Man kennt sie aus der Band Zirkel und als Bassistin des Peter Muffin Trios – nun feiert die Stuttgarterin Cali mit dem Album „Cool.“ ihr Solo-Debüt. Wir sprechen mit der Musikerin über Frauen in Capes, Pragmatismus in der Kunst und Bässe mit kurzen Hälsen.
Wenn Linus Volkmann für einen die Pressemitteilung schreibt, dann hat das schon mal Gewicht. Und in der Tat ist Cali, Cali Krawalli, die mit bürgerlichem Namen Caroline d’Orville heißt, keine Unbekannte in der Stuttgarter Musik-Szene. Wer sie nicht aus der Band Zirkel kennt, dem wird sie zumindest als Bassistin des Peter Muffin Trios bekannt vorkommen: Sie ist die Frau mit wehendem Umhang, fliegendem Pony und spitzer Augenbraue, bereit die Welt im Sturm zu erobern, mit Bass und einer gewissen punkigen Selbstverständlichkeit, die nach Unruhe schmeckt, nach Abenteuer und in die Fresse (aber schön). Davon merkt man auch auf ihrem ersten Solo-Album „COOL.“ (in Versalien und natürlich mit Punkt), das am 23. Mai auf Vinyl und am 18. Oktober digital erscheint, einiges. Adresse: Post-Punk-Straße, Ecke Elektronika-Weg, Hausnummer Funk. Aufgenommen und gemastert by the one and only Ralv Milberg, Die-Nerven-Produzent, Zauberkünstler am Mischpult und viel mehr.
Sie, der Bass und das Schlagzeug
Die erste Single-Auskopplung „Durchgeknallt“, die heute am 23. Februar releast wird, trägt ihres Zeichens durch und durch die Handschrift der Stuttgarter Musikerin: feministisch, konsumkritisch, die Rolle der Frau im Kapitalismus hinterfragend und doch musikalisch und textlich aufs Minimum, aufs Wesentliche reduziert. Vocals, Bass, Schlagzeug – das Ganze laut. Firlefanz? Weg damit. Fertig ist die Kiste. Opulenter Minimalismus in Musikform. „Ja, ich mag es minimalistisch“, gibt Cali schmunzelnd zu, als man sie auf ihren Sound anspricht.
Ganz im Gegenteil wirken das Album- und Single-Cover, schillernd, fast wie aus einer anderen Welt. „Der Umhang ist ein Signature-Teil von mir, er hat sich seit meiner Zeit bei Zirkel dazu entwickelt“, berichtet Cali. „Auf der Bühne ist es für mich eine Art Kraftobjekt, das mir Power gibt.“ Auf beiden Covern trägt sie eine von Adria Weiss designte, abgewandelte Mantel-Version ihres goldenen Superhelden-Umhangs, den sie sonst immer auf der Bühne trägt. Die abgespacte, futuristische Variante glänzt und schimmert in allen Farben des Regenbogens und verleiht ihrer heroisch mit Shortscale Bass posierenden Trägerin den Look einer stolzen Weltraumkriegerin, ein Caspar David Friedrich aus dem Jahr 4.000.
Der Weg bis zum Album war eine kleine Schlacht
„Bis zu meinem Debüt-Album war es ein langer Weg, der für mich als Musikerin mit vielen Widerständen und vielen Neins gepflastert war“, erklärt Cali. „Im Designstudium war ich zu künstlerisch, für die Freie Kunst zu angewandt; ich war zu sehr Pop, um artsy zu sein, aber für den Pop zu edgy.“ Das Gefühl, durch das Release jetzt eine Superheldin zu sein, die aus einer siegreichen Schlacht zurückkehrt, kommt also nicht von irgendwoher. „Auch wenn Scheitern und Fehler zum künstlerischen Prozess und auch zum normalen Leben dazugehören und Teil des Weges sind“, summiert die Wahl-Stuttgarterin, „gefühlt hat es 350 Jahre gedauert.“
Das Video zur ersten Single „Durchgeknallt“ hat sie quasi selbst in der Badewanne gedreht – anders als ursprünglich erdacht, aber manchmal läuft’s halt nicht nach Plan im Leben einer Künstlerin und Filme machen kann sie ja. Früher hat Cali für Viva gefilmt und das Videoformat zu einem der Medien erkoren, mit denen sie heute noch gerne multimedial-künstlerisch arbeitet. „Ich hatte eigentlich die Idee gehabt, dass das Video zu „Durchgeknallt“ draußen stattfindet, im Schnee in den Bergen, aber die Umstände waren nun mal so, dass mir weder die nötige Zeit noch die nötigen Mittel zur Verfügung standen“, sagt sie und ihre Worte lesen sich wehmütiger, als sie sich aus ihrem Mund anhören. Sie zuckt mit den Schultern und lacht: „Ich musste dann eben umdenken und mich fragen: Was habe ich? Und wie kann ich das einsetzen, sodass ich zufrieden mit dem Ergebnis bin und es auch zum Song passt.“ Wer in der Kunst nicht verrückt werden will, muss eben auch einen gewissen positiven Pragmatismus an den Tag legen. „Ich habe zwar oft ein Konzept im Kopf, in dessen Rahmen ich aber frei bin und frei arbeiten kann“, erklärt die Musikerin. „Jetzt ist es halt so – whatever.“ Cape angelegt, Short Scale Bass unter die Achsel geklemmt und ab in den nächsten Kampf.
Warum eigentlich ein Shortscale Bass? „Ich hatte als Kind und Jugendliche zwar schon Bass im Orchester gespielt, dann aber irgendwann zum Komponieren und Spielen zur Gitarre gewechselt. Der Longscale Bass war mir irgendwie immer zu schwer gewesen und ich habe auch nicht die längsten Finger. Das Instrument war einfach anstrengend für mich, auch wenn es mir an sich Spaß gemacht hat“, berichtet die Musikerin. Eine „Offenbarung“, wie sie sagt, hatte sie dann vor einigen Jahren auf dem Stuttgarter Nachtsicht Festival. „Dort habe ich auch Julian und Philipp Knoth kennengelernt“, erinnert sich Cali an ihr erstes Zusammentreffen mit den Brüdern und anderen beiden Peter-Muffin-Trio-Musikern, von denen einer, Philipp Knoth, im Übrigen auch als Schlagzeuger für ihr Solo-Projekt verpflichtet wurde.
„Wenn ich spielen will, dann kenne ich da nichts“
Bei einem schicksalsreichen Jam mit den beiden, zu dem sie sich selbst eingeladen hat, weil „wenn ich spielen will, kenne ich da nichts und bin absolut schmerzbefreit“, hielt sie zum ersten Mal einen Shortscale Bass in den Händen. „Ich wusste gleich: Der gehört zu mir.“ Und der Rest ist Peter-Muffin-Trio-Entstehungsgeschichte und der Anfang der Solo-Karriere einer schillernden Persönlichkeit, die Musik macht und Kunst und Film, die ganz viele verrückte Ideen hat, von denen sie mehr verwirklicht als die meisten es würden, die Frau ist in all diesen männerdominierten Kreativ-Branchen und die ab und zu ein Superheldinnen-Cape trägt, das sie eigentlich gar nicht braucht, das aber verdammt gut aussieht. So what?! Wenn das nicht cool ist, wissen wir auch nicht.
Live erleben kann man das fulminante Live-Zusammenspiel von Bass und Cape und Cali beim Releasekonzert am 23. Mai im Merlin, als auch am 20. Juli beim Ackerbeat Festival in Tübingen. Weitere Konzerte sind in Planung, vielleicht wird es nächstes Jahr sogar ein großes Happening geben, opernartig, mit Visuals, Performance, vielleicht Figurentheater, vielleicht anderen Musikinstrumenten. Zukunftsmusik.
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