Der Abzug aus Afghanistan nagt am Bild der USA in der Welt. Die wirklich großen Herausforderungen liegen aber wo anders, kommentiert Christian Gottschalk.
Stuttgart - Die Vereinigten Staaten von Amerika sind geschlagen. Die Supermacht mit dem modernsten Militär der Welt hat versagt. 20 Jahre Krieg in Afghanistan haben mit einem ziemlich kleinlauten Abzug geendet, keines der hehren Ziele, mit denen der Feldzug begann, wurde dort erreicht. Stattdessen gab es mehrere Tausend tote US-Soldaten zu betrauern und auch ein finanzielles Billionengrab. Das Schlimmste ist: Alle, die auf Amerika vertraut haben, sind schmählich verraten worden.
Kurzform der Geschichte
Es ist überaus grenzwertig, den nun beendeten Afghanistan-Einsatz alleine auf diese Art zusammenzufassen. Die Wirklichkeit ist vielschichtiger und differenzierter. Aber es ist absehbar, dass die Gegner der USA diese Sichtweise auf das Geschehene verbreiten werden. Und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sich diese Kurzform der Geschichte in vielen Köpfen festsetzen wird. Wenn irgendwo auf der Welt in Zukunft Konflikte aufbrechen, bei denen die USA Unterstützung zusichern, wird die Historie des Afghanistan-Krieges genau so erzählt werden. Das macht es für Washington nicht gerade einfacher.
Dabei verändert sich die Welt für die einst einzige Supermacht derzeit ohnehin besonders schnell – Afghanistan und seine Folgen sind nicht die größte Herausforderung. Seit dem Ende des Kalten Krieges hatten die USA eine Art Alleinvertretungsanspruch, wenn es darum ging, die Weichen in der Weltpolitik zu stellen. Die Sowjetunion war in ihre Einzelteile zerbröselt, andere Nationen von Gewicht waren nicht zu erkennen. Die Lage hat sich grundlegend geändert. Mit Russland gibt es eine Macht, die mitreden will und trotz wirtschaftlicher Schwäche das militärische Zeug dazu hat, Wünsche durchzusetzen. Zudem gibt es dort einen Präsidenten, dem man zutraut, seine Möglichkeiten noch stärker zu nutzen. Noch viel bedeutender ist China. Wirtschaftlich potent, schreitet das Land auch militärisch voran. In der Region dominiert Peking bereits. Und die wirtschaftlich enge Verbindung Chinas mit den USA bei gleichzeitig politischer Konkurrenz ist eine ganz besondere Tücke.
Spielregeln aushandeln
Die multipolare Weltordnung ist also schon lange Realität. Jetzt geht es darum, die Spielregeln auszuhandeln. Das ist ein langer und nervenaufreibender Prozess. Für die USA sind die Bedrohungen mit dieser Situation deutlich größer als für die anderen Spieler. Washington hat schließlich mit Abstand am meisten zu verlieren. Daher ist die Gefahr groß, dass sich die USA zunächst in eine Wagenburgmentalität zurückziehen – skeptisch, zurückhaltend bis ablehnend gegenüber der neuen Welt. Doch wenig wäre so falsch, als darauf zu setzen, dass die alte Stärke wiederkommen werde. Verheerend könnte es ausgehen, gegenüber der restlichen Welt ein Szenario aufzubauen, bei dem sich die Nationen entscheiden müssen, mit welcher Supermacht sie künftig zusammenarbeiten wollen. Eine Welt aufgeteilt in feste Blöcke ist nicht zielführend. Was es braucht, ist globale Zusammenarbeit. Das ist leicht gesagt, aber ungemein schwer getan.
Schmerzhafte Kompromisse
Die Verhandlungen über die Spielregeln der Welt können Jahrzehnte dauern, länger, als die jetzt an den Schalthebeln der Macht sitzenden Führer das Sagen haben. Das wird nicht ohne hartes Verhandeln gehen, erst recht nicht ohne schmerzhafte Kompromisse. Die Vorstellung, die ganze Welt so zu ordnen, wie es den eigenen Wünschen entspricht, lässt sich nicht durchsetzen. Nicht für China, nicht für Russland, nicht für die USA. Schon gar nicht für Europa. Ob die EU zu einem großen Spieler aufsteigt oder in der Bedeutungslosigkeit versinkt, steht dabei in den Sternen. Auch wenn das niemand gerne hört: Möglich ist beides.