am Freitag in dem Schulgebäude aufgehängt worden.
Schulbürgermeisterin Isabel Fezer sieht das gänzlich anders. „So etwas haben wir noch nie gehabt“, sagte sie entrüstet. Dass das Gebäude bei Bezug noch „einige Mängel“ aufwies, bestreitet sie nicht. Diese seien aber „nicht sicherheitsrelevant“ gewesen. Von Anfang an habe dort „sicherer Unterricht in Präsenz stattfinden können“, betonte Fezer. Eine Gefahr für Leib und Leben habe nicht bestanden. Dass nach Umbauarbeiten wie diesen beim Start noch nicht alles perfekt sei, etwa bei der EDV, komme immer wieder vor. Das Haus, das laut Fezer seit Jahrzehnten als Schulraum genehmigt ist, sei nach der Erneuerung etwa von Böden, Wänden und Sanitäranlagen ein „tipptop Schulgebäude“.
RP: Schulschließung „nur das letzte Mittel“
Gegen den Vorwurf des Schulleiters, er sei mit der Verantwortung alleine gelassen worden, wendet die Bürgermeisterin ein, es habe zu den Themen einen „Non-stop-Austausch“ mit dem Schulverwaltungsamt und dem Referat gegeben. So habe man etwa zu den Stromkabeln schriftlich erklärt, es handle sich um ungefährliche Schwachstromkabel. Und die Stadt habe als Schulträger zusammen mit dem Schulleiter die Verantwortung. Was die Türe mit dem tiefen Absatz angeht, räumte Fezer eine Sicherheitsrelevanz ein. Diese habe man übersehen. Allerdings sei man auf das Problem erst vor zwei Tagen hingewiesen worden. „Heute kommt der Schlosser“, sagte die Bürgermeisterin nach der Begehung. Dennoch erklärte Isabel Fezer zu der kurzfristigen Schulschließung: „Es gab keinen Grund, diesen Schritt zu tun.“
Diese Haltung vertritt auch das Regierungspräsidium. Die Schließung des Schulstandorts sei „ohne Genehmigung“ geschehen. Aus Sicht der Landesbehörde „stellen die mitgeteilten Mängel keine Gefahr für die Schülerinnen und Schüler dar beziehungsweise kann diesen mit Maßnahmen kurzfristig begegnet werden“. Die Verhältnisse rechtfertigten „eine Schulschließung, die immer nur letztes Mittel sein kann, daher nicht“, so das RP abschließend. „Ab Montag ist die (Teil-)Schließung am NGL beendet.“
Das größte Projekt auf der Liste von Stuttgarts Schulsanierungen
Das NGL
Das Neue Gymnasium Leibniz in Feuerbach ist im Jahr 2018 durch die Fusion des Neuen Gymnasiums mit dem Leibniz-Gymnasium entstanden. Es ist damit das größte allgemeinbildende Gymnasium in Stuttgart. Es hat heute insgesamt fast 1300 Schülerinnen und Schüler.
Sanierung
Wie viele Schulen der Stadt muss auch das NGL saniert werden. Der neue Schulcampus Feuerbach wird nach jüngsten Berechnungen etwa 155 Millionen Euro kosten. Rund 770 Millionen Euro umfasst die gesamte Liste der Sanierungsprojekte an Stuttgarter Schulen. Das Neubauprogramm liegt sogar bei zwei Milliarden Euro.
Bauzeit
Immerhin sechs Jahre Bauzeit sind für das Projekt vorgesehen. In dieser Zeit müssen viele Schüler in Interimsbauten außerhalb des jetzigen Schulgeländes oder in Modulbauten am Standort umziehen.