Ein Automobilzulieferer aus Stockach hat eine App entwickelt, die den Usern die Rechte an ihren eigenen Daten garantiert. Ein Gegenentwurf zu TikTok & Co.
Mit der Entwicklung der sozialen Plattform „Cawaena“ will die Eto Gruppe Technologies GmbH in Stockach neue Geschäftsfelder erschließen. Noch lebt der Automobilzulieferer mit seinen weltweit 2400 Beschäftigten zu 35 Prozent vom Verbrennermotor. 2035 sollen es noch zehn Prozent sein. Doch neue Geschäftsfelder wie digitale Produkte und Services stehen schon jetzt im Fokus.
Der Name für die neue App „Cawaena“ kommt aus dem Haiwaianischen und bedeutet „mittendrin“. Genau dort, auf Hawaii, fragte sich Benjamin Boenisch, mittlerweile Segmentleiter Digitale Produkte & Services bei Eto beim Ausbruch des Vulkans Kilauea: Was wäre, könnte er seine Fotos von dem Lava spuckenden Kilauea als Privatperson mit anderen teilen. Und vielleicht sogar noch damit Geld verdienen?
Seit 2021 haben Eto-Mitarbeitende an der neuen App getüftelt. Sie kann, sagt Benjamin Bönisch, mehr als ihre großen Schwestern Instagram und Tiktok, auch wenn sich Cawaena nicht mit ihnen messen wolle: Die komplette Entwicklung basiert auf der Europäischen Datenschutzgrundverordnung. Fotografen und Kameraleute können über die auf das Handy heruntergeladene App Fotos und Videos aufnehmen und wunschweise mit GPS-Daten versehen. Die Gesichter der Fotografen und Kameraleute werden zeitgleich über die App identifiziert, das heißt, den Urhebern eindeutig zugeordnet. Diese bleiben im Besitz aller Rechte, entscheiden, wer die geposteten Bilder und Videos, die nicht bearbeitet werden dürfen, sehen darf. Und was wann und wo damit gemacht wird. Es gibt eine Chatfunktion, einen öffentlichen und einen geschützten Raum sowie eine Landkarte, auf der man optional sehen kann, woher die Beiträge kommen.
Künstliche Intelligenz ist verboten – wie man auch Bots, also Computerprogramme, die weitgehend automatisiert wiederkehrende Aufgaben ohne menschliches Zutun abarbeiten, vergeblich sucht. „Zu all dem wollen wir eine Gegenbewegung einleiten“, sagt Benjamin Boenisch selbstbewusst und betont. „Wir haben Durchhaltevermögen.“ Fest eingeplant ist, dass 20 Entwickler ein Jahr lang an der werbefreien App weiterentwickeln: Alle paar Wochen sollen Features nachgeschoben werden.
Ein Foto oder ein Video, das einem besonders gut gefällt, kann man liken oder mit bis zu 50 Cent belohnen. Maximal fünf Euro pro Tag kann man dafür von einem einzelnen Nutzer bekommen – ohne Mindestfollowerzahl oder andere Hürden. Bezahlt wird über die Cryptowährung Shimmer.
„Die Erweiterung des Portfolios um digitale Produkte und Services ist eine spannende Reise für unser Unternehmen und vor allem das Management-Team, die uns immer wieder mit neuen Aufgabenstellungen konfrontiert und alles abverlangt“, sagt Geschäftsführer Michael Schwabe.
Der international renommierte Cyber-Crime-Spezialist Cem Karakaya begrüßt es, dass Eto Gruppe bei ihrer ersten App auf die Europäische Datenschutzgrundverordnung baut. „Ich bin der Meinung, dass man insbesondere im Bereich IT und IT-Produkte seine eigenen nationalen Produkte haben sollte. Wir haben schon erlebt, was passiert und welche Probleme das Land und seine Bürgerinnen und Bürger haben, wenn man abhängig ist und keine eigenen nationalen Produkte hat. Bei allem Wohlwollen für die neue App aus Stockach fügt der Cyber-Profi an: „Ob sie sich durchsetzen kann, kann nur die Zeit zeigen.“