Smudo und Michi Beck sorgen sich um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Liefern die Fantastischen Vier mit ihrer neuen CD vielleicht sogar ein Modell für ganz Deutschland?

Stuttgart - Kaum haben Smudo, Michi Beck, Thomas D und And.Ypsilon die Feierlichkeiten zu ihrem 25-jährigen Bestehen abgeschlossen, da wartet bereits das nächste Jubiläum auf die agilsten Jungsenioren des deutschen Sprechgesangs: „Captain Fantastic“ ist das zehnte Studioalbum der Fantastischen Vier

Smudo, Sie sind im März 50 Jahre alt geworden, Michi, bei Ihnen war es schon im Dezember so weit gewesen. Wie darf man sich Ihre jeweilige Party vorstellen?
Michi Beck Ausschweifend. Es gab Käse und Kirschschnaps, bis zum Exzess.
Smudo Von Michis Party hatte ich die ganze Woche was. Mein Geburtstag war aber auch geil. Ich habe richtig aufgefahren und mit Champagner, Austern und Jazzband gefeiert.

Bringt Älterwerden auch Vorteile?

Ist irgendwas gut am Älterwerden?
Michi Beck Nee.
Smudo Na ja. Vielleicht, dass einem manche Sachen scheißegal werden.
Michi Beck Es ist auch kein Drama. Ich finde es bloß blöd, wenn man sich rausredet mit diesem „Ich bin weiser und gelassener geworden.“ Es herrscht nun mal Verfall, und das ist doof. Aber es ist toll, dass wir immer noch so abgehen, wie wir abgehen. Und dass wir ein zehntes Studioalbum gemacht haben, das sich absolut hören lassen kann.
„Immer noch die Fittesten, immer noch die Frischesten“ rappen Sie im ohnehin sehr knackig-fröhlichen Stück „Hitisn“. Das halbe Jahrhundert hört man „Captain Fantastic“ jedenfalls nicht an.
Michi Beck Wir haben die klassischen HipHop-Elemente auf dem Album stärker in den Vordergrund gestellt, mit sehr viel Beats und Rhymes gearbeitet und die Produktion hier und da minimalistischer gehalten. Für unsere Verhältnisse sind auf der Platte etwas weniger Melodien, dafür viele Punchline- und Poser-Raps drauf.
Der erste neue Song war „Endzeitstimmung“, den haben Sie schon vergangenes Jahr live gespielt. So politisch hat man Sie noch nie gehört.
Smudo Das hat sich fast zwangsläufig so ergeben. Der Fanta-Kosmos ist geprägt durch die Welt, in der wir leben, und da die Zeiten gerade sehr politisch aufgeheizt sind, nimmt das Politische auch einen größeren Raum auf unserem Album ein. Das finden wir selbst interessant, denn wir haben uns im Grunde nie als politische Band gesehen. Wir haben höchstens mal gesellschaftliche Themen aufgegriffen und sie humorvoll illustriert. Aber jetzt war es so, dass uns speziell das Thema „Schleichender Populismus und die Verrohung der Debattenkultur“ richtig geärgert hat. Und diese Wut hat zu dem Lied „Endzeitstimmung“ geführt.
Michi Beck Die Nummer klingt wie ein Partytrack, ist aber inhaltlich sehr ernst. Aber eine eindimensionale Protestplatte könnten wir nicht machen. „Affen mit Waffen“ zum Beispiel lockern wir auf, indem Smudo aus dem „Dschungelbuch“ zitiert. Trotz deutlicher Aussagen sind das alles immer noch typische Fanta-Songs.

Hilft Rap gegen Rechte?

Statt „Pop, Pop, Populär“ rappen Sie in „Endzeitstimmung“ nun „Pop, Pop, Populist“.
Smudo Ja. So krass habe ich die Entwicklung nicht kommen sehen, aber durch mein Engagement bei „Laut gegen Nazis“ habe ich schon früh Wind von diesen Tendenzen bekommen. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass das Problem mit den Rechten so viel Schwung bekommt. Die Entwicklung wurde befeuert durch die Flüchtlingskrise und die damit zusammenhängenden Angstszenarien. Alles wurde sehr vereinfacht, die Realitäten simplifiziert, Details weggelassen – eben Populismus als politisches Mittel der Mobilmachung. Ich finde es ein Riesenproblem, dass durch den Rechtspopulismus die Sprache so verroht ist und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft so zugenommen hat. Die Rhetorik der Rechten bedroht die Gesellschaft viel mehr als die Tatsache, dass die AfD im Bundestag sitzt, wo sie sich ja permanent selbst demaskiert.
Wie meinen Sie das?
Smudo Dieses „Wir sind das Volk“, und „Wir sprechen für die anderen“ sind ganz billige populistische Tricks. Mich erinnert vieles an die Situation der dreißiger Jahre. Auch damals war es nicht so, dass das Böse urplötzlich über uns gekommen wäre, sondern es war ein schleichender Prozess. Der Faschismus ist für viele eine interessante Option, und das macht mir Sorgen. Trotzdem glaube ich noch fest an das Gute im Menschen, an die freien Medien und unsere demokratische Debattenkultur.

Bringen die Fantastischen Vier die Gesellschaft wieder zusammen?

Sind Künstler wie Die Fantastischen Vier, auf die sich ja größtenteils alle einigen können, der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält?
Smudo Ja. Es ist Aufgabe der Kunst, die Gesellschaft zu mobilisieren und ein Gefühl der Solidarität zu vermitteln. Musik ist ein verbindendes Element.
Michi Beck Wir leben den Zusammenhalt ja ganz praktisch vor, quasi am Mann. Wir vier haben mehr Zeit miteinander verbracht als mit irgendeinem anderen Menschen. Dass wir immer noch weitermachen, immer noch als Gemeinschaft funktionieren, das ist ein großes, bewegendes Gefühl. Fanta Vier – das ist nicht nur unser Lebensmodell, das ist unser Leben.
Dem Sie mit „Zusammen“, Ihrer neuen Single, ja gewissermaßen auch ein Denkmal gesetzt haben.
Michi Beck In dem Song geht es aber nicht nur um uns, sondern insgesamt um Freundschaft. Wir hatten beim Texten dieses Bild im Kopf von Freunden, die durch die Nacht ziehen, nach der Devise „Komm, einen noch“.
Das Album „Captain Fantastic“ von den Fantastischen Vier ist am 27. April bei Sony erschienen.

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