Ryan Gosling als Stunt-Motoradfahrer – weitere Filmszenen in unserer Bildergalerie Foto: Verleih

Ryan Gosling (im Bild) und Bradley Cooper spielen Hauptrollen in Derek Cianfrances präziser amerikanischer Milieu-Studie um menschliches Strandgut, skrupellose Aufsteiger und jugendlichen Furor.

Mittendrin die Hauptfigur zu wechseln, ist ein riskantes Unterfangen. Steven Soderbergh hat das gerade elegant geschafft in „Side­ Effects“, als er zunächst aus dem Blick einer Psycho-Mörderin erzählte und dann aus der Perspektive von deren gebeuteltem Psychologen. Immerhin waren beide bis zum Schluss anwesend; in „The Place Beyond the Pines“ ist das nicht der Fall: Derek ­Cianfrance tauscht Protagonisten vollständig gegen andere aus.

Zunächst steht Ryan Gosling („Drive“) im Fokus als verratzter Stunt-Motorradfahrer Luke, der mit einem Jahrmarkt durch die USA zieht und in einer Drahtkugel waghalsige Kreise zieht. Eines Tages begegnet er einer Vorjahres-Liebschaft (Eva ­Mendes), die ihm gesteht, ein Kind von ihm zu haben. Luke möchte eine Familie, er kündigt, bleibt und kämpft, er versucht, aus dem Nichts eine Existenz aufzubauen. Da er nur eines gut kann, nämlich Motorradfahren, setzt er bald auf Banküberfälle.

Gosling ist eine Wucht als blondierter, ­tätowierter Tunichtgut, der angestrengt ­versucht, sein Temperament unter Kontrolle und sein Leben auf bürgerliches Niveau zu bringen – sein finsterer Blick hellt sich nur auf, wenn er Momente des Glücks mit Frau und Baby erlebt. Derer gibt es nicht viele, denn nach einige Erfolgen übertreibt er es mit dem Rauben, wird in die Enge getrieben und von einem übereifrigen Polizisten gestellt, der auf ihn schießt – nicht in Notwehr, wie später behauptet, sondern zuerst.

Am Ende siegt, wer Macht hat

Mit verschlagenem Blick gibt Bradley Cooper diesen Mörder, der das unverdiente Heldentum offensiv vor sich herträgt, den ­verfilzten Polizeiapparat aufmischt und zum mächtigen Staatsanwalt aufsteigt. Eine dritte Episode widmet ­Cianfrance den Söhnen der beiden, die in der Highschool aufeinandertreffen, ohne zunächst die Vorgeschichte ihrer Väter zu kennen: ein unterprivilegierter Einzelgänger und ein dekadenter Wohlstandssprössling, die einander überhaupt nicht guttun.

Präzise Milieu-Studien reiht Cianfrance aneinander, in denen er rein gar nichts beschönigt. Er zeigt den Schmutz hinter schillernden Jahrmarktkulissen und makellosen menschlichen Fassaden. Er führt vor, wie Herumtreiber zu Strandgut werden, wie kleine Leute ums Überleben kämpfen, wie manche große Karriere auf skrupelloser Brutalität gründet. Und er beleuchtet ­extrem realitätsnah die Eigendynamik, die Mutproben und Rangeleien unter Teenagern entfalten. Ein kantiger Elektro-Soundtrack des früheren Faith-No-More-Sängers Mike Patton gestaltet die paranoide Atmosphäre der Entfremdung wesentlich mit.

Verwerfungen vererben sich, und jede Schweinerei kann irgendwann ans Licht kommen, auch Jahrzehnte später. Das sind die Thesen Cianfrances, der freilich weiß: Am Ende siegt, wer Macht hat.