Gibt Ausblicke auf die neue Spielzeit: Schauspielbühnen-Intendant Manfred Langner Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Mit einer Verbeugung vor Günter Grass startet Manfred Langner, Intendant des Alten Schauspielhauses und der Komödie im Marquardt, in die neue Saison. Im Interview spricht er über Roman- und Filmdramatisierungen und über die erdrückenden Geldsorgen.

Herr Langner, Sie beginnen die kommende Spielzeit mit einer Romanadaption: „Die Blechtrommel“ von Günter Grass. War das schon vor seinem Tod geplant?
Ja, das ist schon länger geplant gewesen. Grass selbst hat die Fassung, die Volkmar Kamm geschrieben hat, gelesen und sie für gut befunden. Eigentlich hatten wir auch die Hoffnung, dass er zur Premiere kommen wird. Natürlich waren wir sehr betroffen, als wir von seinem Tod gehört haben. Umso mehr bin ich froh, dass wir das Stück im Spielplan haben: Eine Verbeugung vor Günter Grass.
Wie wird die Inszenierung aussehen?
Ich kann noch nicht sehr viel dazu sagen. Natürlich kenne ich die Fassung von Volkmar Kamm und auch die Bühnenbildkonzeption. Und ich bin sicher, es wird, wie bei Kamm eigentlich immer, eine sehr spektakuläre Inszenierung. Das Stück zeigt einen Bilderbogen, der uns aus der Sicht des kleinen Oskar viel erzählen und uns durch das vergangene Jahrhundert führen wird.
Noch ein Blick zurück in die aktuelle Spielzeit: Zufrieden?
Ja, wir sind sehr zufrieden mit dieser Spielzeit. Natürlich hatten wir auch Stücke, die auf geteilte Meinungen stießen, wie zum Beispiel „1984“. Das Stück hat viele Zuschauer zur Diskussion herausgefordert. Vielen hat es großartig gefallen, anderen wiederum gar nicht. Aber eine solche kontroverse Diskussion muss im Alten Schauspielhaus auch möglich sein. Insgesamt werden unsere Produktionen sehr gut angenommen. Ich freue mich auch, dass „Sweet Charity“ nach Südkorea eingeladen worden ist.
In der Komödie im Marquardt werden Sie wegen Sparmaßnahmen eine Produktion weniger zeigen. Müssen Sie mit weiteren Einsparungen rechnen?
Ich kann nicht noch mehr einsparen. Das geht nicht. Ansonsten müssen wir den Spielbetrieb einstellen. Wir haben bereits eine Spielstätte geschlossen, Vorstellungen reduziert und bieten eine Produktion weniger in der kommenden Spielzeit an. Wir sind am Ende aller Sparmaßnahmen, die noch einigermaßen die Struktur des Hauses aufrechterhalten. Deshalb sind wir auch in intensiven Gesprächen mit dem Gemeinderat. Es ist für uns immens wichtig, dass wir beim nächsten Kulturhaushalt angemessen berücksichtigt werden. Ansonsten kann dieses Haus so nicht mehr existieren.
Die versprochene Erhöhung Ihres Etats um rund 385 000 Euro blieb leider aus, dafür sind Ihre Personalkosten stark gestiegen. Wie wirkt sich das auf den Spielbetrieb aus?
Das hat großen Einfluss auf unsere Leistungsfähigkeit. Dieses Theater ist ein ungewöhnlich erfolgreiches Haus. Wir erreichen Jahr für Jahr bis zu 200 000 Zuschauer, damit liegen wir an der Spitze. Das können wir auch dann leisten, wenn wir ökonomisch arbeiten müssen, aber dazu brauchen wir zumindest die nötigen Mittel. Das Alte Schauspielhaus ist ein Volltheater. Das verlangt jeden Abend bestimmte Grundbedingungen wie zum Beispiel die Brandsicherheitswache. Und wenn wir die nicht mehr erfüllen können, dann müssen wir den Spielbetrieb einstellen. Wir hoffen sehr, dass die Politik eine Einsicht hat.
Das heißt, Sie müssen in Zukunft mehr auf Kooperationen setzen?
Kooperationen haben wir im Moment schon sehr viele. Wir haben Kooperationen mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, aber auch mit Partnern außerhalb der Stadt, wie zum Beispiel mit der Hochschule für Gestaltung in Konstanz und einem Tourneeunternehmen, das unsere Stücke vertreibt. Dadurch können wir sehr viele Einnahmen generieren, die der Stadt beziehungsweise diesem Theater und den Aufführungen zugute kommen. Wir sind immer offen für Kooperationen, und ich finde das auch immer sehr spannend. Aber dieses Haus muss letztendlich aus sich selbst heraus existieren können.
Sind Gastspiele eine weitere Möglichkeit, um das Budget aufzustocken?
Ja, in der Tat. Natürlich ist da dieses sehr spannende und aufregende Abenteuer Südkorea. Etwa dreißig Leute werden nach Südkorea fliegen, um dort unsere Produktion „Sweet Charity“ zu zeigen. Das normale Brot-und-Butter-Geschäft, dass wir Produktionen hierzulande auf Tournee schicken, wie „Eine Couch in New York“ und „Auf und davon“ oder eben die große dreimonatige Tournee von der „Blechtrommel“, sind aber ebenso wichtig. Das sind die Zusatzeinnahmen, die uns sehr dabei helfen, über die Runden zu kommen.
Wie in dieser Saison setzen Sie auch auf Filmdramatisierungen. Der neue Spielplan sieht zudem eine weitere Folge der Serienadaption „Laible und Frisch“ vor. Kommt das so gut an?
Wir haben tatsächlich schon häufiger Filmadaptionen wie „Rain Man“ oder „La Strada“ auf die Bühne gebracht. Das kommt auch meistens gut an, hat aber mit diesen Spielplan-Entscheidungen nichts zu tun. „Laible und Frisch“ ist eine Fernsehserie, die sehr gut den schwäbischen Humor repräsentiert. Wir haben in dieser Spielzeit bereits ein „Laible und Frisch“-Stück aufgeführt. Stücke dieser Art sind auch für den Versuch da, ein neues Pu­blikum zu erwischen, die Menschen vom Fernsehen wegzuholen und ins Theater zu locken.
Haben Sie den Eindruck, dass sich das Publikum und dadurch auch das Theater in den vergangenen Jahren verändert haben?
Ja, das Publikum verändert sich laufend. Es ist immer ein Austausch da. Wir haben zum Glück ein sehr treues Stammpublikum, für das wir sehr dankbar sind und das wir gerne pflegen. Gleichzeitig aber ist es immer ­wieder so, dass neue Besucher ins Theater gehen, andere hingegen können zum ­Beispiel aus Altersgründen nicht mehr kommen. Und es gibt natürlich ganz normale Dinge in dieser Welt, die uns alle ­betreffen, die das Zuschauerverhalten verändern. Die Art und Weise, wie wir das Fernsehen oder das Internet wahrnehmen – all das ändert unser Schauverhalten. Und wir stellen fest, dass es immer mehr Zuschauer gibt, die Nachmittagsvorstellungen sehen wollen.
Das sind dann aber vermutlich eher ältere Menschen?
Ja, das sind in der Regel ältere Menschen, die abends nicht mehr gerne ausgehen wollen. Deshalb nehmen wir den Sonntagnachmittag im Alten Schauspielhaus ab der kommenden Spielzeit zusätzlich hinzu. Das ermöglicht uns dann aber wiederum, abends mehr Plätze an jüngere Leute vergeben zu können, die lieber später ausgehen. Das ist insofern auch eine Möglichkeit, ein neues Publikum anzusprechen.
Wird es weiterhin nur eine Kinderveranstaltung pro Spielzeit geben?
Ja, es gibt leider nur ein Kinderstück, mehr können wir nicht leisten. Zum einen liegt das daran, dass wir die Spielstätte unterm Dach schließen mussten, und zum anderen auch daran, dass uns die nötigen finanziellen Mittel fehlen. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass wir das theaterpädagogische Programm in den nächsten beiden Jahren dank der Projektfördermittel des Landes Baden-Württemberg fortsetzen können.
Ihre Kinderstücke richten sich an Zuschauer zwischen fünf und zehn Jahren. Was ist mit den Jugendlichen?
Da wir für Kinder zwischen zehn und 16 Jahren nichts anbieten, bleibt da eine gewisse Lücke, ja. Wir erfahren allerdings, dass wir gerade mit Stücken wie „Die Blechtrommel“ großen Erfolg bei Schulklassen haben. Ein Teil unseres theaterpädagogischen Programms richtet sich an Schulen, um auch Schüler und Lehrer für Theater zu begeistern. Im Moment kann ich mir aber keine Gedanken über weitere Stücke machen, weil wir erst einmal schauen müssen, dass wir das Programm für unsere Stammhäuser auf die Bühne bekommen. Wir müssen unsere Mittel so einsetzen, dass wir das schaffen, was wir in der normalen Programmstruktur erledigen wollen.
Sie leiten die Komödie im Marquardt und das Schauspielhaus und arbeiten als Regisseur. Ist das nicht ein bisschen viel?
Die Arbeit an den eigenen Häusern steht natürlich im Vordergrund. Gastspiele, die ich woanders mache, sind sehr rar geworden. Ich habe früher viel mehr als Gastregisseur gearbeitet, das habe ich sehr stark eingeschränkt, weil das aufgrund der beiden großen Häuser nicht mehr möglich ist. Dennoch gibt es Produktionen von uns, die auf Tournee gehen und eine Einrichtung brauchen. Wenn die „Couch in New York“ nach Frankfurt oder München geht, dann muss ich mich natürlich auch darum kümmern. Langweilig wird mir also nicht!