Esslingen profitiert vom Widerstand der Ludwigsburger Stadträte gegen eine Preiserhöhung beim Stadtticket. Bis Jahresende bleibt es bei den bisherigen Konditionen. Das Angebot hat sich seit 2019 zu einem Verkaufsschlager entwickelt.
Esslingen - Das Esslinger Stadtticket gilt als Erfolg: Seit seiner Einführung im April 2019 ist es in manchen Monaten mehr als 40 000 Mal verkauft worden. Corona hat dem Höhenflug zwar ein jähes Ende bereitet, doch seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 klettern die Verkaufszahlen wieder stetig nach oben. Deshalb hat der Gemeinderat nun beschlossen, das vergünstigte Tagesticket noch bis zum Jahresende zum aktuellen Preis anzubieten. Ob und zu welchen Konditionen es das Angebot dann weiterhin geben wird, soll allerdings noch beraten werden.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Erfolgsschlager mit Corona-Kratzer
Eigentlich hätte schon Ende des vergangenen Jahres über eine Preiserhöhung für das Stadtticket diskutiert werden sollen. Esslingen befand sich bereits in Verhandlungen mit dem Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) über die neuen Konditionen, die Anfang 2022 greifen sollten. Doch Ludwigsburg grätschte dazwischen: Der dortige Gemeinderat lehnte eine Preissteigerung ab. Weil der VVS großes Interesse an einheitlichen Konditionen in den verschiedenen Kommunen hat, wurde mit Esslingen eine Verlängerung des bisherigen Vertrags um ein Jahr vereinbart. Das bedeutet, dass das Stadtticket für Einzelpersonen weiterhin drei Euro und für Gruppen bis zu fünf Personen wie gehabt sechs Euro kostet. Das Tagesticket berechtigt zu beliebig vielen Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln im gesamten Stadtgebiet.
Konzept überzeugt nicht alle Stadträte
Im Gemeinderat sieht man das Stadtticket prinzipiell positiv. Für viele Stadträte sind die Verkaufszahlen ein Beleg für den Erfolg des vergünstigten Tagestickets. Deshalb wurde der Verlängerung des Angebots bis zum Jahresende mehrheitlich zugestimmt – bei 13 Enthaltungen aus dem bürgerlichen Lager. Für die Stadt sind damit Kosten in Höhe von 675 000 Euro verbunden, die allerdings bereits für dieses Jahr im Haushalt eingestellt sind.
Gleichwohl sind nicht alle Stadträte restlos überzeugt von dem Konzept. Manche befürchten, dass es sich bei den Nutzerinnen und Nutzern dieses Angebots nicht unbedingt um Neukunden handelt. Angesichts der inzwischen weit verbreiteten Homeoffice-Gewohnheiten könne es sich vielfach auch um Fahrgäste handeln, die bislang ein Monats- oder Jahresabo abgeschlossen hatten und jetzt bei Bedarf auf das Stadtticket zurückgreifen. Das würde nicht ganz dem Ziel entsprechen, das man mit dem vergünstigten Tagesticket anstrebt, nämlich mehr Menschen zum Umstieg auf Bus und Bahn zu motivieren. Vor dem Hintergrund einer angespannten Finanzsituation halten viele es für angebracht, noch einmal genau zu überlegen, ob man sich ein solches Ticket leisten kann und will, für das nach aktuellem Stand jährliche Ausgaben in Höhe von 675 000 Euro eingeplant sind.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Epochenwandel im Busverkehr
So merkte etwa Jörg Zoller, Stadtrat der Freien Wähler, in der Gemeinderatssitzung an: „675 000 Euro sind viel Geld für ein Stadtticket“ – zumal für eines, das durch die Coronapandemie stark ausgebremst worden sei. Noch dazu finde nicht einmal eine Preiserhöhung statt, obwohl die Energiepreise stark gestiegen seien. Die Sache an sich sei sicher gut, aber die Frage sei, ob man sie sich auf Dauer leisten könne.
Kannibalisiert das Stadtticket die Einzelfahrscheine?
Ähnlich äußerte sich FDP-Rat Sven Kobbelt: „Das Stadtticket ist ein klarer Fall für die Haushaltsberatungen.“ Zwar sei das Angebot den Verkaufszahlen nach ein Erfolgsmodell, aber: „Die Frage ist, ob das Stadtticket die Einzelfahrscheine kannibalisiert“, so Kobbelt – ob bestehende Nutzer des Nahverkehrs also lediglich auf ein anderes Ticket umstiegen. Auch CDU-Fraktionschef Tim Hauser betonte: „Wir müssen im Lauf des Jahres genau evaluieren, wer das Stadtticket nutzt.“
Für Jürgen Menzel (Grüne) hingegen ist klar, dass das Stadtticket nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch noch günstiger ist als geplant. Schließlich seien ursprünglich knapp eine Million Euro pro Jahr dafür eingeplant gewesen, jetzt seien es noch 675 000 Euro. „Wer Kosten sparen und etwas fürs Klima tun will, muss mehr für den Nahverkehr ausgeben und weniger für den Autoverkehr“, konstatierte Menzel. Ganz so klar zeigte sich der SPD-Fraktionsvorsitzende Nicolas Fink nicht. Das Stadtticket sei zwar eine Erfolgsgeschichte und der Nahverkehr sei der SPD „lieb und teuer“. Aber: „Wir werden über das Stadtticket reden müssen und darüber, was wir uns leisten können.“ Unterdessen lobten Linke und FÜR das Ticket als vollen Erfolg und lehnten eine Preiserhöhung klar ab.
Der auch für den Nahverkehr zuständige Bürgermeister Ingo Rust betonte: „Wir haben sehr viele Gelegenheitsfahrer erreicht und damit genau die richtige Zielgruppe.“ Dennoch dürfe es keine Denkverbote geben. OB Matthias Klopfer versprach, dass über das Stadtticket noch diskutiert werde.
Gleicher Preis für alle
Angebote
Esslingen ist längst nicht die einzige Kommune im Landkreis, die das Stadtticket als vergünstigtes Tagesticket anbietet. Inzwischen ist es auch in Filderstadt, in Kirchheim und Dettingen, Nürtingen, Leinfelden-Echterdingen, Plochingen, Reichenbach, Weilheim und Neidlingen, Wendlingen, Wernau und Ostfildern erhältlich. Ab dem 1. April bietet auch Lichtenwald das vergünstigte Ticket an.
Preise
Nach Angaben des VVS kostet das Stadtticket in allen Kommunen des Verkehrsverbundes, die das Tagesticket anbieten, drei Euro für Einzelpersonen und sechs Euro für Gruppen. Falls es im Jahr 2023 eine Preiserhöhung gebe, so werde diese aller Voraussicht nach für alle Kommunen in gleicher Weise erfolgen.