Das Ulmer Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt. Foto: dpa

Die seit Jahresbeginn vakante Stelle des Münsterbaumeisters in Ulm wird neu besetzt. Am 1. Juli übernimmt der Stuttgarter Architekt Michael Hilbert diese Aufgabe. Schon jetzt ist der 51-Jährige an zwei Tagen pro Woche in Ulm am Gotteshaus mit dem höchsten Kirchturm der Welt tätig.

Stuttgart - Ein Kirchturm mit 161,53 Metern Höhe wirft einen langen Schatten und kann Respekt einflößen. Das Ulmer Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt wird bald den Dreh- und Angelpunkt im Berufsleben von Michael Hilbert bilden. „Ich spüre schon eine gewisse Ehrfurcht vor der Aufgabe“, sagt der 51-jährige Architekt aus Stuttgart. „Aber ich freue mich auf die Aufgabe. Sie macht mich auch stolz.“ Am 1. Juli übernimmt Hilbert die Leitung des Münsterbauamts Ulm und damit die Verantwortung für den Erhalt des gewaltigen Gotteshauses.

„Bisher war ich beruflich eher so etwas wie ein Vagabund“, sagt Hilbert. Projekte als Architekt haben eine Laufzeit von zwei, drei Jahren, dann steht eine neue Aufgabe auf dem Programm. Jetzt aber muss er in anderen zeitlichen Dimensionen denken. Und nicht nur das. „Ich übernehme einen Job, bei dem ich sehr in der Öffentlichkeit stehe“, kennt Hilbert die neue Herausforderung .

In den vergangenen Jahrzehnten hat es wohl kaum eine Phase gegeben, in der nicht ein Teil des in gotischem Stil gebauten Ulmer Münsters eingerüstet war. Aktuell sind der nördliche Chorteil, Chorfenster und drei Seiten des Turmsockels bis in 70 Meter Höhe verhüllt, der Nordturm ist von einem Schutzgerüst verdeckt. „Da ist Not am Mann“, sagt Hilbert, „da fällt so manches herunter.“

Fertig wird ein Dombaumeister mit seiner Arbeit nie. So wie der Bau des Ulmer Münsters mehr als ein halbes Jahrtausend und damit fast eine Ewigkeit währte, so braucht auch der Erhalt des Bauwerks einen langen Atem. Hilbert spricht von einer „Generationenaufgabe“, die mit seinem Ruhestand ebenso wenig endet wie mit dem seines Nachfolgers und Nachnachfolgers.

Ein Problem aber hat Hilbert im Unterschied zu seinem Kollegen am Kölner Dom nicht. Während dort eine in der Nähe verlaufende U-Bahn-Linie das Kirchenfundament erschüttert und den Turm regelmäßig leicht zum Schwingen bringt, steht der Bau in Ulm fest und in sich ruhend da. „Das Münster ist ein hochspannendes Ingenieursbauwerk“, sagt Hilbert und lobt seine Vorgänger: „Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Fundament mit Beton und Zugstäben ertüchtigt.“ Selbst die Bomben im Zweiten Weltkrieg konnten dem Bauwerk wenig anhaben.

„Der Denkmalschutz hat mich schon als Student interessiert“

Hilbert, der nach einer Schreinerlehre und dem Studium 1990 als Freier Architekt anfing und seit 1998 Partner des K+H-Architektenbüros ist, besitzt große Erfahrungen im Denkmalschutz. 2003 wurde er mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg für die Restaurierung der Krone, eines Gasthauses samt Tanzsaal in Bad Rappenau-Bonfeld, ausgezeichnet. Eine seiner jüngeren Arbeiten war der Umbau einer historischen Maschinenhalle in einen Hörsaal der TU Darmstadt mit 800 Plätzen.

„Der Denkmalschutz hat mich schon als Student interessiert“, sagt Hilbert. Alte Konstruktionsmethoden und das Zusammenspiel unterschiedlicher Baumaterialien wie Stein, Holz, Metall und Putz haben ihn fasziniert. Ein gutes Beispiel hierfür ist das eigene Architekturbüro, für das in einem alten Stadthaus im Stuttgarter Westen eine geräumige ehemalige Arztwohnung samt Praxis liebevoll restauriert wurde. Alte Böden wurden ebenso freigelegt wie reich strukturierte Kassettendecken. Im Konferenzraum des Büros schweben über Hilbert auf einem Deckengemälde zarte Putten.

Die große Erfahrung im Denkmalschutz hat für den Gesamtkirchengemeinderat Ulm den Ausschlag gegeben, Hilbert unter 21 Bewerbern auszuwählen. Zudem ist er evangelisch und, wie in der Ausschreibung gefordert, engagierter Christ. Da konnte die Auswahlkommission auch über den inzwischen grau gewordenen Pferdeschwanz des Bewerbers hinwegsehen. „So kommt es, dass unser Rebell jetzt Münsterbaumeister in Ulm wird“, frotzelt Hilberts Architektenkollege Wieland Egger.

Hohe Türme haben Hilbert möglicherweise unbewusst schon früh geprägt. 1968 wurde er in der Deutschen Schule in Istanbul eingeschult, als sein Vater in der Türkei als Ingenieur tätig war. „Ich kann mich nur noch an den Pausenhof auf einer Dachterrasse erinnern“, sagt Hilbert, „und an den Galataturm in der Nähe“. Dieser Turm ist knapp 100 Meter kleiner und etwas älter als das Ulmer Münster. Nächste Schulstation für Hilbert war 1971 Teheran, wo es Hunderte von Moscheen und viele Minarette gab.

Team von 16 Mitarbeitern

Nun wird Hilbert als Leiter der Münsterbauhütte in Ulm verantwortlich für den höchsten Kirchturm der Welt. Seine Vorgängerin Ingrid Helm-Rommel war nach 16 Jahren und Querelen mit Mitarbeitern aus privaten Gründen ausgeschieden. „Ich kenne Frau Helm-Rommel nicht, ich kann mich zu ihrem Abgang deshalb auch nicht äußern.“

Als Chef der Münsterbauhütte führt Hilbert ein Team von 16 Mitarbeitern, darunter zwölf erfahrene Steinmetze, Steintechniker und Schreinermeister. Ihm und seiner Mannschaft wird die Arbeit nicht ausgehen. Denn die im Lauf der Jahrhunderte und durch Umwelteinflüsse mürbe gewordenen Bausteine müssen Stück für Stück entsalzt, zum Teil auch ausgetauscht werden.

„Ich habe in Ulm ein hoch motiviertes und engagiertes Team gefunden“, sagt Hilbert. Ob dieses Lob mit dem Geburtstagsgeschenk zu tun hat, das er vor zwei Wochen von den Mitarbeitern bekommen hat? „Ich besitze jetzt den ersten und einzigen gotischen Aschenbecher“, freut sich Hilbert. Er ist einen Meter hoch, steht vor der Tür des Münsterbauamts und wirft, wenn die Sonne tief steht, einen langen Schatten – auf die Straße, nicht auf die Lunge.

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