Der Frischemarkt im Dachswald hat schon lange seine Pforten geschlossen Foto: Max Kovalenko

In vielen Teilen der Stadt bricht die Nahversorgung weg. Nun sollen Experten vorschlagen, wie zwölf stark betroffenen Bezirken zu helfen ist. „Die Konzepte reichen vom Ortsbus bis zum Wochenmarkt“, sagt Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht. Im dritten Teil unserer Serie blicken wir auf den Dachswald.

Stuttgart - Nie hatte im Dachswald nahe Stuttgart-Vaihingen jemand über die Nahversorgung geklagt. Die Anwohner waren immer gut versorgt. Doch dann änderte sich die Situation Ende letzten Jahres auf einen Schlag. Ein Treffpunkt, auch Mittelpunkt des Ortsteils, war ein kleiner Supermarkt. Der von Hüseyin Gürsel betriebene Markt war beliebt. Sogar vom Pfaffenwald strömten die Kunden in den Lebensmittelmarkt im Dachswald. Gürsel war für seine frischen Waren bekannt, die große Auswahl im Regal und die zahlreichen Obst- und Gemüsesorten aus biologischem Anbau.

„Jeden Morgen ist er zum Großmarkt gefahren und hat immer darauf geachtet, hochwertige Ware anzubieten“, sagt Sigrid Beckmann, die Vorsitzende des Dachswälder Bürgervereins. Älteren Bürgern, die es nicht mehr bis in den Laden schafften, lieferte Gürsel die Lebensmittel ins Haus. Und nicht nur für die Nahversorgung war gesorgt. Der Lebensmittelmarkt entwickelte sich über die Jahre zum ständigen Treffpunkt für die Anwohner. „Man hat sich getroffen und ausgetauscht. Ich habe den Laden immer unsere Dorflinde genannt“, sagt Beckmann. Selbst die kleinsten Anwohner gingen ein und aus, lernten Verantwortung und den Umgang mit Geld.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert wurde der Supermarkt im Knappenweg betrieben. Erst von der Besitzerin des Grundstücks selbst, dann von Pächter Gürsel. Bis zuletzt herrschte reger Betrieb, über mangelnden Umsatz musste er sich nicht beschweren. „Die Dachswälder haben unseren Laden gefördert und oft dort eingekauft. Wir hatten nicht dasselbe Problem wie in Rohr, bei uns war der Laden rentabel“, sagt die Vorsitzende des Bürgervereins.

Dann brach das System im November 2013 auf einmal zusammen. Die Teilbesitzerin des Grundstücks, auf dem der Supermarkt betrieben wurde, verstarb. Die Fläche wurde von ihren Brüdern, den anderen beiden Besitzern, verkauft.

Von jetzt auf nachher schlug die Situation im Dachswald um. Der kleine Lebensmittelladen musste den Stuttgarter Stadtteil am 30. November 2013 verlassen. Das ist bald ein Jahr her. Seitdem müssen die Dachswälder ohne eine Nahversorgung auskommen, denn auch Poststelle und der Friseur verließen den Stadtteil. „Wir hatten, seit ich hier lebe, eine funktionierende Versorgung mit Lebensmitteln. Dann gab es die Veränderung der Immobilie, und jetzt haben wir gar nichts mehr, die komplette Versorgung ist weggebrochen“, sagt Sigrid Beckmann.

Um bis zum nächstgelegenen Supermarkt zu gelangen, ist man nun eine ganze Weile unterwegs. Deswegen sorgt sich die Vorsitzende des Bürgervereins gerade um die älteren Bürger des Stadtteils. Und die sind gerade im Dachswald in einem recht hohen Prozentsatz vertreten.

Leni Kessler gehört zu den wenigen älteren Bewohnern, die sich mit der Situation recht problemlos arrangiert haben. Die 84-Jährige ist noch immer mit dem Auto unterwegs, der Weg nach Vaihingen klappt reibungslos. „Natürlich war es toll, als wir noch einen Laden hatten, aber zum Glück kann ich noch Auto fahren, man weiß nur nie, wie lange noch. Und dann wird es schwer, mit dem Bus alles zu besorgen“, sagt Kessler.

Denn wer kein eigenes Auto mehr besitzt, ist im Dachswald seit Dezember auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen, viel lässt sich mit Bus und Bahn aber nicht vom Laden bis an die eigene Haustüre transportieren. Zumal zwischen dem Dachswald und dem nächstgelegenen Vaihingen keine Direktverbindung existiert, an der Universität muss umgestiegen werden. „Wir orientieren uns nun alle in Richtung Vaihingen, das sind etwa vier Kilometer. Das geht zwar auch mit dem Fahrrad, aber man muss sich auch auf den Weg machen, wenn man nur eine Milch oder die Butter vergessen hat“, sagt Beckmann.

Die Vorsitzende des Bürgervereins versucht seit dem letzten Jahr, etwas an der Situation der Dachwälder zu verbessern. Eine brauchbare Lösung erschien ein mobiler Markt, der regelmäßig Halt im abgeschiedenen Stuttgarter Ortsteil macht. Doch auch hier gab es bei der Umsetzung viele Schwierigkeiten. Zum Hauptproblem wurde es, eine ausreichende Anzahl an Händlern in den Dachwald zu locken. „Die meisten sind sehr eingebunden und nahezu ausgebucht. Dazu kommt die Frage, ob sich ein mobiler Markt hier überhaupt rentiert“, weiß Sigrid Beckmann.

Die Möglichkeit, einen Laden an einem anderen Ort zu betreiben, sieht Beckmann ebenfalls nicht. Wichtigste Voraussetzung für einen rentablen Lebensmittelladen scheint eine zentrale Lage zu sein, das Grundstück im Knappenweg liegt mehr als zentral, die Straße, die nun an der ehemaligen Ladenfläche vorbeiführt, ist viel befahren. „Hier kommen die Leute immer vorbei“, sagt sie, „woanders würde sich kein Laden lohnen, und ich kenne auch keine freie ­Fläche.“

Die einzige Hoffnung liegt nun auf dem neuen Besitzer der Immobilie. Beckmann hat inzwischen Kontakt aufgenommen, von den Plänen mit dem Grundstück ist aber noch nichts bekanntgeworden. „Wir hoffen auf eine Zusammenarbeit und haben den Besitzer darauf aufmerksam gemacht, wie zentral die Immobilie für die Nahversorgung im Dachswald ist“, sagt Beckmann. Der Kontakt zum vorherigen Pächter und Ladenbesitzer Gürsel besteht noch, er könnte sich vorstellen, in der Zukunft für die Nahversorgung der Dachswälder zu sorgen.

Der Bedarf ist noch immer da, und zwar nicht nur der nach Lebensmitteln, sondern auch nach sozialem Kontakt. Seit der ­Lebensmittelladen aus dem Dachswald ­verschwunden ist, trifft man sich seltener, der nachbarschaftliche Kontakt schläft ein. „Wir brauchen unsere Dorflinde wieder, das war die wichtigste soziale Einrichtung im Dachswald“, sagt Beckmann.

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