Nach Abrissen hörte der ehemalige Bezirksvorsteher Reinhard Möhrle auch mal Klagen. In diesem Fall lief es anders. Foto: Lichtgut/Julian Rettig/Achim Zweygarth, Montage: Jana Gäng

2016 wird mit dem Olgahospital eine mehr als 100 Jahre währende Institution im Stuttgarter Westen abgerissen. An ihre Stelle will ein Konzern ein riesiges Einkaufszentrum bauen. Anwohner sind frustriert. Doch es kommt anders.

Von der Haupteinfahrt schaut Reinhard Möhrle zu, wie die Baggerschere den ersten Brocken aus dem Kinderkrankenhaus reißt. Es gibt Gebäude, die eine Nachbarschaft prägen, zu denen jeder eine Geschichte parat hat. Werden sie abgerissen, entfremdet dies Anwohner oft von ihrem Viertel, macht sie wütend oder traurig. Mit dem Olgahospital fällt im Jahr 2016 eine solche Institution. Seit 1842 stand es im Stuttgarter Westen – inklusive einiger Umzüge und dem Neuaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

„Fast jeder Westler war als Kind mal im Olgäle, ich übrigens auch“, sagt Möhrle. Beim Abriss 2016 ist er noch Bezirksvorsteher. „Man war ein wenig wehmütig, natürlich.“ Bitterkeit über das Ende der Kinderklinik zwischen Senefelderstraße, Schloßstraße und Breitscheidstraße gebe es in der Nachbarschaft aber keine. „Der Abriss hat dem Quartier gutgetan“, sagt Möhrle heute. „Er hat die Menschen zusammengebracht.“ Was lief hier anders?

Kaufland will ein riesiges Einkaufszentrum bauen

Im Jahr 2007 sieht alles danach aus, dass es mal wieder im Frust endet. Zuvor hat sich die Stadt nach Machbarkeitsstudie und Standortdiskussion im Sanierungsfall Olgahospital festgelegt: Das Gelände im Westen wird abgeräumt, die Klinik hinter dem Katharinenhospital, größer und besser angebunden, neu gebaut.

Es dauert nicht lange, bis sich ein Investor für die bald freie und 1,6 Hektar große Fläche in bester West-Lage interessiert. Ein „Megaeinkaufszentrum“ nennt Reinhard Möhrle damals das, was Lebensmitteleinzelhändler Kaufland im Wohngebiet plant. 9000 Quadratmeter soll der Supermarkt groß werden, soll Kunden überall aus der Stadt in den Westen ziehen. Von „täglich 3000 Fahrten zusätzlich“ ist die Rede, sagt Möhrle damals. Nicht nur beim Bezirksbeirat blitzen die Pläne ab.

2016 wird das Olgäle abgerissen – damit fällt eine Institution des Stuttgarter Westens. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

„Ein Kaufland war das Letzte, was wir als Bürger im Westen haben wollten“, sagt auch Rüdiger Arendt heute. Seit den 80er-Jahren wohnt er im Bezirk. Auch andere Anwohner sind alarmiert. Als das Kaufland-Interesse bekannt wird, gehen Anrufe bei Bezirksvorsteher Möhrle ein. „Nach Abrissen melden sich fast immer Leute, weil sie finden, das hätte man nicht tun dürfen oder weil ihnen das Neue nicht gefällt“, sagt Möhrle. „Aber dann ist es zu spät.“

Im Fall des Olgäle-Geländes schließen sich Bürger schon im Herbst 2007 zur Initiative „Olgäle 2012“ zusammen. Arendt wird einer ihrer Sprecher. Entschieden ist damals noch nichts. Bei „Olgäle 2012“ wollen sie nicht, dass die Stadt wie so oft Baufirmen freie Hand lässt. Sie wollen mitreden darüber, wie das Areal zu einem Wohnquartier werden kann, das zum Stuttgarter Westen passt. „Das Olgäle war für die Menschen da und hat dank seiner Lage nach allen Seiten ausgestrahlt. Diese Strahlkraft wollten wir erhalten“, sagt Arendt. Eine Idee: Anstelle von Unternehmen wollen sich Bürger zu Baugemeinschaften zusammentun, um als kollektiver Bauherr Teile der angedachten 200 Wohnungen umzusetzen.

Oft wird an Großinvestoren verkauft

„Wenn nach einem Abriss eine Fläche in Stuttgart frei wird und ein Investor eine große Baumaßnahme plant, ist es leider oft die gängige Geschichte, dass die Stadt an diesen Investor verkauft“, sagt Möhrle. Ein Verkauf an einen einzelner Großinvestor bedeute immerhin weniger Aufwand und, zumindest vermeintlich, weniger Risiko.

Doch im Fall des Olgäle-Areals wagen Bezirksbeirat, Bürger-Initiative und von ihnen angesteckt auch die Stadtverwaltung immer wieder Neues. Nicht der Kaufland-Konzern erhält den Zuschlag – und auch kein anderer einzelner Investor. Stattdessen teilt die Stadt das Areal in vier Baufelder, die sie einzeln vergibt. „Für die Verwaltung war das sicherlich ein enormer Aufwand“, sagt Möhrle. So entstehen auf dem einstigen Gelände der Kinderklinik Gewerbeflächen, vor allem aber Wohnungen, eine Kindertagesstätte, ein Familien- und Nachbarschaftszentrum und ein Spielplatz.

Höhe des Angebots entscheidet nicht allein über Grundstücke

Auch sieben private Baugemeinschaften dürfen in einem Baufeld rund 90 Wohnungen bauen. In Stuttgart ist das ein Novum, anders als in Tübingen oder Freiburg, wo sich Bürger seit Jahrzehnten zu Baugemeinschaften zusammentun, um günstiger bauen zu können. Der Einsatz der Initiative trägt 2012 sogar zu einem Grundsatzbeschluss des Gemeinderats bei. Der steckt seither den Rahmen für all diejenigen, die in Stuttgart als private Gruppe gemeinsam bauen wollen – und das werden immer mehr.

Damit nicht nur Gutverdiener auf dem Olgäle-Areal einziehen, kämpft „Olgäle 2012“ zudem erfolgreich für einen Fixpreis. Das Baugrundstück bekommt nicht wie sonst üblich, wer am meisten zahlen kann, sondern wer das beste Konzept für das neue Quartier präsentiert. Auch bei großen Bauträgern SWSG oder Siedlungswerk, die mit am Olgäle-Gelände bauen, gewichtet die Stadt neben der Höhe des Gebots auch deren Konzept.

Rüdiger Arendt ist Gründungsmitglied von „Olgäle 2012“. Aus der Initiative ist inzwischen ein Verein geworden. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Es ist das erste Mal, dass Stuttgart bei einem Neubau ein solches Konzeptverfahren ausprobiert. Ergebnis davon ist auch der Gemeinschaftsraum, in dem Rüdiger Arendt nun sitzt. 2019 ist er in eine der Wohnungen im Haus seiner Baugemeinschaft „Olga07“ gezogen. Neben ihm stapeln sich Bücher und Spielzeug im Regal, auch eine Teeküche gibt es hier. Erst am Vormittag habe eine Nachbarin geklopft, ob sie auch als Nicht-Bewohnerin das Gästeapartment nutzen dürfe, erzählt Arendt. Viele der Häuser haben Gemeinschaftseinrichtungen. Der Spielplatz an der Hasenbergstraße ist rare Freifläche im dichten Westen. Nicht nur Kinder vom Olgäle-Areal toben dort. Um herauszufinden, was sich die Bürger für das Quartier wünschen, organisiert „Olgäle 2012“ bereits 2008 eine Zukunftswerkstatt mit – ebenfalls ein Pilotprojekt in Baden-Württemberg.

„Uns war klar, dass wir von Anfang an alle mitnehmen müssen – nicht nur die politischen Gremien und auch nicht nur diejenigen, die hier einziehen wollen“, sagt Arendt. Rund 100 öffentliche Veranstaltungen habe die Initiative gemeinsam mit dem Bezirksbeirat in zwölf Jahren auf die Beine gestellt. Gehört haben sie nicht nur Wünsche, sagt Arendt: „Anwohner aus der Umgebung hatten Sorge vor zu viel Verkehr, wenn die geplante Tiefgarage nur von der Senefelder Straße aus befahren wird. Daher hat jedes Baufeld nun eine eigene Tiefgarage mit Einfahrten von drei Straßen.“

2016 wurde das Olga-Hospital abgerissen. Seitdem hat sich das Olga-Areal zum grünen Wohnquartier mit Spielplatz gewandelt. Foto: LHS Stuttgart, Montage: Jana Gäng

Reibungslos lief das Zusammenspiel zwischen Bürgern und Stadtverwaltung nicht, sagt Arendt. „Man braucht eine Eselsgeduld.“ Ideen seien auch auf Schreibtischen einzelner Amtsträger steckengeblieben, die Initiative auf Unverständnis und Misstrauen gestoßen, erzählt Arendt: „In Teilen der Verwaltung herrscht eine Absicherungsmentalität. Alles soll den geregelten Gang gehen.“

Dass Bürger mitsprechen und Stuttgart mitgestalten wollen, habe das Stadtplanungsamt wertgeschätzt, sagt Arendt. „Für andere Ämter war das etwas Neues, scheinbar Riskantes. Da brauchte es auch mal das Machtwort des Oberbürgermeisters Kuhn, bis sie in die Gänge kamen.“ Dabei sei es ein Schlüssel gegen Abriss-Frust, Anwohner beim Neubau einzubeziehen, sagt der Architekturpsychologe Harald Deinsberger-Deinsweger: „Wenn man will, dass sich Personen mit Neuem abfinden, sollte man Möglichkeiten anbieten, mitgestalten zu können.“

Daneben ist es laut Deinsberger-Deinsweger die Ästhetik von Alt und Neu, die nach Abrissen diskutiert wird – und damit für Unmut sorgen kann. Etwa fünfmal so groß wie die im Westen vertretenen Supermärkte plante Kaufland sein Einkaufszentrum. Die jetzige kleinteiligere Block-Bebauung fügt sich dagegen in den Stadtbezirk ein. Dafür sorgte nicht nur ein Wettbewerb, den der Düsseldorfer Architekt Thomas Schüler gewann. Ein städtebaulicher Beirat habe die Entwürfe aller Bauherren kommentiert, sagt Arendt: „Die SWSG musste bei ihrer Fassade nachbessern.“

Pfade und kleine Plätze brechen das neue Wohnquartier im Olga-Areal auf. Das Wohnhaus der Baugemeinschaft MaxAcht (links) gewann einen Architekturpreis. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Wenn Reinhard Möhrle von seinem Zuhause im Westen in Richtung Innenstadt läuft, geht er manchmal durch das Olga-Areal. Eine Frau mit Kinderwagen grüßt den einstigen Bezirksvorsteher. Wolken hängen am Himmel und es nieselt, trotzdem kreischen Kinder vom Spielplatz. Fahrräder liegen auf den grünen Inseln zwischen den Häusern. Die Durchbrüche und Pfade zwischen den Häusern seien typisch Westen, sagt Möhrle.

Er zeigt auf die Fassaden: Ob Klinker, Holz oder Putz, sind die meisten in den Beige- und Brauntönen des alten Westens gehalten. Auch die Sockel einiger Gebäude im neuen Quartier erinnern an Gründerzeitbauten „Natürlich ist die Optik bei einem Neubau mitten im Bezirk den Menschen wichtig“, sagt Möhrle. Die jetzigen Fassaden seien individuell und passen doch alle in die Nachbarschaft, sagt Möhrle. „Und wahrscheinlich hat es gegen Abriss-Frust auch geholfen, dass das alte Olgäle als typischer Nachkriegsbau nicht gerade eine Schönheit war.“

Ist Stuttgart eine Abrissstadt?

Serie
In der Serie „Ist Stuttgart eine Abrissstadt?“ zeigen wir, wie viel in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen worden ist, wie Abrisse das Stadtbild verändert haben und was das für die Menschen in Stuttgart bedeutet.