Emotional intensiv wie ein verglühendes Leben: Das NDT 2 tanzt „The Big Crying“ von Marco Goecke. Foto: NDT 2/Rahi Rezvani

Drei Stücke, drei Stile, eine erstaunliche Kompanie: Die Junioren des Nederlands Dans Theaters beweisen in Ludwigsburg, warum sie ein Traumziel für den Tanznachwuchs sind.

Die Nachwuchskompanie des Nederlands Dans Theaters, kurz NDT 2 genannt, ist das Traumziel junger Ballettschulabsolventen, die ein zeitgenössisches Repertoire bevorzugen und mit Choreografen zusammenarbeiten wollen. Warum das so ist, zeigte das Gastspiel der Junioren aus Den Haag am Wochenende in Ludwigsburg. Ein gutes Dutzend so extrem präsenter wie präziser Tänzerinnen und Tänzer war da zu bestaunen, für die sich drei angesagte Choreografen verblüffend unterschiedliche Stücke ausgedacht hatten.

 

Mit Nadav Zelner, Edward Clug und Marco Goecke waren drei Schrittmacher am Werk, deren Erfolg seine Wurzeln in Stuttgart hat – entsprechend gut besucht waren die beiden Gastspiele des NDT 2 im Forum am Schlosspark, entsprechend üppig war der Applaus bis hin zu Standing Ovations für Goeckes „The Big Crying“ am Ende.

Quirlige Lebendigkeit

Nadav Zelners „Bedtime Story“ hat allen Jubel verdient, auch wenn man den Israeli nicht kennt. Eric Gauthier hatte ihn für die europäischen Tanzbühnen entdeckt. War Zelners „Bullshit“-Abend für Gauthier Dance 2018 noch ein Stilmix in Rosarot, überzeugt seine 2021 fürs NDT 2 entstandene Uraufführung mit einer quirligen Lebendigkeit, orientalische Klänge unterstreichen die für israelischen Tanz typische Intensität. Arme fliegen, Beine zappeln, nach mehreren Soli finden ein paar der 13 Junioren zu einer Gruppe und agieren wie ein vielgliedriger Körper: Tanzen ist Überlebensmittel – auch wenn es in „Bedtime Story“ nur darum geht, mit noch einem und noch einem Gute-Nacht-Tanz das Schwarz einer einsamen Nacht aufzuschieben.

Auf Schwarz folgt Weiß, auf Vitalität eine Künstlichkeit, als sei Edward Clugs „Cluster“ am Computer entstanden. Der Leiter des Slowenischen Nationalballetts, dessen internationaler Erfolg eng mit dem Stuttgarter Ballett verknüpft ist, hatte bereits in „Pattern ¾“ Bewegungen zu Mustern verwoben. Nun denkt er das Thema mit einer Konsequenz fort, die fast frösteln lässt, unterstützt von Milko Lazars klimperndem Sound. Drei Tänzerinnen und drei Tänzer wiederholen dazu Bewegungssequenzen, immer wieder scheren Individuen sowie ein Paar aus. Für Spannung sorgen zudem ornamentale Gruppen, symmetrisch angeordnet und bewegt, als seien sie Silhouetten in einem Kaleidoskop.

Eine Flamme, die plötzlich verlöscht

Marco Goecke umfängt wie immer mit einem dicht gewirkten Gespinst aus nervösen Tanzgesten. Sie lösen auch in „The Big Crying“ eine Flut an Emotionen aus – oder machen einfach wegen ihrer perfekt ausgearbeiteten Linien, mal expressiv aufgelöst, mal fein konturiert – staunen. Die Trauer um den Vater tanzt in diesem Stück des einstigen Stuttgarter Hauschoreografen mit. 13 Tänzer und die Stimme von Tori Amos sammeln sich zu einer Verbeugung vor dem Leben, das wie die Flamme im Hintergrund intensiv lodert – oder plötzlich verlöscht.

Ein Gastspiel, das Lust macht auf die nächste Begegnung mit den famosen Junioren aus Den Haag.