Gerade mal einen Monat ist es her, dass Deniz Yücel als Präsident des deutschen PEN hingeschmissen hat. Nun wird er Teil eines neuen Vereins: des PEN Berlin.
Eitle Diven eben, streitsüchtig, geltungshungrig, kompromissunfähig – so könnte mancher genervt wegwischen wollen, dass es nach Monaten des Hauens und Stechens, der Kraftproben und fruchtlosen Versöhnungsbemühungen beim deutschen PEN nicht nur einzelne Austritte gibt, sondern einen forschen Aufbruch. Rund 230 Autorinnen und Autoren, allen voran Deniz Yücel, der seine PEN-Präsidentschaft im Mai im Zorn beendet hatte, überführen ihren Unmut in einen neuen Verein: den PEN Berlin.
Dass in den vergangenen Monaten Typen aufeinanderkrachten, sich Stile und Eitelkeiten rieben, das ist eine richtige Beobachtung, doch es fasst keineswegs, was beim PEN passiert. Der Name des neuen Vereins, PEN Berlin, ist auch der Verweis auf einen Grundkonflikt in Yücels Amtszeit.
Bloß nicht in die Provinz
Eine wichtige Funktion des PEN ist die Hilfe für bedrängte oder verfolgte Kolleginnen und Kollegen im Ausland, die Schaffung von Zufluchtsmöglichkeiten. Dem Journalisten Yücel, der selbst in der Türkei im Gefängnis saß, ist das besonders wichtig, und er hat kein Hehl daraus gemacht, dass er die vorgefundene Praxis der Unterstützung in Teilen für saumselig, ineffizient, geradezu weltfremd hält. Dass Autoren, die in Deutschland Exil finden, vom PEN teils in der tiefsten Provinz untergebracht werden, halten manche der so Unterstützten sowie Yücel und viele Mitstreitende für eine Zumutung. Diese Exilautoren wollen in die Zentren, am liebsten nach Berlin, nicht, weil es sich da schicker und unterhaltsamer leben ließe, sondern weil sie da näher dran sind an Verlagen, Sendern, Zeitungshäusern, weil dort ihre Chancen größer sind, ihre Meinungen, Erfahrungen, Mahnrufe einspeisen zu können.
Die Verortung im Namen PEN Berlin verweist auf diesen Streit und einen grundlegenderen – den um Rolle und Definition der Autorenschaft. Der PEN borgt sich für seinen Namen die Anfangsbuchstaben von Poets, Essayists und Novelists. Konservativere Mitglieder sehen ihn tatsächlich als Club der Dichtenden. Für Yücel wäre das ein Club der toten Dichter. Seinen Abgang hat er mit dem wunderbar polemischen, aber auch erschreckend unversöhnlichen Satz gekrönt: „Ich will keine Galionsfigur für diese Bratwurstbude sein.“
Schreibstube oder Engagement?
Die Gründungsmitglieder des PEN Berlin lassen als Literatentum auch manchen meinungsgetriebenen Journalismus gelten. Der Drang zur Einmischung ist für sie eine Tugend, keine säumige Abkehr von der Textarbeit. Auf seiner Internetseite charakterisiert sich der PEN Berlin als Verein, der „gemeinsam und unabhängig von Herkunft und Haltung Missstände anprangert und denjenigen hilft, die in ihrer freien Meinungsäußerung bedroht werden“.
Das kann man sehr sympathisch finden. Es markiert aber keine Grenze zwischen engstirnigen, ich-bezogenen Schreibstuckenhockern hie und den tätigen Weltverbesserern da. Auch im alten PEN würden die Verpflichtung zur Hilfe viele unterschreiben, denen eine talkshowtaugliche Welterklärungsgewissheit fremd ist.
Yücels Brandbeschleuniger
Es gab eine Phase in der Geschichte der Bundesrepublik, als man eine Gruppe bekannter Schriftsteller als humanistisch-progressives Gewissen des Landes sah: Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser, Alfred Andersch und ein paar andere – ja, tatsächlich war es ein ziemlicher Männerclub – hatten damals großen Einfluss auf Debatten.
Yücel hat mit Großautorengehabe nichts am Hut, aber ihn lockt die Chance der Wahrnehmungsverstärkung. Dass er in seiner Eigenschaft als PEN-Präsident die Einrichtung einer Flugverbotszone über der Ukraine gefordert hat, war ein wichtiger Brandbeschleuniger im PEN-Streit. Vielleicht hätte er da wirklich lieber klar als Individuum und Journalist sprechen sollen.
Wer bekommt das Geld?
Eva Menasse, Lucy Fricke, Simone Buchholz, Daniel Kehlmann, Feridun Zaimoglu, Christian Kracht und viele andere, die nun den PEN Berlin bilden, wollen vermutlich nicht zurück zum Großautorentum der Grass-Variante. Sie wollen einen schlankeren, moderneren Verein, ohne Titel und Ränge, mit einem „Board“, das so viel Frauen wie Männer umfasst. Aber sie gehen nicht in eine Entweder-oder-Haltung zum alten PEN, als seien sie eine politische Partei. Man kann in beiden Vereinigungen Mitglied sein.
Auch der PEN mit Sitz in Darmstadt hält sich klug zurück und begrüßt die Neugründung als Bereicherung. Man suche nun den Kontakt. Trotzdem läuft es auf eine baldige Konfrontation zu. Der PEN Berlin will wie der alte PEN verfolgten Autorinnen und Autoren helfen. Dafür braucht es private Spenden und öffentliche Mittel, die bislang an den PEN gehen. In einer besseren Welt würden nun einfach neue Fördertöpfe aufgemacht, weil die Verfolgung unliebsamer Schriftsteller in vielen Ländern zunimmt. In der Realität könnte es aber ein zähes Gezerre geben, wer wie viel Mittel verteilen darf.
Deniz Yücels PEN-Präsidentschaft
Antritt
Im Oktober 2019 erschien Deniz Yücels Sachbuch über die Türkei und seine Haftzeit, „Agentterrorist“. Im selben Monat wurde Yücel, der erst im Mai eingetreten war, Präsident des deutschen PEN.
Streit
Im März 2022 wurde öffentlich, dass hinter den Kulissen mit verbaler Härte ein Machtkampf geführt wurde. Yücel wurde Mobbing vorgeworfen. Auf der PEN-Jahrestagung am 13. Mai überstand Yücel einen Abwahlantrag, trat dann aber zurück.