Ernst-Wilhelm Gohl bekleidet ab Sommer den höchsten Posten in der evangelischen Landeskirche. Seine ersten Jahre als Pfarrer hat der neue Landesbischof in Böblingen erlebt. „Ich hätte es damals nicht besser erwischen können“, sagt er.
An seine Anfangszeit erinnert sich Ernst-Wilhelm Gohl gerne. „Das waren prägende Jahre in Böblingen“, sagt der 58-Jährige, „ich habe sehr viel gelernt.“ Jetzt wurde Gohl zum neuen Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gewählt. Kurz vor seiner Einsetzung im Juli wird er noch einmal an seiner alten Wirkungsstätte vorbeischauen.
Wie stark die unterschiedlichen Strömungen in der Kirche miteinander ringen, wurde bei der Landessynode deutlich, die zuletzt den neuen Landesbischof zu wählen hatte. Weder die Konservativen der „Lebendigen Gemeinde“ noch die Progressiven der „Offenen Kirche“ konnten ihre Kandidaten durchbringen. Erst im fünften Wahlgang – und quasi im letzten Moment – einigten sich weite Teile der Synode auf den dritten Kandidaten, Ernst-Wilhelm Gohl bekam die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit. Die holperige Wahl will der neue Landesbischof aber nicht als Makel sehen, der Geistliche streicht das Positive heraus: „Es ist gut, dass es doch noch zu einer Einigung kam.“
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Dass der Kirche die Mitglieder wegrennen, viel Arbeit auf ihn wartet und er verschiedene Richtungen zusammenbringen muss, ist dem Noch-Dekan von Ulm aber auch klar. Er setzt auf den offenen Dialog, will dabei stets klare Kante zeigen. „Es muss zunächst deutlich werden, welche Position ich habe“, sagt Gohl. Dabei bleibe die eigene Meinung eine Meinung unter vielen. „Klartext reden sollte nicht heißen, dass man keine Kompromisse schließt.“
Seine Pfarrer-Laufbahn angefangen hat Gohl genau vor 30 Jahren. Im März 1992 begann er sein Vikariat an der Böblinger Stadtkirche. Als „Geschenk des Himmels“ beschreibt er den Start. Sein Ausbildungspfarrer war Wolfgang Salm, der die Gemeindearbeit bis zum Ruhestand 2019 stark prägte. „Ich hätte es nicht besser erwischen können“, schwärmt Gohl, der viele Freiheiten genoss, aber auch einen meinungsstarken Anleiter hatte. Der Vikar, vor dem Theologie-Studium als DRK-Rettungsassistent tätig, nahm sich der Böblinger Obdachlosen an. Er lud die Frierenden zur gemeinsamen Weihnachtsfeier ins Gemeindehaus ein, klaubte die Clochards höchstpersönlich an den City-Center-Brücken auf. „Da durfte in der Festen Burg ausnahmsweise geraucht werden“, schmunzelt Gohl, „sonst wäre das nicht gegangen.“ Den Obdachlosen gefiel’s, an Ostern kamen sie wieder.
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Die soziale Kirchenarbeit war dem gebürtigen Stuttgarter stets wichtig, sie prägte auch seine erste Pfarrerstelle auf der Diezenhalde von 1994 bis 2001, unter anderem fand er im Sozialdiakon Götz Kanzleiter einen Mitstreiter. „Zum Teil war ich aber etwas zu euphorisch“, bekennt Gohl. Mit der Konfirmandengruppe stattete er damals der Obdachlosenunterkunft einen Besuch ab – ein eindrücklicher, aber auch belastender Ausflug. „Da wäre ich heute vorsichtiger“, gibt er zu. Doch es herrschte auf der Diezenhalde eine gewisse Aufbruchsstimmung, die Kirchengemeinde war jung, das ökumenische Gemeindezentrum gab es erst wenige Jahre. „Damals wie heute war das Engagement der Ehrenamtlichen enorm“, erinnert sich Gohl. Zudem erwies sich der Kirchengemeinderat als überaus aufgeschlossen, zum Beispiel bei der Einrichtung eines Jugendraums.
Aus der Nähe zum DRK entwickelte sich ein weiteres Projekt. Gemeinsam mit den Rettungsdienstlern baute Gohl die Notfall-Seelsorge in Böblingen auf, um Angehörigen kurz nach einem Todesfall beizustehen, aber auch die Einsatzkräfte zu begleiten – ein beispielhaftes Angebot, dessen 25-jähriges Bestehen am 10. Juli in Böblingen gefeiert wird. Da ist Ernst-Wilhelm Gohl natürlich mit von der Partie, ehe er am 17. Juli in Ulm verabschiedet und am 24. Juli als Landesbischof in Stuttgart eingesetzt wird.
So schön die Böblinger Zeit auch war – sie endete furchtbar. Kurz bevor Gohl 2001 an die Stadtkirche in Plochingen wechselte, erlebte die junge fünfköpfige Familie einen schweren Schicksalsschlag. Im Urlaub ertrank der dreijährige Sohn – bis heute ein Trauma für die Gohls. „Das war furchtbar bitter“, sagt der 58-Jährige, „es ist ein Wunder, dass man mit wo etwas leben lernt.“ Immerhin hatte der Pfarrer kurz zuvor in einer Böblinger Trauergruppe mitgearbeitet – auch eines seiner vielfältigen Engagements. „Das hat mir dann selbst sehr geholfen.“