John Cranko spricht am Stuttgarter Flughafen mit einem Journalisten, als er und das Stuttgarter Ballett 1972 von einer Gastspielreise nach St. Petersburg, Riga und Moskau zurückkehren. Foto: dpa/dpa

Von der Kindheit in Südafrika bis zu unrealisierten Projekten im Nachlass: Ashley Killar hat für seine Biografie über den Stuttgarter Ballettgründer John Cranko viel recherchiert.

John Cranko? Ist da nicht alles gesagt, geschrieben und bald auch noch in einem Kinofilm erzählt? Das Stuttgarter Ballettpublikum kennt nicht nur den Choreografen und sein Werk bestens, auch der Mensch dahinter bleibt durch Gesprächsrunden mit Zeitzeugen und Wegbegleiterinnen präsent, obwohl er am 26. Juni seit genau einem halben Jahrhundert tot sein wird.

 

Da gab’s kaum Anlass, eine Biografie zu vermissen, wie sie Ashley Killar vorgelegt hat. „Cranko. The Man and His choreography“ heißt das mehr als 500 Seiten starke Buch, das Ende vergangenen Jahres im englischen Matador-Verlag erschienen ist. Der Autor hat seine Tänzerkarriere nach der Ausbildung an der Royal Ballet School bei John Cranko in Stuttgart begonnen, kennt den Choreografen und Ballettdirektor also persönlich. Nach 1967 hat Ashley Killar, wie er schreibt, die Begeisterung über Crankos Ethos und Arbeit mitgenommen an weitere Stationen, zuletzt war er Direktor des Royal Ballet von Neuseeland.

Die Eltern teilten die Passion fürs Ballett

Das gleich vorweg: Selbst Cranko-Fans, die mit ihrem Wissen für jede Ein-Millionen-Euro-Quizfrage gewappnet wären, werden Killars Buch mit Gewinn lesen, insofern ihr Englisch ausreicht. Denn der gut dokumentierten Stuttgarter Ballettwunderzeit stellt der Autor in einem ebenso umfangreichen Teil Crankos Kindheit und Ausbildung zum Tänzer in Südafrika sowie sein Frühwerk als aufstrebender Choreograf in London zur Seite. Zitate aus Briefen und Kritiken vermitteln einen Blick in das Netzwerk, das sich der begabte „Johnnie“, wie Benjamin Britten den Choreografen nannte, aufbaute.

Ashley Killar holt weit aus, um diesen Weg zu beschreiben. Die Herkunft der Eltern, die behütete Kindheit in Rustenburg, einer durch Bodenschätze boomenden Stadt in Südafrika, in der Crankos Vater als Anwalt arbeitete, die frühe Begeisterung fürs Puppenspiel und das Theater, die von den Eltern geteilte Passion fürs Ballett: Killar skizziert anschaulich, wie Cranko und die Kunst früh zusammenfanden, unterstützt von Vater Herbert, begleitet von Jugendfreund Hanns Ebensten, seinem ersten Ausstatter.

Entsetzen über Apartheid

Auch Crankos bewegende Menschlichkeit, die bis zu seinen letzten Balletten - „Song of my People“ für die Batsheva Dance Company, „Initialen“ und „Spuren“ - aus seinem Werk spricht, hat für Ashley Killar hier ihre Wurzeln: im Entsetzen über die Ungerechtigkeit des Apartheid-Regimes. Nach Crankos Umzug im März 1946 nach London konzentriert sich Killar auf dessen Werke, sie geben dem Buch Struktur. Die Einsamkeit des Künstlers, sein Scheitern bei der Suche nach Liebe tauchen allenfalls in Briefen oder Zitaten von Zeitgenossen auf. Statt zu psychologisieren behält der Autor Crankos Ballette im Fokus.

Verletzt durch Brittens Kritik

Ersten Erfolgen wie „Pinapple Poll“, „The Lady and the Fool“ und die Revue „Cranks“ stehen Flops des Choreografen gegenüber, den Ninette de Valois neben Frederick Ashton und Kenneth MacMillan an ihr Sadler‘s Wells Ballet band. Vor allem die Enttäuschung über die zweite Zusammenarbeit mit Benjamin Britten nach dem bereits mit Mühen realisierten „Pagodenprinz“ machte es Cranko wohl leicht, 1961 nach Stuttgart zu ziehen. Brittens Brief an „Johnnie“ nach dessen Inszenierung der neuen Oper „A Midsummer Night’s Dream“ ist eine Art Mängelliste, die den Choreografen, wie seine Antwort zeigt, sehr verletzt hat.

„Es gibt wirklich nur sehr wenige Menschen, die man lieben und auf die man bauen kann“, so Cranko an Britten. „Und jetzt habe ich etwas verloren, das wertvoller ist, als ich es beschreiben kann. Wir sind so sehr in uns selbst gefangen, aber oft scheint es, dass die letzten Menschen, mit denen man kommunizieren kann, diejenigen sind, denen man am nächsten sein möchte.“

Crankos Brief gehört zur beeindruckenden Fülle an Dokumenten, die Ashley Killar versammelt. Ein umfangreiches Werkverzeichnis, eine Auswahl an Briefen wie die an den Künstler John Piper, mit dem Cranko in London zusammenarbeitete, oder sein letzter vom 8. Mai 1973 an den Komponisten Hans Werner Henze mit der Ausarbeitung eines „Tristan“-Projekts, Anmerkungen und Inhaltsangaben Crankos für Programmhefte machen Killars Biografie zum Nachschlag werk, dem man eine sorgfältige Übersetzung ins Deutsche wünscht.

Balancieren am Abgrund

In einem der letzten Kapitel beschreibt Ashley Killar den Abgrund, an dem Cranko zu Beginn der 1970er Jahre entlangbalancierte, bedroht von Alkohol und Depressionen. Die Selbstmorde seiner musikalischen Wegbegleiter Bernd Alois Zimmermann und Kurt-Heinz Stolze haben Spuren hinterlassen: Da ist die Auseinandersetzung mit dem Tod in Stücken wie „Orpheus“ und „Carmen“, die Zerrissenheit zwischen Erfolg und Kunstanspruch, Crankos frühes Testament.

Cranko hinterließ unrealisierte Projekte

Der plötzliche Tod des Choreografen, erstickt an Erbrochenem unter Einfluss von Schlafmittel beim Rückflug von einer USA-Tournee, trat tragischerweise ein, als Cranko „seinen alten Optimismus zurückgewonnen hatte“, wie Killar schreibt. Zum Teil weit entwickelte Ballett-Konzepte blieben unrealisiert: ein „Othello“ in der geplanten Ausstattung von John Piper, „Le diable au corps“ mit Jürgen Rose und eine als Trilogie intendierte Umsetzung des Mythos von Tristan und Isolde mit Henze.

Info

Recherche
Ashley Killar reiste für sein Buch zwischen 2016 und 2020 viermal von Sydney, wo der Autor lebt, nach Europa. In London recherchierte er u.a. im V&A Theatre Archive, im Royal Opera House und im Sadler’s Wells. Dreimal war er in Stuttgart und verbrachte zudem eine Woche in Tel Aviv, um sich über „Song of my People“, Crankos Ballett für die Batsheva Dance Company, zu informieren.

Termine
Am 26. Juni erinnert das Stuttgarter Ballett mit einer Gesprächsrunde an seinen Gründer und dessen 50. Todestag. Auf dem Podium im Opernhaus sind: Marcia Haydée, Birgit Keil, Georgette Tsinguirides, Egon Madsen, Reid Anderson, Vladimir Klos, Jürgen Rose und Tamas Detrich. Beginn ist 19 Uhr, es gibt noch Karten. Ausverkauft ist die Gala am 30. Juni, bei der sich die Kompanie vor ihrem Gründer verbeugt – unter anderem mit einem rekonstruierten Auszug aus seinem letzten Ballett „Spuren“.

Buch
Ashley Killar: Cranko. The Man and His Biography. Matador-Verlag. 513 Seiten. 39,99 Pfund (ca. 46 Euro)