David Chipperfield Architects haben Mies van der Rohes Meisterwerk aus Stahl und Glas am Kulturforum saniert. Nun hat die Schlüsselübergabe für die Neue Nationalgalerie stattgefunden.
Berlin - Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist nicht nur eine Ikone der Moderne, um sie rankt sich auch eine hübsche Architekturanekdote. Denn der Architekt Mies van der Rohe (1886-1969) wandelte für diesen Geniestreich seinen Entwurf für das nie gebaute Bürogebäude des Rum-Herstellers Bacardi ab. Vielleicht hat ja die unübertroffene Leichtigkeit dieses Museumsbaus für die Kunst des 20. Jahrhunderts auch ein klein wenig mit dieser Genese zu tun.
Beim gigantischen stützenfreien, nur von Glas ummantelten Pavillon hat eine Stuttgarter Ingenieur- und Architekten-Legende ihre Finger im Spiel: Mies van der Rohe hatte seinen Freund Frei Ottobei der Statik des Dachs um Hilfe gebeten, woraufhin dieser die vorgesehenen vier mittigen Pfeiler nach außen setzte, sodass das quadratische Flachdach auf acht außen liegenden Stützen lagert.
Ein Stahldach wie ein fliegender Teppich
Der 1968 eröffnete kristalline Kunsttempel am Berliner Kulturforum gilt als Schluss- und Höhepunkt des Mies’schen Lebenswerks, den der 1938 nach Amerika emigrierte, in Aachen geborene Baumeister nie vollendet erlebte. Er vereinte in dem Solitär architektonisch Widersprüchliches und erzielte eine unantastbare Zeitlosigkeit: ein lichter Glaskasten als Universalraum, in dem Innen und Außen ineinanderfließen, darunter ein steinernes Podium, darüber ein weit auskragendes Stahldach, das trotz seiner 1260 Tonnen wie ein fliegender Teppich in der Luft schwebt.
Lange Mängelliste
Aber auch Geniestreiche altern. Gesprungene Granitplatten, zerbrochenes Glas, Betonkorrosion, stehendes Regenwasser auf dem Dach, dazu eine heillos überholte Technik und drastische Defizite bei Sicherheit und Funktionalität: 2011 wurde eine denkmalgerechte Grundinstandsetzung beschlossen; 2012 entschied das Büro David Chipperfield Architects das Auswahlverfahren für sich, das bereits wiederholt seine Exzellenz beim Restaurieren von Kulturdenkmälern bewies, etwa beim Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel.
So viel Mies wie möglich
So viel Mies wie möglich: Dieses Credo legte Chipperfield dem von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Bauherrn verantworteten sechsjährigen und 140 Millionen Euro teuren Sanierungsprojekt zugrunde. Dabei haben die Architekten das Paradoxon vollbracht, ihre Meisterschaft zu beweisen, indem sie unsichtbar bleiben – (fast) alles wie vorher! Den Urzustand wiederherstellen, nichts neu interpretieren oder auffrischen, und wenn korrigieren, dann im Geiste des Originals – diesen Anspruch haben die Architekten beeindruckend akribisch und konsequent umgesetzt.
Die Architektur-Chirurgen
Ihre Arbeit sei von „chirurgischer Natur“ gewesen, so beschreibt es der Brite David Chipperfield, man hoffe, „den Patienten dem Anschein nach unberührt entlassen zu haben – nur in viel besserem Zustand“. Dabei waren die Chirurgen auch als Logistiker gefragt: 35 000 Originalbauteile wie etwa Granitplatten, Leuchten und Holzpaneele wurden ausgebaut, inventarisiert, eingelagert, restauriert und wieder eingebaut. Die Sanierer beseitigten Asbest, und sie knüpften sich den Betonkern vor, der sich als extrem schadhaft erwies, was die Fertigstellung um ein Jahr verzögerte. Bei den Kosten hielt man den Rahmen.
Technische Tücken
Mies van der Rohe beherrschte Form und Proportionen, Gebrauchstauglichkeit und Baudetails hatte er weniger im Blick. Die riesigen Glasscheiben hatten keine Dehnmöglichkeit, Glasbruch war damit programmiert. Die Architekten verbesserten die Stahl-Glas-Fassade mithilfe von Dehnpfosten so, dass diese nun die Wärmedehnung aufnehmen kann. Ihr Umgang mit Kondenswasser illustriert ihren denkmalpflegerischen Ansatz: Mit Isolierglas und damit einhergehenden tieferen Stahlprofilen ließe sich das Problem vermeiden, doch die architektonische Anmutung wäre futsch. Also wählte man wieder eine Einfachverglasung – aus chinesischer Produktion – mit doppelt so dicken Scheiben wie beim Original. Auffangrinnen sammeln nun das Scheibenkondensat auf und führen es ab.
Endlich barrierefrei
Den Bau auch als Zeitdokument erhalten, ihn seine Geschichte erzählen lassen – das bedeutet, Alterungs- und Gebrauchsspuren zu akzeptieren. So wurde etwa die Ausbleichung der minimalistischen Holzgarderoben in der Glashalle nicht völlig getilgt und aufs Polieren der aufgearbeiteten Natursteinplatten verzichtet. Bei der Gebäudetechnik aus den Sechzigern aber endet der Konservierungswille; auch Klimatisierung, Brandschutz und Sicherheit entsprechen nun den aktuellen Standards; eine Rampe im Außenbereich sowie ein extremst unauffällig vollbrachter Einbau eines Personenaufzugs garantieren Barrierefreiheit.
Neu: Garderobe und Shop
Um einen modernen Museumsbetrieb zu erreichen, ging es ganz ohne minimalinvasive Maßnahmen dann aber doch nicht: Im Untergeschoss finden sich nun eine Garderobe sowie ein Buchladen. Die Architekten nutzten dafür zwei Depoträume um und stellen so den bauzeitlichen Rundgang wieder komplett her. Neue Depot- und Technikräume wandern dafür unter die Terrasse. Die Restrukturierung erfolgte im Geiste des Erbauers – Brauneiche und Stahl für Garderoben- und Shop-Möbel sind an das Mies-Design angelehnt. Die offen gelegten Beton-Deckenwaben und -Träger zeigen aber klar den Eingriff der Architekten.
Zeitgeist und Zeitlosigkeit
Mehr denn je fasziniert die lichte und doch introvertierte Aura des Sammlungsrundgangs im Untergeschoss mit der offenen Raumfolge und dem vorgelagerten, wieder originalbepflanzten Skulpturengarten. Zeitgeist und Zeitlosigkeit: Hier ist beides spürbar. Der graue Teppichboden wurde nach einem mutmaßlichen Originalmuster neu gewebt – die Museumsnutzer wollten ihn nicht haben, die Architekten und Denkmalschützer haben sich durchgesetzt. Weißputz ersetzt hingegen die einstige Raufasertapete, auch das warmtonige Kunstlicht aus den schummrigen Sechzigern ist passé.
So erhebt sich pur und ungemein elegant die Neue Nationalgalerie am Kulturforum gegenüber von Philharmonie, Staatsbibliothek und Gemäldegalerie, direkt daneben wird für den Bau des umstrittenen Schwesternhauses, das Museum des 20. Jahrhunderts, im Berliner Dreck gewühlt. Ein unterirdischer Gang soll beide Häuser einmal miteinander verbinden. Vielleicht liegt in diesem noch mit etlichen Fragezeichen versehenen Detail der Keim für eine weitere charmante Architekturanekdote. Was der neue Nachbar mit der Architekturikone anstellt, wird sich zeigen.
Schlüsselübergabe und Wiedereröffnung
Livestream Die Schlüsselübergabe an die Staatlichen Museen zu Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz fand im Livestream statt, u.a. mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, David Chipperfield war per Video dabei. Im Netz verfügbar unter www.smb.museum/livestream-nng. Tage der offenen Tür sind geplant für 28. bis 30. Mai; die Museums-Wiedereröffnung ist für den 22. August mit einer neuen Sammlungspräsentation und einer Ausstellung zu Alexander Calder vorgesehen.
Architekten Mies van der Rohe leitete 1927 die Werkbundausstellung „Die Wohnung“ und den Bau der Weißenhofsiedlung in Stuttgart und war von 1930 bis 1933 Direktor des Bauhauses. Der Deutsch-Amerikaner gilt als einer der bedeutendsten Architekten der Moderne. Der Brite David Chipperfield, dessen Büro auch eine Niederlassung in Berlin hat, entwarf etwa die James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel, das Literaturmuseum der Moderne in Marbach und das Museum Würth 2 in Künzelsau.