Nachdem die Bewerberzahlen für Ausbildungsstellen im zweiten Jahr in Folge gesunken sind, werden Azubis in vielen Branchen dringend gesucht. Foto: dpa//Martin Schutt

Die Zahl der Ausbildungsverträge ist in diesem Jahr weiter gesunken. Wie schwierig die Lage ist, zeigt ein Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019: Die Zahl der Azubis ist seitdem um 20 Prozent gesunken.

Stuttgart - Marjoke Breuning, die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart, ist besorgt. Derzeit starten 32 355 junge Leute ihre Ausbildung in einem der IHK-Berufe in Baden-Württemberg, das sind 5,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Auf den ersten Blick klingt der Rückgang nicht weiter dramatisch.

 

Doch wie schwierig die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist, spiegelt eine andere Zahl wider. Im Vergleich mit dem Vor-Corona-Jahr 2019 liegt der Rückgang bei stattlichen 20 Prozent. Bei manchen Unternehmen aus Industrie, Handel und Gastronomie hätten überhaupt keine Bewerber angeklopft. Übrigens: In der Region Stuttgart selbst sieht es etwas günstiger aus. Hier starten knapp 7500 junge Leute ihre Ausbildung, 0,8 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Positiv zudem: Seit 2016 wurden landesweit rund 2000 Flüchtlinge in eine duale Ausbildung vermittelt. Wie sich die Ausbildungszahlen im Handwerk in diesem Jahr entwickelt haben, war nicht zu erfahren.

Noch viele freie Plätze

„Es macht uns große Sorgen, dass die Bewerberzahlen bereits im zweiten Jahr in Folge rückläufig sind“, sagt Breuning in Stuttgart. Jetzt hofft die IHK-Präsidentin, die sich freut, dass immer mehr junge Leute mit Fach- oder Hochschulreife eine duale Ausbildung starten, auf Nachvermittlungen in den nächsten Wochen. Noch bis in den Herbst hinein können Ausbildungsverträge geschlossen werden. Gut 3400 freie Ausbildungsplätze stehen derzeit noch in der Lehrstellenbörse der Kammern.

Noch üppiger ist das Angebot der Bundesagentur für Arbeit in Baden-Württemberg. Gut 23 000 freie Ausbildungsstellen gibt es – bei knapp 10 000 unversorgten Bewerbern. „Die Lücke, die es aktuell bei den Lehrstellenbewerbern gibt, kann durch die Flüchtlinge nicht geschlossen werden“, so Breuning. Gleichzeitig hofft sie auf die Zunahme der Schutzsuchenden aus Afghanistan.

Unterstützung von der Gewerkschaft

Auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) kommt Schützenhilfe. „Eine duale Ausbildung ist ein guter Start in ein chancenreiches Berufsleben“, wirbt Martin Kunzmann, Vorsitzender des DGB in Baden-Württemberg, bei den Schulabsolventen.

Es sind aber nicht nur die Jugendlichen, die sich zurückhalten. Auch die Zahl der Ausbildungsplätze ist laut Bundesagentur für Arbeit um gut fünf Prozent gesunken. Dennoch lobt Breuning die Firmen, die teilweise vom Lockdown betroffen sind und mit wirtschaftlichen Problemen kämpfen: „Das Engagement der Unternehmen ist trotz Unsicherheiten und wirtschaftlicher Herausforderungen ungebrochen hoch.“ DGB-Landeschef Kunzmann sieht es etwas anders: „Schon vor der Pandemie haben die Arbeitgeber ihre Ausbildungsaktivitäten zurückgefahren, insbesondere in der für Baden-Württemberg so wichtigen Metall- und Elektroindustrie“, kritisiert er. „Corona hat diesen Trend weiter verstärkt.“ Er erinnert die Betriebe, die in der Pandemie staatliche Hilfen bekommen haben, an ihre gesellschaftliche Verantwortung. „Ein Ausbildungsplatz verursacht überschaubare Kosten, die auch in der Pandemie zu stemmen sind“, sagt Kunzmann.

Allgemeine Verunsicherung

Doch wie begründet IHK-Präsidentin Breuning den Mangel an Bewerbern? Zum einen führt sie die fehlenden Möglichkeiten zur Berufsorientierung an und zum anderen den fehlenden persönlichen Kontakt. Hinzu kommt die Verunsicherung. Kann die Ausbildung regelkonform abgeschlossen werden? Oder sind neue Lockdowns zu erwarten? Ganz wichtig: Wie sind die Beschäftigungsperspektiven der heutigen Azubis nach der Ausbildung?

Dass es zu deutlichen Veränderungen in der Berufswelt kommen wird, steht fest. Derzeit nimmt der Transformationsprozess in der Industrie zunehmend Fahrt auf. „Bestimmte Berufe wie zum Beispiel Bankkaufmann, Industriekaufmann oder Zerspanungsmechaniker werden nicht mehr in dem Maße gebraucht wie früher“, erläutert Breuning. In diesen Branchen sei es bereits zu Einbrüchen bei den Ausbildungsverträgen gekommen. Dagegen seien in den IT-Berufen, im Transport- und Verkehrsgewerbe sowie in den Bereichen Lager, Einzelhandel, Groß- und Außenhandel sowie Büromanagement mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen worden.

Absage an Ausbildungsgarantie

Kritisch setzte sich Johannes Schmalzl mit der Forderung der Jugendverbände von IG Metall und Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) nach einer Ausbildungsgarantie auseinander. „Trotz Coronapandemie gab es bereits im letzten Ausbildungsjahr rund 60 000 unbesetzte Ausbildungsplätze in deutschen Unternehmen“, sagt der Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart, der für eine Corona-Impfung der neuen Azubis wirbt. Vor Kurzem hatte die Bertelsmann-Stiftung eine umlagefinanzierte Ausbildungsgarantie vorgeschlagen. Jugendliche, die keinen passenden Ausbildungsplatz fänden, sollten demnach außerhalb der Betriebe ausgebildet werden.

Dazu meint Schmalzl: „Wer jetzt nach einem flächendeckenden und milliardenteuren Aufbau außerbetrieblicher Kapazitäten ruft, konterkariert das Engagement vieler Betriebe, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen.“ Der Vorteil des bestehenden Systems sei ja, so Schmalzl, dass die Unternehmen passgenau – also nach Bedarf – ausbilden.