Von wegen Krise: Es gibt neue Ausstellungen, die sich lohnen. Was braucht eine gute Schau, damit das Publikum in Scharen kommt?
Es darf gebastelt werden. Schließlich sollen sich Ausstellungsbesucher wohlfühlen. Deshalb können sich Museumsleute im Netz einen Bastelbogen herunterladen. Wenn sie die Vorlage für eine Drehscheibe ausschneiden und korrekt zusammenfügen, haben sie künftig immer die wichtigsten Fragen im Blick: „Wie sprechen wir?“ oder „Wen sprechen wir mit unserem Angebot nicht an?“.
Ob das die Wissenschaftler tatsächlich motiviert, künftig etwas offener auf das Publikum zuzugehen? Die Hoffnung ist zumindest groß beim Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg. Die neue Anlaufstelle soll den Kulturinstitutionen im Land helfen, zugänglicher zu werden. Deshalb bietet man für sie Fortbildungen an mit etwas sperrigen Titeln wie „Teilhabe durch Teilgabe“ oder „Kurswechsel Kultur – Netzwerk. Richtung. Inklusion.“
Dinosaurier in Stuttgart
Im Stadtpalais, dem Stuttgarter Stadtmuseum, kann man derzeit aufs Angenehmste erfahren, dass die Dinge vielleicht gar nicht so kompliziert sein müssen, wenn man nur etwas Mut mitbringt. Bei der Planung zu „Urknall Stutengarten“ hat das Museumsteam erst einmal überlegt, wie eine Ausstellung ausschauen kann, die nicht als anstrengend erlebt wird. Wie viel Informationen kann man überhaupt aufnehmen beim Rundgang? Das hat zu einer radikalen Konzentration geführt: Es werden nur 25 Exponate ausgestellt – vor allem archäologische Funde.
Diese Knochen, Scherben und Fossilien werden auf wundersame Weise lebendig, da es keine Texte in der Ausstellung gibt, sondern nur einen Audioguide. Der ist ungewöhnlich unterhaltsam inszeniert worden und erinnert eher an ein Hörspiel als an eine museale Unterweisung. Cliffhanger machen Lust, auch noch zum nächsten Objekt zu gehen. Und nach einer anregenden Stunde ist man nicht etwa erschöpft, sondern hat eine Vorstellung davon, wie Stuttgart vor 200 Millionen Jahren aussah und wie sich die Region entwickelte, angefangen bei den Dinosauriern bis zu den Römern, die in ihren Villen in Bad Cannstatt sogar schon Fußbodenheizung hatten.
Das Thema Alkohol geht alle an
Es bewegt sich derzeit viel im Ausstellungsbetrieb, und nach der Coronakrise starten in diesen Wochen einige Museen neu durch mit höchst interessanten Angeboten, die beim Publikum durchaus einen Nerv treffen. Zumindest wurden schon an die 100 Führungen gebucht für die neue Sonderschau „Berauschend“ im Alten Schloss in Stuttgart. Das Landesmuseum Württemberg lässt hier nicht nur „15 000 Jahre Bier und Wein“ Revue passieren, sondern beleuchtet auch die Frage, wie wir heute mit Alkohol umgehen. Der Bogen reicht von Craft-Bieren bis zu Bier trinkenden Bauarbeitern im Lego-Kasten. An einer der Erlebnisstationen kann man sogar in ein buntes Farbenspiel eintauchen, das die Sinne vernebelt wie im Rausch.
Um ein breiteres Publikum zu interessieren, genügt es nicht, nur Objekte in Vitrinen zu legen und diese in langen Texten zu erklären. Kulturhistorische Museen bieten deshalb oft auch Musik an und Objekte, die berührt werden dürfen. In der Ausstellung zum Alkohol gibt es sogar Riechstationen. Die Kunst hat es da schwerer. Denn bis heute ist es üblich, Werke für sich sprechen zu lassen – und ausschließlich durch kunstwissenschaftliche Begleittexte zu erläutern. Eine sinnliche Inszenierung, die dem Publikum den Zugang zu den Werken erleichtern würde, ist in den meisten Museen nach wie vor verpönt.
Maler erziehen zu Voyeurismus
In Köln ist es nun trotzdem gelungen, anhand von Gemälden mehr zu erzählen als nur Kunstgeschichte. Die gerade eröffnete Ausstellung „Susanna“ widmet sich der biblischen Geschichte einer treuen Ehefrau, die von zwei alten, geilen Richtern bedrängt wird und sich wehrt, worauf die Männer sie wegen Ehebruch anzeigen. Die Ausstellung reicht bis zur aktuellen Metoo-Debatte und erzählt auf fesselnde Weise, wie Künstler die Moral der Geschichte als Vorwand genommen haben, um das Thema voyeuristisch auszuschlachten.
Im Wallraf-Richartz-Museum werden hochkarätige Meisterwerke gezeigt, aber die eigentliche Ausstellung findet im eigenen Kopf statt, denn dieses Motiv, das seit 2000 Jahren durch die Welt geistert, hat die heutige Vorstellung von Sexualität mitgeprägt und die Lust am Übergriff letztlich salonfähig gemacht.
Marc Chagall zieht immer
Für Kunstausstellungen mit solch originellem Ansatz muss man meist in den Zug steigen, weil sich nur wenige Häuser trauen, Kunst auch in einen gesellschaftlichen Kontext einzubetten. Dass sich das Publikum für Sonderausstellungen aber durchaus auf den Weg macht, das weiß auch die Frankfurter Schirn Kunsthalle, die in der nächsten Woche „Marc Chagall“ eröffnet. Er gehört zu den populären Namen, die verlässlich auf Resonanz stoßen.
Abgründige XXL-Frauen
Um die Coronakrise zu überwinden, müssen Museen also ungewöhnliche Projekte oder bekannte Namen präsentieren, während Dauerausstellungen die Stiefkinder der Häuser sind. Übrigens springt das breite Publikum keineswegs nur bei gefälliger Kunst an, was derzeit das Kunsthaus Zürich beweist mit seiner Retrospektive zu Niki de Saint Phalle. Die bunten, üppigen Frauenfiguren sind auch heute, 20 Jahre nach ihrem Tod, ein beliebtes Motiv auf Schals, Taschen, Schlüsselanhängern und Postern. Das Gesamtwerk der Künstlerin ist aber deutlich abgründiger und sehr düster, weil de Saint Phalle darin die sexuellen Übergriffe ihres Vaters verarbeitete.
Voyeuristischen Kitzel wie beim Susanna-Motiv darf man allerdings nicht erwarten. Im Gegenteil ließ Niki de Saint Phalle ihren Rache- und Mordgedanken freien Lauf. Leichte Kost ist das gewiss nicht – was das Publikum aber nicht vom Besuch abzuhalten scheint. Schon jetzt konnte das Kunsthaus Zürich 40 000 Besucherinnen und Besucher verzeichnen und rechnet sogar damit, dass man bis Januar auf stattliche 80 000 kommen wird.
Wo und wann die Ausstellungen zu sehen sind
Berauschend
Die Ausstellung „Berauschend“ läuft bis 30. April 2023 im Alten Schloss Stuttgart, geöffnet Di bis So 10 bis 17 Uhr, Do 10 bis 19 Uhr.
Urknall Stutengarten
Der Stadtpalais Stuttgart zeigt bis 5. Februar den „Urknall Stutengarten“, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Fr 10 bis 22 Uhr.
Niki de Saint Phalle
Die Retrospektive zu Niki de Saint Phalle im Kunsthaus Zürich läuft bis zum 9. Januar 2023, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr und Mi, Do 10 bis 20.
Susanna – Bilder einer Frau vom Mittelalter bis MeToo
Die Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln läuft bis zum 26. Februar, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, am ersten und dritten Donnerstag im Monat von 10 bis 22 Uhr.
Chagall. Welt in Aufruhr
Die Schirn Kunsthalle Frankfurt zeigt Marc Chagall von 4. November bis 19. Februar, geöffnet Di bis So 10 bis 19 Uhr, Mi, Do 10 bis 22 Uhr.