Sieben Tage die Woche verkauft Mehmet Ceri Lebensmittel. Foto: Caroline Holowiecki

In den 80ern und 90ern war richtig was los im kleinen Zentrum des Heumadener Gebiets Über der Straße. Heute prägen Leerstände das Bild. Das letzte Geschäft sichert die Nahversorgung. Doch wie lange noch?

Sillenbuch - Mehmet Ceri ist ein großer stämmiger Mann mit dunklem Teint und starken Armen. Arme, die schaffen können. Urlaub haben diese Arme eigentlich nie. Sieben Tage die Woche steht Mehmet Ceri in seinem Laden im Einkaufszentrum des Heumadener Gebiets Über der Straße. Oder besser: in dem, was noch von diesem Zentrum übrig ist. Leerstände prägen das Bild. Zur besten Mittagszeit herrscht dort in der Sommersonne Totentanz. In einigen der einst florierenden Ladenlokalen haben sich Dienstleister und Handwerker niedergelassen. Friseursalon, Schneiderei, Kosmetik und Maniküre, aus einem Orgelstudio klingen ein paar Töne. Die Kneipe, erzählen Nachbarn, ist wegen einer Familienangelegenheit bis auf Weiteres geschlossen. Bleibt noch die Pizzeria. Und eben das Lädle von Mehmet Ceri.

Der 44-Jährige hält die Stellung. In seiner Heumadener Backstube gibt es neben Brot und Kuchen aus dem Hause Veith Gemüse, Obst, Nudeln, Eier, Konserven, Waschmittel, Getränke, außerdem ein Tischchen und vier Sessel, auf denen man seinen Kaffee trinken kann. Bis vor Kurzem hatte Mehmet Ceri dort zwei Geschäfte – die Backstube und den Tante-Emma-Laden. Ende Juni musste er das größere der beiden Geschäfte schließen. „Ich und meine Frau waren dort täglich. Für Angestellte hat das Geld nicht gereicht. Und vor Kurzem musste meine Frau aus gesundheitlichen Grünen aufhören“, sagt der Vater dreier Kinder zwischen 15 und 19.

Die Anwohner unterstützen Mehmet Ceri

Das Aus für den Tante-Emma-Laden. Das Sortiment wurde kurzerhand zusammengezogen. In der Backstube gibt es jetzt das Nötigste für den Alltag. „Es ist meine Hoffnung zum Weiterleben“, sagt Mehmet Ceri. Nicht nur die Existenz der Familie Ceri sichert der kleine Mix-Betrieb. Auch die Nahversorgung im Wohngebiet Über der Straße. Vor allem für die alten Leute in der Umgebung ist das Lädle ums Eck wichtig. Denen bringt Mehmet Ceri die Einkäufe auch nach Hause, wenn es nötig ist. Man kennt sich ja. Seit 21 Jahren wohnen die Ceris in der Nachbarschaft. 2004 waren sie in den Tante-Emma-Laden eingestiegen, vor sieben Jahren in die Backstube.

Dementsprechend persönlich ist der Umgang. Mit „Klaus, mein Freund“ etwa wird Klaus Pfaffenzeller begrüßt – dabei wohnt er noch nicht mal hier, sondern wird erst Ende Oktober in den Neubau der Baugemeinschaft einziehen. Aktuell sucht er fast täglich Zuflucht bei Mehmet Ceri, wie er sich lächelnd ausdrückt, trinkt einen Kaffee und isst einen Snack, um sich für die Arbeiten zu stärken. „Der Laden ist für mich ein absolutes Muss, das Kommunikationszentrum im Viertel. Und ich sehe mich in der Verantwortung, ihn zu unterstützen“, sagt Klaus Pfaffenzeller. Das findet auch die Anwohnerin Ingeborg Keller: „Wir müssen ihn halten. Mehmet ist beliebt, der gehört zu dem Platz.“

Pendler kaufen unterwegs ein

Mehmet Ceri freut sich über viele treue Kunden. „Die wissen genau, wann ich mit dem frischen Obst vom Markt komme.“ Ihm ist auch klar: Zufällig kommt in seine Backstube keiner. Die Lage, abseits und versteckt, ist eines der Grundprobleme des Zentrums, auch, dass man mit dem Auto nicht vorfahren kann. Auffallend viele Pendler leben in dem Viertel. Die erledigen ihre Einkäufe unterwegs, weiß der Händler. Die meisten Geschäfte hat das in der Vergangenheit wohl den Kragen gekostet.

Ehemals gab es hier einen Spar-Markt, später einen Schlecker, außerdem einen Optiker, eine Bank, sieben Kneipiers in 14 Jahren, zählt Mehmet Ceri auf. Ihm ist anzumerken, dass auch ihn Existenzängste umtreiben. Discounter-Preise könne er nicht anbieten. „Ich bin für die Leute da, aber wenn die Leute nicht kommen und ich nicht mehr zahlen kann“, sagt er und bringt den Satz nicht zu Ende. Dann lächelt er. Und hält weiter die Stellung.

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