Szene aus Marco Goeckes Tanzstück „Walk the Demon“ Foto: Rahi Rezvani

Das Nederlands Dans Theater war zu Gast in Ludwigsburg und begeisterte das Publikum nicht nur mit einem nagelneuen Stück des ehemaligen Stuttgarter Haus-Choreografen Marco Goecke.

Ludwigsburg - Draußen wehte am Freitagabend ein reichlich verspäteter Sturm die letzten Blätter von den Bäumen. Aber auch drinnen ging es herbstlich zu, als das Nederlands Dans Theater (NDT) im Forum am Schlosspark sein dreitägiges Gastspiel in Ludwigsburg eröffnete. Ein schmaler Lichtstreifen teilt den tiefroten Fond, vor dem Crystal Pite in ihrer „Partita for 8 Dancers“ vom Kreislauf des Lebens erzählt und von den langen Nächten, die vor uns liegen. Nebel umhüllt die Tänzer in Marco Goeckes „Walk the Demon“, und es kostet sie eine Flut an irrlichternden Gesten, um die unsichtbare Mauer, die jeden zum Solitär macht, zu überwinden. Ganz zum Schluss kann so viel Herbstlaub auf die „Singulière Odyssée“ von Sol León und Paul Lightfoot fallen, wie will: Nichts kann die verzweifelte Stimmung zudecken, die hier herrscht.

Drei Stücke, dreifach düstere Stimmung, und doch geht man zuversichtlich in die Dezembernacht. Denn das Nederlands Dans Theater zeigt nicht nur choreografische Kunst auf der Höhe der Zeit, es tanzt sie auch mit einem Selbstverständnis, das in dieser Präzision und dem Durchdringen der Beweggründe einer jeden Bewegung selten ist.

Goecke mit Gorilla

Aus Stuttgarter Sicht freut das vor allem beim Wiedersehen mit dem Werk von Marco Goecke, das auch viele Tänzer – vom Stuttgarter Ballett wie von Gauthier Dance – nicht verpassen wollten. Was hier Vergangenheit ist, bleibt in Den Haag Gegenwart: Seit 2013 ist Marco Goecke „Resident Choreographer“ des NDT, Ende September kam sein neues Stück hier heraus. Und wenn man sieht, mit welcher Konsequenz sich die zehn Tänzer in die feinsten Verästelungen von Goeckes Gesten einfinden, wie sie Tanz als Naturgewalt schildern, der den Menschen überfällt und letztendlich dialogbereit macht, rührt wirklich an. Dass Jirí Kyliáns frühe Stücke, die das NDT bis heute tanzt, Goecke einst zum Choreografieren inspirierten, mag die Vertrautheit der Tänzer mit seinem Vokabular bestärken. Neu ist der Gorilla, der wie ein Form gewordener Albtraum vorbeispaziert, „Walk the Demon“ heißt folglich dieses intime Drama, weil sich wie immer bei Goecke Innerstes nach außen kehrt – mal mit großem Schwung, mal mit scheuerndem Kratzen wie eine Übersprungshandlung.

Crystal Pite sorgt für Respekt

Auch die kanadische Choreografin Crystal Pite ist seit langem mit dem NDT verbunden. Gemeinsam mit der Komponistin Caroline Shaw gibt sie jedem der acht Tänzer in ihrer Partita eine eigene Stimme, sodass diese zur eigenwilligen Begegnung von Chorgesang und Bewegung wird. Wie sich deren harmonischer Fluss im Respekt für den Raum des anderen entwickelt, erzählt auch vom Einverständnis der Tänzer, die dieses Stück mitgeprägt haben.

Die Stimmung der Musik trifft exakt die Heimatlosigkeit, die Sol León und Paul Lightfoot in ihrer „Singulière Odyssée“ inszenieren: Jedem Klavierton lauscht Max Richters Komposition vor einer eingängigen Streicherkulisse nach, als könnte er verlorengehen. „Exiles“ heißt sie nicht von ungefähr; und auch wenn Kostüme und der Bahnhofswartesaal wie aus einer anderen Zeit wirken, sind der Tanz und das Unbehaustsein, von dem er erzählt, ganz gegenwärtig. Hinten im Saal ist eine zu kleine Tür, vorn eine zu große. So wirken die Menschen, die ankommen, die abreisen, immer fehl am Platz. Begegnungen, Blicke gehen in eine Leere, die auch das fallende Laub nicht füllt. Bei aller Nachdenklichkeit – und sehr bereichernder Tanzabend.

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