Abende mit der Liebesgöttin Bilquis (Yetide Badaki) sind in „American Gods“ nicht ganz risikofrei. Foto: Jan Thijs

In seinen Comics und Büchern trifft die Popkultur auf den Götterhimmel: Der britische Autor Neil Gaiman liebt alles, was über den Alltag hinausgeht. Die neue Amazon-Serie „American Gods“ bringt seine Fantasien in drastische Bilder.

Stuttgart - Journalismus sei ein Lügengeschäft, behaupten Donald Trump und andere Leute, die Angst haben, Journalisten könnten hinter ihre falschen Fassaden blicken. „Wenn es nur so wäre“, mag sich der Schriftsteller Neil Gaiman denken, „wäre ich vielleicht noch immer Journalist.“ Denn von diesem Beruf hat er schon in seinen späten Zwanzigern Abschied genommen. „Ich wollte frei sein, mir Sachen ausdenken zu dürfen“, hat er diesen Schritt einmal erklärt, „ich wollte nicht länger auf die Wahrheit festgeklopft werden. Genauer gesagt, wollte ich die Wahrheit sagen können, ohne mich dabei um die Fakten kümmern zu müssen.“

Für die Londoner Stadzeitungsszene der Achtziger mag der Rückzug ein Verlust gewesen sein, für den Rest der Welt war er ein Gewinn. Und wer es bisher noch nicht geschafft hat, über Neil Gaimans Schaffen zu stolpern, bekommt nun eine weitere Gelegenheit. Ab 1. Mai kann man sich auf Amazon Prime die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Serie „American Gods“ anschauen, eine Adaption von Gaimans gleichnamigem Roman aus dem Jahr 2001.

Derbes und Anzügliches

Die amerikanischen Götter, um die es geht, sind nicht Geld, Sex und Ruhm. Es handelt sich um konkrete jenseitige Wesen, die im diesseitigen Alltag feststecken. Alte Himmelsbewohner und Opferempfänger, denen gehuldigt wurde, bevor der erste weiße Neuankömmling Indianerland als Gottesgeschenk für weiße Europäer reklamierte, leben hier mehr oder weniger unauffällig, mehr oder weniger asozial, mehr oder weniger aggressionsbereit unter den Amerikanern der Moderne.

Die höchst wirkungsbewusst gestaltete Amazon-Serie betont die derben, anzüglichen und schaurigen Momente der Geschichte, bringt drastisch, prall und dampfend ins Bild, was sich das prüde Free-TV in den USA noch immer nicht erlauben darf. Wer sieht, wie die Liebesgöttin Bilquis, die auf ihre Zufallsopfer zunächst wie die stets erhoffte sexy Barbekanntschaft wirkt, einen One-Night-Stand in einen umgekehrten Geburtsvorgang verwandelt, wie sie die Männer schrumpft und in sich einsaugt, könnte Neil Gaiman für einen makaber fantasievollen Horrormeister halten.

Der Fantasievcorrat der Menschheit

Furcht und Schrecken aber sind nur ein kleiner Teil des Themen- und Gefühlsarsenals des 1960 in Portchester geborenen, in der Provinz aufgewachsenen Autors. Zwei Dinge zeichnen Gaiman aus: Zum einen geht er absolut dünkelfrei mit Medien und Formaten um. Zum anderen hegt er eine liebend ganzheitliche Beziehung zum gesamten Fantasievorrat der Menschheit. Nordische Mythologien und das Alte Testament, Hollywoods A- und B-Filme und Shakespeare, die Welten der Horror-, Krimi-, Science-Fiction-Groschenhefte wie die zu Liedern verdichteten Erzählungen aktueller Singer-Songwriter, sie alle und viel mehr existieren in Gaimans Kopf nebeneinander. Sauerstoff, Nahrung, Wasser und Geschichten, für Neil Gaiman sind das gleichberechtigte Grundbedingungen menschlichen Lebens.

Er war Insidern als Autor schlauer, spannender Comics bereits aufgefallen, als ihm der US-Verlag DC 1988 eines der Experimente antrug, die damals auf dem Sublabel Vertigo geduldet wurden. Gaiman sollte für die neue Serie „Sandman“ ohne Vorgaben eine obskure alte Comicfigur auffrischen, eine seltene Freiheit, von der er frechsten Gebrauch machte. Sein Sandman war der Herr der Träume, Morpheus, ein unsterblicher Herrscher übers gesamte Reich des Ausgedachten. Mit diesem Trick hatte sich Gaiman das größte Spielzimmer geschaffen, das je ein Comicautor sein eigen nennen durfte.

Türöffner zur Hochkultur

Beabsichtigt hatte DC bestenfalls eine kleine Kultserie, die ein paar jener verschrobeneren Oberschüler erreichen sollte, die mit den eher monotonen Prügelorgien der Superhelden nicht von ihrem Taschengeld zu trennen waren. Heraus kam ein globales All-Ages-Phänomen, eine Serie, die Comicmuster sprengte und Grenzzäune zwischen E und U planierte.

Gaiman hat seitdem auch Romane vorgelegt, „American Gods“, „Anansi Boys“ und „Der Ozean am Ende der Straße“ beispielsweise, hat Kinderbücher geschrieben und viele weitere Comics. Aber er ist für seine Leser auch als öffentliche Person in sozialen Netzwerken und bei Lesungen präsent, ein arroganzfreier Türöffner zur Hochkultur für die einen, für die anderen ein Tiefsinn kenntlich machender Fremdenführer durch die Popkultur.

Auch einer wie Neil Gaiman kann natürlich dem Eskapismus-Vorwurf an die Fantastiknicht entkommen. Manchem wird „American Gods“ weder als Buch noch als Fernsehserie gefallen, weil die Figuren nicht völlig der Alltagswirklichkeit entsprechen. Gaiman hält dem Festklopfen auf die Fakten ein gutes Argument entgegen: alle Fantastik zeige, dass die Welt nicht so sein müsse, wie wir sie gerade erleben. Woraus die Erkenntnis erwachse: „Die Verhältnisse lassen sich ändern“.

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