Zwei Euro für den Automaten: Wer mit der Stadtbahn eine Zone fahren will, muss heute schon zehn Cent nachlegen – 2013 wird es wieder teurer. Foto: dpa

Fahrgastbeirat will härtere Gangart einschlagen – Verbund-Chef bestreitet überzogene Preise.

Stuttgart - Jedes Jahr ist es so ziemlich dieselbe Prozedur. Auch Anfang 2012 stiegen die Ticketpreise beim VVS im Schnitt um 2,9 Prozent. Nun soll sich das wiederholen. Doch daran scheiden sich die Geister.

Die Politik spielt überwiegend mit: Wenn im Aufsichtsrat der städtischen SSB diesen Dienstag über die Preisrunde entschieden wird, tragen die politischen Vertreter der Stadt mehrheitlich wohl den Vorschlag der SSB-Direktoren mit: Die Fahrgeldeinnahmen sollen um 2,9 Prozent gesteigert werden. Wie das bei den einzelnen Ticketpreisen umgesetzt wird, entscheidet sich im Herbst beim VVS.

CDU-Stadtrat Jürgen Sauer nennt das Erhöhungsziel „sinnvoll, notwendig und angemessen“. Wollten die SSB alle ihre zusätzlichen Kosten im Jahr 2013 weitergeben, müsste man um 3,4 Prozent zulegen, hätten die SSB-Chefs berechnet. Außerdem gebe es auch wieder Verbesserungen: mehr teure Umwelttechnik in Fahrzeugen, bessere Nachtlinien an Wochenenden und Feiertagen, weitere Ausbauprojekte. Doch die Politik will keine Drei vorm Komma. Darum die 2,9. Die Lücke von 0,5 Prozent sollen weitere zahlende Fahrgäste schließen.

In der SPD-Fraktion, sagt Manfred Kanzleiter, habe man die Argumente der SSB-Chefs auch für plausibel gehalten. Wenn man zustimme, wolle man aber auch ein etwas besseres Busangebot in einigen Stadtteilen. Mit dem Geplanten liege der VVS im Vergleich der Verbünde „im Rahmen“.

Jochen Stopper von den Grünen tickt anders: „Man muss zusätzliche Kosten ja nicht an die Fahrgäste weitergeben, womit die Stadt tendenziell den Kostendeckungsgrad der SSB erhöht.“ Die Grünen möchten eine wesentlich niedrigere Prozentzahl als 2,9 durchsetzen. Die Mehrheitsverhältnisse im SSB-Aufsichtsrat sind dafür aber nicht günstig – noch weniger im VVS-Aufsichtsrat, der aber üblicherweise den SSB-Beschluss umsetzt, weil dort die Vertreter von Stadt und SSB besonderes Gewicht haben.

Fahrgastbeirat kritisiert: „Wir wurden mal wieder nicht beteiligt“

Die Fahrgäste sehen Unheil auf sich zukommen. Für einen guten Kundenservice würde sie ja gern bezahlen, schrieb eine Leserin aus Heslach. Zu den Hauptverkehrszeiten seien die Stadtbahnen aber meistens überfüllt. Das löse Verspätungen aus. Anschlüsse seien dann manchmal nicht erreichbar. Und von 19 Uhr an würden Stadtbahnen nur noch im 15-Minuten-Takt fahren, obwohl die Läden noch geöffnet seien.

Auch der Fahrgastbeirat des VVS ist nicht amüsiert. „Wir wurden mal wieder nicht beteiligt“, sagt Sabine Lacher, die für den Fahrgastverband Pro Bahn im Beirat sitzt und diese Missachtung vor allem den SSB anlastet. Das Gremium wolle sich künftig öffentlich zu Wort melden und „den Ton etwas verschärfen“. Der Beirat finde die starke Erhöhung nicht gut. Oft werde, wie auch jetzt, mit Tariferhöhungen fürs Personal argumentiert – „doch die Tarifverträge laufen oft zwei Jahre, der VVS kassiert jedes Jahr mehr“. In der Weltstadt Paris könne man mit der Metro in ganz Paris zu einem Preis fahren, der in Stuttgart fürs Kurzstreckenticket verlangt werde. Im Vergleich zu anderen Städten fehle es in Stuttgart am Willen, den öffentlichen Nahverkehr „zu pushen“.

Die VVS-Chefs fühlen sich wie Prügelknaben. Der Vergleich unserer Zeitung zwischen angeblich viel preisgünstigeren Verbünden und dem ach so teuren VVS hinke, urteilt Geschäftsführer Horst Stammler. Zum Beispiel die Kritik, dass ein Monatsticket in Stuttgart um 22,5 Prozent teurer sei als in Mannheim: „Stuttgart ist doppelt so groß wie Mannheim, wo die Stadt aus einer Tarifzone besteht. Bei uns sind es nun mal zwei Zonen, und 60 Prozent der Stuttgarter fahren in einer Zone.“ Das sei günstiger als in Mannheim. Gleiches gelte für Jahres- und Einzeltickets. Beispiel München: Die Fahrt in der ganzen Stadt koste dort im Moment 2,50 Euro, in Stuttgart 2,60 Euro, hier aber in einer Tarifzone 2,10 Euro. Stammler: „Im Schnitt nehmen wir 2,30 Euro ein.“ Das entspreche dem Preis fürs Ticket in Berlin, wo man aber weniger verdiene als in Stuttgart. Dass man in Berlin von Spandau zum Müggelsee fahren könne, bringe den Menschen im Alltag nichts.

Stammlers Fazit: „Der VVS liegt im Preisvergleich etwa im Durchschnitt – etwas darüber, wenn man unsere Preise für zwei Zonen in der Stadt ansetzt, etwas darunter, wenn man eine Zone zugrunde legt“. Schneller befahrbare Tunnelstrecken würden den Fahrgästen kurze Fahrzeiten bringen, die Strecken seien aber im Bau besonders teuer. Die Zahl der Fahrgäste sei 2011 in Stuttgart mit zwei Prozent stärker gewachsen als im deutschen Durchschnitt (0,7 Prozent). Es sei falsch, dass der VVS keine zusätzlichen Fahrgäste erobern wolle.

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