Neue Linien, mehr Angebot: die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) brauchen in der Zukunft eine größere Stadtbahnflotte. Nun gibt es erste Ideen, wie die Bahnen aussehen könnten. Bis sie auf den Stuttgarter Gleisen rollen, vergeht noch einige Zeit.
Bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) entsteht die Zukunft im Keller. In den Katakomben der SSB-Zentrale in Möhringen steht ein 1:1-Modell der geplanten neuen Stadtbahngeneration aus Metall und Holz – gefertigt von den SSB-Mitarbeitern, wie Thomas Moser, Chef des städtischen Nahverkehrsgesellschaft nicht ohne Stolz erwähnt. An dem sogenannten Mock-Up werden neue Ideen getestet. Nicht alles, was sich gut anhört, erweist sich in der Praxis auch als nützlich.
Rückmeldungen von den Fahrgästen
Beim Gang durch das Modell zusammen mit Kirsten Krüger, die bei den SSB für die Einführung der neuen Fahrzeuge zuständig ist, fällt der vergrößerte Eingangsbereich auf. Klarer Fall von optischer Täuschung, wie Thomas Moser erklärt. Tatsächlich ist lediglich die zentrale Haltestellestange verschwunden, die zwar Passagieren einen sicheren Stand ermöglichen sollen, aber auch auf Kritik gestoßen ist. „Von Behindertenverbänden haben wir die Rückmeldung erhalten, dass die Stange insbesondere für Fahrgäste in Rollstühlen im Weg ist“, sagt Kirsten Krüger. Die SSB stehen regelmäßig im Kontakt mit Fahrgastvereinigungen, wenn die Einführung neuer Bahnen ansteht, wird der Austausch aber intensiviert.
Statt an der Stange sollen sich stehende Passagiere künftig im Eingangsbereich an einer an der Decke montierten Schiene festhalten können. Oder sie machen es sich an einer ebenfalls in diesem Bereich der Bahn montierten Anlehnhilfe bequem – kleine gepolsterte Bänke an den Seitenwänden. Der Eingang zu den neuen Bahnen werde drei Zentimeter tiefer liegen als bisher, sagt Thomas Moser, was das Einsteigen erleichtern soll.
Mehr Platz fürs Gepäck
Ebenfalls auf Rückmeldungen von den Fahrgästen geht der deutlich vergrößerte Mehrzweckbereich zurück, der sich an die Eingangsareale anschließt. Dort können die Sitzflächen hochgeklappt werden, damit Platz für Kinderwagen, Rollatoren Fahrräder aber auch größere Gepäckstücke ist. Spätestens seit die Linie U 6 zum Flughafen fährt, gibt es dort immer wieder die Situation, dass Reisende ihr Gepäck nicht so richtig unterbringen.
Die Neuerung neben dem vergrößerten Platzangebot: auch die vordere Kante der Sitzflächen ist gepolstert, sodass sich Fahrgäste dort anlehnen können, wenn die Sitze hochgeklappt sind. Die neue Sitzanordnung führt dazu, dass das Angebot an Sitzplätzen gegenüber den heutigen Bahnen um vier sinkt
USB-Anschlüsse an den Plätzen
Die heute von der Decke hängenden Monitore, denen Passagiere die nächsten Haltstellen, Umsteigemöglichkeiten und auch Werbung entnehmen, entfallen. Entsprechende Display sollen in die Schrägen zwischen Dach und Außenwand wandern. Für die Beleuchtung im Wageninneren sorgen schmale Lichtbänder, die ebenfalls in diesem Bereich montiert sind. Unter den Sitzen wird es USB-Anschlüsse geben – im 1:1-Modell sind die durch Holzklötzchen mit Schlitzen symbolisiert.
Veränderungen bringen die neuen Bahnen nicht nur für die Fahrgäste sondern auch fürs Fahrpersonal. Der Führerstand muss umgestaltet werden, weil es neue Vorgaben gibt, was die Rundumsicht der Fahrer angeht. Zudem hält auch bei den Stadtbahnen zunehmend die Digitalisierung Einzug, was Auswirkungen auf die Bedienelemente hat. Die neuen Züge sollen zumindest für teilautomatisiertes Fahren vorbereitet werden. „Wir bauen neue Assistenzsysteme ein, die bei der Überwachung der Fahrt helfen“, sagt Kirsten Krüger.
Wann kommen die neuen Bahnen?
Das alles kostet Geld. Die neuen Züge werden mit rund 5,5 Millionen Euro pro Einheit zu Buche schlagen. 40 Bahnen sind fest bestellt, eine Option auf 30 weitere besteht. Bei der europaweiten Ausschreibung hat sich der Schweizer Hersteller Stadler durchgesetzt, gefertigt wird in deren Werk in Pankow. Moser ist froh, dass es noch einen Markt gebe, die SSB konnten fünf verschiedene Angebote sichten. Die ersten Bahnen sollen 2026 nach Stuttgart kommen und nach ausgiebigen Tests in den Fahrgastbetrieb gehen.
Welcher Ausbau ist geplant?
Die neue Flotte soll dann mittlerweile 40 Jahre alte Bahnen älterer Baureihen ablösen, aber auch neue Angebote möglich machen. Moser nennt die auf 80 Meter verlängerten Züge der Linie U 1, die bis vor das Mercedes-Museum verlängerte U 19, die bis Ditzingen ausgebaute U 13, die neue U 17, die Dürrlewang mit dem Flughafen verbinden soll, wenn dort einmal im Zuge von Stuttgart 21 der neue Fern- und Regionalbahnhof in Betrieb geht sowie eine neue Linie U 25 zwischen Killesberg und Plieningen. Dafür fehlt noch eine Verbindungskurve in Möhringen, die von 2026 an gebaut werden könnte.