Die neue Stadtbibliothek: Klicken Sie sich durch Bilder vom Rohbau. Foto: Belser

Am Mittwoch wird in der neuen Stadtbibliothek Richtfest gefeiert. Der Rohbau ist fertig.

Stuttgart - Am Mittwoch wird in der neuen Stadtbibliothek hinter dem Hauptbahnhof Richtfest gefeiert. Der Rohbau ist fertig. Von Herbst 2011 an soll hier der literarische Puls der Stadt schlagen. Das Herz liegt tief drin im Baukörper - unter einer Pyramide.

Eun Young Yi blickt nach oben und streckt die Arme gen Himmel. "Man kann eine metaphysische Welt spüren", sagt der koreanische Architekt. Er steht mitten in der neuen Bibliothek am Mailänder Platz hinter dem Hauptbahnhof, die er in seinem Kölner Büro entworfen hat. Jetzt nimmt sie Gestalt an. Hier, hinter mehreren durchsichtigen Wänden, liegt das Kernstück. "Das Herz", sagt Yi. Ein leerer Turm, der an einen Pantheon erinnern soll. Hier sollen die Besucher dereinst zur Ruhe kommen, sich ihren Gedanken hingeben. "Wir müssen in unserer schnellen Zeit auch Stille und Leere zulassen", sagt Ingrid Bussmann, Leiterin der Stadtbücherei, die derzeit noch im zu kleinen Wilhelmspalais beheimatet ist.

6400 Quadratmeter mehr als im Wilhelmspalais

Das Kernstück ist so ungewöhnlich wie das ganze Bauwerk. Von außen ein gleichmäßiger Würfel, überrascht das Innere mit unkonventionellen Ideen. Auf dem vier Stockwerke hohen Herz thront eine Pyramide, die auf dem Kopf steht. An ihren Wänden verlaufen Treppen, der Raum öffnet sich nach oben immer mehr in einen lichtdurchfluteten Galeriesaal. Ringsum werden Bücher stehen. Von der Dachterrasse im neunten Stock schweift der Blick über die Stadt. "Das wird der Lieblingsplatz unserer Besucher", orakelt Bussmann. Direkt darunter liegt eine Cafeteria, in der auch die Kunst ihren Platz finden soll. "Das wird der schönste Raum", schwärmt Yi, breitet die Arme aus und dreht sich im Kreis.

Die neue Bibliothek soll jedoch nicht nur schön werden, sondern auch praktisch. 500.000 Medien werden die Nutzer hier finden, 80.000 mehr als heute. Die Fläche verdreifacht sich von 6400 Quadratmeter im Wilhelmspalais auf gut 20.000. Die Musikbücherei wird im ersten Stock ihre Heimat finden, überall gibt es Gruppenräume, Arbeitsbereiche und Lesezonen, im Untergeschoss einen Veranstaltungssaal für 300 Menschen. Die Nutzer können sich mit geliehenen Laptops frei im Haus bewegen.

"Die Bibliothek wird markant sein im Stadtbild"

Der Service soll sich auch bei den Öffnungszeiten verbessern: "Wir werden länger geöffnet haben als jede andere kommunale Bibliothek in Deutschland", sagt Bussmann. Die Tore der neuen Lesewelt sollen an Werktagen von 9 bis 21 Uhr offen stehen. Dazu wird es einen kleinen Nachtschalter geben, um Medien auch zu später Stunde zurückzugeben oder in begrenzter Form auszuleihen. Eine hochmoderne Anlage wird die Bücher im Haus transportieren.

"Wir werden 2,5 Kilometer Bücherregale einbauen", weiß Bussmann. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. "Wir planen gerade die Möblierung und arbeiten am Konzept", sagt die Bibliotheksdirektorin. Die Eröffnung plant sie mit einwöchigen Feierlichkeiten rund um den 24. Oktober 2011, den Tag der Bibliotheken. "Es sieht so aus, als ob wir diesen Wunschtermin halten können", sagt Hans Repper. Der Projektleiter vom Hochbauamt verweist zwar auf einen zeitlichen Rückstand von zwei Monaten wegen des harten Winters, den werde man aber aller Voraussicht nach aufholen können.

"Die Bibliothek wird markant sein im Stadtbild"

"Eine Punktlandung" prophezeit Repper auch bei den Kosten. Fast alle Bauleistungen seien vergeben, der Innenausbau läuft, man werde mit den veranschlagten 79 Millionen Euro auskommen. Derzeit erhält das Gebäude eine zweite Haut aus Glasbausteinen. "Dadurch wird es massiv, aber doch leicht und romantisch wirken. Poetisch, oder?", sagt Yi und lacht schallend.

Weniger romantisch sieht derzeit noch die Umgebung aus. Geradezu surreal wirkt die einzelne Sitzbank, die bereits auf dem benachbarten Stockholmer Platz vor sich hin träumt. Boulevardartige Straßen führen noch ins Nichts. Überall röhren Bagger. "Das wird auch noch einige Jahre so sein, wenn die Bibliothek schon offen ist", sagt Repper. Ingrid Bussmann kann dem Positives abgewinnen: "Dann können die Leute noch lange den Blick aufs Gebäude genießen." Kommen, glaubt sie, werden die Massen schon allein aus Neugier, später werde sich die Umgebung entwickeln.

Eun Young Yi schaut nach oben. "Die Bibliothek wird markant sein im Stadtbild", sagt er. Und strahlt über das ganze Gesicht.

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