Ostern findet manchmal mitten im Leben statt. Daniel Renz durchlitt als Pfarrer von Murr (Kreis Ludwigsburg) ein Burn-out. Jetzt hat er seinen Weg gefunden: als Klinikseelsorger.
Das Menschengewimmel im Foyer lässt Daniel Renz hinter sich. Behutsam schließt er die Tür des kleinen Büros im Heilbronner Krankenhaus Am Gesundbrunnen. Hier hat der ehemalige Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Murr inzwischen beruflich Fuß gefasst. „Ich brauchte Zeit, um wieder zu mir selbst zu finden.“ Die Diagnose vor etwa zwei Jahren lautete Burn-out. Damit gehe man nicht gleich an die Öffentlichkeit, erklärt Renz. Hinzu komme: Von einem Gottesmann erwarte man stets Stabilität – aber genau einem solchen Rollenbild will der 41-Jährige heute nicht mehr entsprechen.
Kleine Erfolgserlebnisse in der Gemeinde trugen nicht mehr
Die Leitung der Murrer Kirchengemeinde ging Daniel Renz in dem 6700-Einwohner-Ort im Jahr 2015 schwungvoll und innovativ an. Er holte den Faschingsverein in den Gottesdienst und verlagerte das Gemeindefest vom Innern des Gemeindehauses auf den Kirchplatz. „Ich bin ein experimenteller Typ und freue mich noch heute über diese Veränderungen.“ Am Ende trugen diese kleinen Erfolgserlebnisse jedoch nicht mehr.
Zwar schied Daniel Renz im Frieden mit der Kirchengemeinde aus, doch es galt, die inneren Konflikte zu klären. Er wusste, er musste etwas verändern: „Im engeren Sinne hatte ich ein Bore-out, also ein Ausgebranntsein aufgrund von gefühlter Langeweile.“ Seine Umtriebigkeit, sein Bestreben, eine attraktive Gemeinde zu gestalten, war für ihn zur Falle geworden. „Ich fühlte mich, als ob ich bei angezogener Handbremse immer mehr Gas geben müsste.“ Heute kennt sich der Seelsorger besser: „Ich bin ein Kopftyp, ich habe viele mit meinen schnellen Gedanken überfordert.“ Er sei stets „vorangeprescht“, habe sich permanent in die Arbeit gestürzt und sei dadurch nur noch zum Repräsentanten eines Systems geworden, das er meinte, am Laufen halten zu müssen.
Von Floskeln in Predigten verabschiedete sich der Pfarrer
Bewusst geworden sei es ihm während der Coronazeit, erzählt der Theologe. Es gab weniger zu tun, er sei nachdenklich geworden: „Ich hatte das Gefühl, ich verkaufe den Leuten eine Mogelpackung.“ Renz spürte sich selbst nicht mehr in den Predigten, die immer kürzer wurden und nicht länger als sieben Minuten dauerten, „weil ich mich von Floskeln verabschiedet hatte“. Einzig die Traueransprachen bei den Beerdigungen erfüllten ihn. „Ich konnte biografisch mit den Menschen in die Tiefe gehen und das mit den biblischen Texten in Verbindung bringen.“ Für den christlichen Glauben sei die Haltung das Zentrale, und nicht Inhalte. „Es ist viel wichtiger, was sich in Begegnungen zwischen den Menschen ereignet und wie sie miteinander umgehen.“
Eine Selbsterfahrungsgruppe in der Ausbildung brachte ihn weiter
Eigentlich wollte Daniel Renz seinen Beruf schon ganz aufgeben, doch ein Gespräch mit der Personalreferentin der württembergischen Landeskirche eröffnete eine neue Perspektive. „Sie bot mir eine 25-Prozent-Stelle hier im Krankenhaus an, die auf zwei Jahre befristet war.“ Renz absolvierte berufsbegleitend einen sechswöchige Ausbildung zum Klinischen Seelsorger. In der geschützten Atmosphäre einer Selbsterfahrungsgruppe lernte er sich und seine Motivationen zu reflektieren. Ein psychischer Reifungsprozess, den er bei seiner Arbeit braucht: „Ich merke schnell, ob ein Mensch den Blick nach innen eingeübt hat.“ Renz beurteilt seine Gesprächspartner aber nicht: „Ich verschaffe ihnen einen Raum, in dem sie ihre Gefühle ausdrücken können und womöglich von selbst merken, wie sie den nächsten Schritt gehen können.“
Im Krankenhaus tritt Daniel Renz nicht als Pfarrer auf. „Manchmal halten mich die Patienten für eine Reinigungskraft, aber das ist nicht schlimm.“ Es sei ihm wichtig, nicht als Amtsperson auf einem Sockel zu stehen, wie er es als Murrer Gemeindepfarrer erlebte. Manche Mitchristen dort hätten in ihm eine Respektsperson gesehen und sich nicht wirklich geöffnet. „Ich hatte das Gefühl, dass die Leute der Physiotherapeutin oder dem Friseur mehr Wesentliches erzählen als mir.“ Im Krankenhaus erlebe er eine große Offenheit, was daran liege, dass die Patienten sich in einer Krisensituation wiederfänden. Die Konfession oder der Glaube spiele keine Rolle: „Wir sind für alle da.“
Die Familie hat jetzt mehr vom Vater
Mehr von Daniel Renz haben auch seine Frau und die drei Kinder, die zwischen sechs und elf Jahre alt sind. „Auch für sie war das befreiend, nachdem ich als Gemeindepfarrer aufhörte.“ Jetzt könne er nach dem Dienst im Krankenhaus ganz abschalten und Privates besser vom Beruflichen trennen. Den Lebensunterhalt der Familie bestreite er noch mit einer 25-Prozent-Referentenstelle bei den Theo-Lorch-Werkstätten mit. „Ich möchte als Vater einfach nicht mehr zu 100 Prozent arbeiten.“ Theologisches fordert Daniel Renz aber immer noch heraus. Er spricht ehrenamtlich viermal im Jahr jeweils eine Woche lang im SWR täglich kirchliche Impulse im Radio.
Froh ist Daniel Renz, dass er von Mai an im Kreis Ludwigsburg arbeiten kann. Er fängt für die evangelische Landeskirche mit 50-Prozent an der Orthopädischen Klinik in Markgröningen an. Die Stelle hat noch bis zum Jahr 2030 Bestand, bevor sie Kürzungen zum Opfer fällt. Renz hält die sechseinhalb Jahre für eine gute Spanne. Vom Wohnort Steinheim aus seien die Klinik mit Fahrrad und S-Bahn erreichbar. Außerdem sei er Teil der Kirchengemeinde im Ort und könne dort auch Aufgaben übernehmen, etwa Besuchsdienste aufbauen. Er werde aber dabei sicher nicht in die alten Rollenmuster verfallen.
Den Talar will er nur noch bei besonderen Anlässen tragen
Nicht nur einen Kopf, sondern auch ein Herz und einen Bauch zu haben, das solle in seinen Predigten auf jeden Fall künftig stärker ins Gewicht fallen, kündigt der Pfarrer an. In der Klinik arbeitet er im Zweier-Team mit einer katholischen Kollegin. Im Raum der Stille findet mittwochabends ein Gottesdienst statt. Ob Daniel Renz dann wieder seinen Talar anzieht? „Nein. Diese Kleidung schafft zu viel Distanz“, sagt er. Bei Beerdigungen sei es hingegen angebracht, durch den Talar einen gewissen Halt zu geben.