Ist die Solaranlage erst einmal auf dem Dach, kontrollieren viele Besitzer häufig nicht mehr regelmäßig ihre Leistung. Foto: imago/ingimage

Der Netzbetreiber Netze BW will seine Kunden künftig darauf hinweisen, wenn die Leistung ihrer Fotovoltaikmodule schwindet oder deutlich schlechter ausfällt als Vergleichsanlagen. Dabei geht es insgesamt um erkleckliche Mengen.

Stuttgart - Die EnBW-Tochter Netze BW bietet Besitzern von Solaranlagen in ihrem Netzgebiet ab sofort einen besonderen, kostenlosen Service an: regelmäßige Rückmeldungen über die Leistung ihrer Anlage im Vergleich zu anderen und im Vergleich zu früheren Jahren. Damit können private Ökostromerzeuger erkennen, ob ihre Anlage noch in Schuss ist – oder dringend eine Wartung nötig hat.

 

Wie kommt es zu dem Angebot?

Netze BW betreibt in Baden-Württemberg rund 100 000 Kilometer Stromleitungen und hat entsprechend Zehntausende von Fotovoltaikanlagen angeschlossen, die ihren Strom ganz oder teilweise ins öffentliche Netz einspeisen. Damit fällt automatisch eine riesige Zahl von Daten an, die das Unternehmen auswerten kann. Die Daten muss der Netzbetreiber ohnehin erheben, damit der nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz ins Netz eingespeiste Strom abgerechnet werden kann.

Wie ist die Idee entstanden?

Netze BW dürfte mit der Auswertung einer der ersten, wenn nicht der erste Netzbetreiber in Deutschland sein, der seinen Kunden einen Hinweis auf die Leistungsfähigkeit seiner Anlage gibt. Auf die Idee, die Datenfülle der Netze BW für den Kunden nutzbringend auszuwerten, kam der Vorsitzende der Netze-BW-Geschäftsführung, Christoph Müller, gemeinsam mit Johannes Burgard, dem Gründer des Berliner Start-ups Solytic. Burgard weiß aus Erfahrung, dass viele private Betreiber von Solaranlagen die Wartung früher oder später vernachlässigen und so im Zweifel Einnahmen verschenken. Sein Unternehmen überwacht digital PV-Anlagen und bietet Analysen der Daten an, ist aber nicht an dem neuen Netze-BW-Angebot beteiligt. Aber auch der Energiewende geht grüner Strom in erheblichem Maß auf diese Weise verloren. Das verdeutlichen Zahlen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg: 99 Prozent der Solarstromanlagen sind dem Institut zufolge ans dezentrale Niederspannungsnetz angeschlossen und damit kleinerer Dimension. Knapp 50 Prozent der in Deutschland installierten Fotovoltaikkapazität entfallen auf Anlagen bis zu 100 Kilowattpeak, also genau dem Kreis, den die Netze BW im Auge hat.

Wie misst man Fotovoltaikleistung?

Die Leistungsfähigkeit von Fotovoltaikanlagen wird üblicherweise nicht mit Kilowatt oder Megawatt angegeben, sondern in der unwissenschaftlichen Einheit Kilowattpeak (kWp). Damit ist die Nennleistung einer Anlage unter Testbedingungen, also quasi ihr Potenzial gemeint, das unter realen Bedingungen aber nicht erreicht wird. Man rechnet damit, dass pro einem Kilowattpeak etwa 900 bis 1100 Kilowattstunden pro Jahr zu erzeugen sind.

Wer bekommt welche Informationen?

Seinen Service hat Netze BW auf Anlagen begrenzt, die mit einer Leistung zwischen fünf und 100 Kilowattpeak typisch für kleinere bis große Dachanlagen sind. Deren Betreiber – sofern sie ganz oder teilweise (und dann mit einem eigenen Zähler) ins Netz einspeisen – erhalten eine Aufstellung, die auf einer Farbskala darstellt, wie die Anlage im Vergleich zu anderen im selben Stadt- oder Landkreis abschneidet. Und das bis zu sieben Jahre zurück. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Die Auswertung kommt kostenfrei und automatisch, registrierte Nutzer können die Daten auch online einsehen.

Warum sinkt die Leistung einer Anlage?

Wenn eine Anlage unterdurchschnittlich abschneidet oder ihre Leistung deutlich sinkt, kann das verschiedene Ursachen haben: defekte Module beziehungsweise deren Kabelverbindungen, defekte Wechselrichter, veränderte Bedingungen bei der Beschattung, verschmutzte oder veraltete Module, eine schlechte Ausrichtung oder weitere Umwelteinflüsse. Zudem gibt es einen gewissen natürlichen Alterungsprozess: Die Leistung Wafer-basierter Module lässt jährlich nur um etwa 0,15 Prozent nach, schreibt das Fraunhofer ISE. Ihre Lebensdauer wird mit 20 bis 30 Jahren angegeben. Dünnschicht-Module altern offenbar vor allem in den ersten 1000 Betriebsstunden, dann aber merklich.

Was kann man tun, wenn die eigene Anlage unterdurchschnittlich arbeitet?

Eine erste einfache Kontrolle ist immer hilfreich. Vielleicht ist ja nur Laub auf die Anlage gefallen? Ist so nichts zu erkennen, hilft der Hersteller oder der örtliche Installateur der Anlage weiter. Die Kosten für am Markt angebotene und von Versicherungen oft verlangte Wartungsverträge scheuen viele Anlagenbesitzer. So gerät aber vielen auch die Leistungsfähigkeit ihrer Solaranlage aus dem Blick.

Um welches Volumen geht es?

„Was für den einzelnen Betreiber vielleicht nur ärgerlich ist, weil er auf Einspeisevergütung verzichtet, ist energiewirtschaftlich durchaus in einer relevanten Größenordnung“, betont Netze-BW-Chef Müller. Mehr als jede zehnte von seinem Unternehmen ausgewertete Anlage habe 2019 bei der Stromerzeugung 15 Prozent oder mehr unter dem Durchschnitt gelegen. Hochgerechnet kommt der Netzbetreiber für Baden-Württemberg so auf mehr als 200 Gigawattstunden und für ganz Deutschland auf fast 1600 Gigawattstunden verschenkten grünen Strom pro Jahr. Das sind immerhin gut fünf Prozent der in Deutschland erzeugten Solarstrommenge und „entspricht dem Haushaltsstromverbrauch ganzer Städte“, so Müller.