Thorsten Schwämmle will mit seinem Kraftpaule Craft-Beer in Böblingen bekannt machen. Foto: factum/Granville

In Böblingen widmet sich ein neues Lokal dem Craft-Beer: Bei Kraftpaule stehen Pale Ale und Konsorten auf der Karte – neben Bratwurst und Cheeseburgern. Auch Bierproben und Flaschenverkauf gehören zum Konzept.

Böblingen - Kraftpaule ist ein Novum. Thorsten Schwämmle hat für sein Unternehmen zwar eine Gaststätte der Schönbuchbrauerei gepachtet. „Aber wir sind unabhängig“, sagt er. In dem Lokal in der Altstadt gibt es rund 40 Biere zu trinken, und nur zwei davon wurden in Böblingen gebraut. Werner Dinkelaker hat sich das Konzept selbst ins Haus geholt: „Lass uns das Craft-Beer nach Böblingen tragen“, forderte der Geschäftsführer der Schönbuchbrauerei den Kraftpaule-Manager auf, der seit fast einem Jahr in Stuttgart ein gleichnamiges Lokal betreibt. Schließlich sind beide missionarisch unterwegs. Werner Dinkelaker nennt es „die Suche nach dem Heiligen Gral des Biers“.

Hop Gun und Beverly Pils heißen die Biere

Hop Gun von Camba Bavaria, Beverly Pils von der Mashsee Brauerei oder Longboard Island Lager von Kona Brewing heißen die Biere bei Kraftpaule. Sie stammen ausschließlich von kleinen Brauereien in den Vereinigten Staaten und Europa, die sich der klassischen Handwerkskunst und neuen Geschmackserlebnissen verschrieben haben. Sie experimentieren mit verschiedenen Hopfen- und Malzsorten, Hefen und Aroma. Fruchtige Pale Ales, hopfige Indian Pale Ales und dunkle Starkbiere sind typisch für die Szene, in der die Brauer vornehmlich Kapuzenpullis tragen. Vor etwa fünf Jahren kam der Trend aus den USA nach Deutschland. Wobei es sich für Thorsten Schwämmle bei Craft- Beer nicht um eine Modeerscheinung handelt. „Für mich ist es eine Rückbesinnung auf das, was Bier sein kann und ist“, sagt der 37-Jährige.

Hinter Kraftpaule steht ein Freundeskreis, der seit zehn Jahren gemeinsam Bierreisen macht. Irgendwann veranstalteten sie Bierproben, und die Resonanz darauf war groß. Aus der Musik- und Start-up-Szene stammen sie, lauter Quereinsteiger in der Gastronomie. Im vergangenen März eröffneten sie ihre Bar im Stuttgarter Osten, im April folgte das 1. Craft-Beer- Festival in der Landeshauptstadt. „Es kann nicht sein, dass es in jeder Kneipe Deutschlands dasselbe Bier gibt, das vor allem nach Wasser schmeckt“, sagt Thorsten Schwämmle. Er ist eigentlich Kameramann und führt jetzt die in der Clique entstandene Firma namens Kraftbierfreunde.

An der Bar gibt es Bierberatung

Im Kraftpaule müssen die Gäste zum Bestellen an die Bar kommen. Dort gibt es erst einmal eine Beratung. „Wir stellen Fragen und finden dann das passende Bier“; erklärt Thorsten Schwämmle. Selbst gemachte Bratwurst, Currywurst oder Cheeseburger gibt es zu essen. Das Kraftpaule in der Poststraße ist größer als die Stuttgarter Location, inklusive Terrasse. „So etwas hat hier gefehlt“, hätten die Gäste ihm gesagt, berichtet Schwämmle. Im Laden können die Kunden für zu Hause einkaufen, die Biere sind im Handel nicht zu haben. Manche Brauereien schicken sie direkt an Thorsten Schwämmle, bei anderen fährt er vorbei, um die Lieferung abzuholen. Mit einem Pale Ale ist die Schönbuchbrauerei vor rund fünf Jahren selbst in die Craft-Beer-Szene vorgedrungen. Werner Dinkelaker lässt außerdem mit der Kraftbierwerkstatt einen Gypsy-Brewer an seine Braukessel. So werden die kleinen Brauer genannt, die sich keine eigene Betriebsstätte leisten können. „Wenn es ums Bier geht, machen wir Tor und Tür auf“, sagt der Brauereichef. Freundschaftliche Beziehungen spielen dabei auch eine Rolle, aber das Geschäft kommt nicht zu kurz: Werner Dinkelaker findet die Entwicklung genial, weil auch die Schönbuch-Braumanufaktur wächst – und zwar ebenfalls mit hochpreisigen Spezialitäten. Dass einst ausgestorbene Spezialitäten wie zum Beispiel der helle Doppelbock wieder zu haben seien, würden die Kunden schätzen. „Durch Craft-Beer ist Bier wieder sexy geworden“, erklärt Werner Dinkelaker, „das ist eine sehr hippe Bewegung.“

Craft-Beer ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch

Craft-Beer Der Boom schwappte wie so oft aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland über. Während in den USA seit einigen Jahrzehnten im großen Stil in kleinen Brauereien gebraut wird und der Markt mittlerweile mehr als zehn ­ ­Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, fing der Hype in Deutschland erst vor rund zehn Jahren an. Da hier kleine Brauereien traditionell vorhanden waren, eigentlich auch handwerkliches (englisch: Craft) Bier produziert wurde, entwickelte sich alles langsamer. Inzwischen gibt es viele neue, sogenannte Mikrobrauereien. Ihr Anteil ist aber noch gering.

Beispiele Die ersten Beispiele lieferten Lokale wie das Calwer Eck Bräu oder Sophies Brauhaus mit eigenem Bier, allerdings brauen diese Institutionen schon viel ­länger. Neu dazugekommen ist die Cast Brauerei, die als Kleinbrauerei ständig ausverkauft war. Mit Läden wie dem Kraftpaule und dessen Craft-Beer-Festival (21. und 22. April im Wizemann-Areal in Stuttgart) oder dem Riedmüller Craft Beer Shop im Fluxus hat die Sache Fahrt aufgenommen.

Werners Bierblog Die Schönbuch Brauerei war eine der ersten, die auf den Trend aufgesprungen ist. Das Pale Ale ist in den meisten gut sortierten Getränkehandlungen der Region zu kriegen. Eigentümer Werner Dinkelaker zeigt seine Liebe zum Bier, in Werners Bierblog geht es um weit mehr als nur um Werbung fürs eigene Bier.

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