Das in den Jahren 1494 bis 1497 entstandene Abendmahl im Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand ist ist ein Höhepunkt im Schaffen Leonardos. Weitere Werke finden Sie in unserer Bilderstrecke. Foto: Wikipedia

Der 500. Todestag des Universalgenies Leonardo da Vinci steht an. Er hat nicht nur dem Abendmahl seine ultimative Erscheinung gegeben, sondern auch das Bild der modernen Frau geprägt. Und er wusste auch, woran alte Menschen sterben.

Stuttgart - Frank Zöllner muss aufpassen, wenn er das nächste Mal nach Abu Dhabi kommt. Einige dort könnten nicht gut auf den deutschen Kunsthistoriker zu sprechen sein. Der Grund ist ein Bild: Leonardo da Vincis Christusdarstellung „Salvator Mundi“. Für absurde 450 Millionen Dollar wurde der „Weltretter“ 2017 von Christie‘s versteigert. Gerüchten zufolge kam der anonyme Käufer aus dem saudischen Königshaus, womöglich war es sogar der als nicht zimperlich geltende Kronprinz selbst. Zöllner nun vertrat mehrfach öffentlich die These, der Glaskugel-Jesus mit dem Schlafzimmerblick sei keine komplett eigenständige Schöpfung Leonardos, sondern eine halbgare Werkstattarbeit. Demnach beliefe sich der Wert nur auf einen Bruchteil des tatsächlichen Kaufpreises. Und der Käufer wäre blamiert. Ob deshalb oder aus einem anderen Grund – der Louvre-Ableger in Abu Dhabi hat die spektakulär angekündigte Vorstellung des Gemäldes erst einmal verschoben.

Dafür kann man aber jetzt nachlesen, was an dem teuflisch teuren Gottessohn alles faul ist. In der aktualisierten Neuauflage seiner ursprünglich 2003 publizierten Leonardo-Monografie fasst Zöllner seine Argumente noch einmal zusammen. Zweifeln lässt den Experten, dass keine schriftliche Quelle der Zeit Leonardo mit dem „Salvator“ in Verbindung bringt. Zudem weckt die Geheimniskrämerei um die Restaurierung das Misstrauen des Leipziger Professors.

Dem Universalgenie aus Vinci, das vor 500 Jahren, am 2. Mai 1519 starb, steht also noch ein turbulentes Jubiläumsjahr bevor: Auch andere Autoren warten mit neuen Deutungsperspektiven auf. Am ergiebigsten in dieser Hinsicht ist sicher das Buch von Kia Vahland. Die Münchener Journalistin und Kunsthistorikerin hat sich schon länger über eine männlich dominierte Rezeptionsgeschichte geärgert. Die würdige in Leonardo am liebsten den Ingenieur und Computernerd avant la lettre. Für Vahland hat der Tausendsassa aus Vinci etwas viel Wesentlicheres erfunden als Flugapparaturen, Panzer oder primitivistische Rechenmaschinen: die moderne Frau. Oder zumindest das Bild der modernen Frau. Denn Leonardo ist nicht nur der Meister des Abendmahls, sondern auch der „Mona Lisa“ und hat als erster seiner Zunft Weiblichkeit respektiert, ganz im Gegensatz zum Zeitgeist.

Er hat die Frau aus dem Dunkel der Palazzi befreit

Ein allzu hohes Ansehen genossen die Vertreterinnen des schönen Geschlechts in der Renaissance nämlich nicht. Benachteiligt in allen juristischen Belangen wie Sorge- oder Erbrecht, durften sie unbegleitet nicht einmal das Haus verlassen. Dass gelangweilte Frauen beim Versuch, etwas vom Straßenleben mitzubekommen, aus dem Fenster fielen, war um 1500 eine häufige Todesursache. Marsilio Ficino, neoplatonischer Staatsphilosoph der Medici, empfahl Männern ganz uncharmant, ihre Gattinnen „wie Nachttöpfe“ zu behandeln und „nach Gebrauch“ wegzusperren.

Diese Genderapartheid wurde in Leonardos Kunst überwunden. Seine Malerei hat die Frauen (die höherrangigen wenigstens) aus dem Dunkel der Palazzi befreit und hinaus in die freie Landschaft geführt. Etwa im Porträt der Ginevra de‘ Benci. Bereits in diesem Frühwerk bricht der Künstler mit der Konvention, Frauen nur im starren Profil zu zeigen. Plötzlich scheinen sie im Bildraum bewegt, lassen Dekolleté sehen, sind von geistigem wie physischem Leben erfüllt. Um den Effekt der Blutzirkulation zu imitieren, mischte der Maler Zinnober in die sonst bleichen Inkarnattöne.

Als höchster Ausdruck der neuen weiblichen Autonomie kann Cecilia Galleria, „Die Dame mit dem Hermelin“, gelten. Schon die Vierzehnjährige besaß die für ihr Zeitalter unerhörte Frechheit, einem Verlobten den Laufpass zu geben. Später wurde sie Geliebte des Herzogs Ludovico Sforza. Nicht ohne allegorischen Grund setzte Leonardo der eigensinnigen Cecilia ein Hermelin, eine Marderart, auf den Schoß. Schaffte sie es doch auch im realen Leben, den bissigen Machtmenschen Ludovico Sforza zu bändigen. Oder war sie selbst das zierliche Raubtier?

Die Öffnung von Leichen kam der Malerei zugute

Der Band, der in der Sparte Sachbuch für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert war, besticht nicht nur durch originelle Formulierungen und sachkundige Werkanalysen, sondern veranschaulicht auch weibliche Alltagskultur der Renaissance: Heiratspraxis, Säuglingspflege und Sexualität. Verglichen mit Vahland liest sich die Leonardo-Biografie von Bernd Roeck stellenweise etwas zähflüssig. Inhaltlich verfolgt der emeritierte Historiker aber ebenfalls eine klare Linie, indem er Leonardos weitverzweigtes Schaffen unter dem Leitmotiv der rehabilitierten Neugier betrachtet.

Zentrale Leistung sind dabei weniger einzelne Werke als vielmehr die Methode. Schließlich steht den vollendeten Arbeiten ein unerschöpflicher Steinbruch von Skizzen und Notizen gegenüber. Als Parallellektüre zu Roeck empfiehlt sich daher Michael Claytons auch auf Deutsch vorliegender Katalog der Zeichnungen aus der britischen Royal Collection. Die hier versammelten Zettelkunstwerke gewähren einen umfassenden Einblick in Leonardos Ideenwerkstatt.

Deren Prinzip, so Roeck, lautete stets: Erst schauen, dann fragen. Und am Ende Antworten finden. Wenn der „Schüler der Erfahrung“ Leichen öffnet, dann zum einem, um die anatomischen Erkenntnisse für eine möglichst lebendige Darstellung des Menschen in der Malerei zu nutzen. Zum anderen, um das Geheimnis des Lebens selbst zu ergründen. Nach der Sektion eines Hundertjährigen folgert Leonardo, dass alte Menschen stürben, weil ihre Adern „verdickten und dem Körper nicht mehr genug Nahrung zuführen könnten.“ Er hat die Arteriosklerose entdeckt.

Das Naturstudium weist der Wissenschaft den Weg in die Neuzeit. Die Entwürfe für Flugmaschinen zeigen keine tollkühnen Seifenkisten, nein, sie basieren auf der präzisen Beobachtung von Vögeln und Fledermäusen, deren Körperbau Leonardo untersucht, abzeichnet und auf die Geräte überträgt. Heute nennt man das Bionik.

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