Aus dem Warnstreik im Nahverkehr ist ein Streik geworden. Foto: Beytekin

Neben Bus- und Bahnfahrern streiken nun auch Kundenzentren, Kontrolleure und Verkehrsmeister.

Stuttgart - Die Bus- und Bahnfahrer befinden sich bis Donnerstagnachmittag im Streik. Doch sie sind nicht die Einzigen: Bis auf weiteres stellen die SSB-Kundenzentren, die Kontrolleure, Verkehrsmeister und der Automatendienst die Arbeit ein.

Nein, es gehe ihnen nicht nur ums Geld. Das sagt jedenfalls Stadtbahnfahrer und Betriebsratsmitglied Holger Zepernick. Auch wenn das bei vielen verärgerten Fahrgästen derzeit so ankomme. Gleichwohl ist auf dem Papier der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi präzise nachzulesen, was genau die Streikenden fordern: etwa die Anhebung des seit 1992 auf dem Niveau von 82 Prozent feststeckenden Urlaubs- und Weihnachtsgeldes. Oder auch die Bezahlung der Wegzeiten zum und vom Einsatzort.

Die Bezahlung der Bus- und Bahnfahrer ist klar geregelt. Nach der Lehre steigt ein Mitarbeiter aus dem sogenannten Fahrbereich zunächst mit 2313 Euro brutto ein. Dann steigt das Gehalt - soweit er sich keine größeren Verfehlungen leistet - automatisch an: nach drei Jahren auf 2361, nach sechs auf 2409, nach neun auf 2457 Euro, nach 13 Jahren auf 2505 und im 18. Jahr schließlich auf 2554 Euro. "Wie soll ein Fahrer damit eine ganze Familie ernähren? Da muss die Frau auf jeden Fall noch was dazuverdienen", sagt der 47-jährige Zepernick.

"Vielleicht ändern wir auch unsere Streiktaktik"

Allerdings erhalten die Fahrer Zuschläge, wenn sie außerhalb der Kernarbeitszeiten ins Fahrerhaus klettern. Zwischen 20 und 6 Uhr stehen ihnen 20 Prozent mehr zu, an Sonntagen 25 Prozent. Die Feiertage schlagen mit plus 35 Prozent zu Buche, während bei Arbeitseinsätzen an Heiligabend und Silvester bei einem Einsatz von 13 Uhr an 40 Prozent mehr abgerechnet werden. Samstags zwischen 13 und 20 Uhr erhält jeder Fahrer pro Stunde 72 Cent zusätzlich. "Zu wenig", finden Zepernick und seine Kollegen. Vor Jahren schon sei mit den Arbeitgebern eine Lohnerhöhung ausgemacht worden; passiert sei bislang aber nichts. "Ich frage mich allmählich, ob die Arbeitgeber das einfach nicht leisten wollen oder nicht leisten können - es ist doch alles vertraglich geregelt", moniert Zepernick.

Zum Vergleich: Eine berufseinsteigende Krankenschwester bezieht zunächst 2060, im zweiten Jahr 2223 Euro. Ihr Gehalt steigt im Lauf der Jahre auf maximal 2800 Euro; allerdings liegt das Gehalt bei höherer Qualifikation auch entsprechend höher. Die Nachtstunden werden mit 15 Prozent extra vergütet, die Sonntagsarbeit mit 25 Prozent (das sind plus 3,49 Euro/Stunde).

Dass sich viele Fahrgäste über die Streiks ärgern, kann Zepernick nachvollziehen. Gleichwohl sei es bei solcherlei Protestaktionen schwierig, die Menschen umfassend aufzuklären. "Uns ist aber wichtig, den Leuten klarzumachen, dass wir nicht nur die Erhöhung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes auf 100 Prozent fordern, sondern auch 30 Urlaubstage für alle", betont er.

Wie lange der Streik noch dauern werde, könne er im Moment nicht sagen; er rechne aber mit weiteren Wochen. "Vielleicht ändern wir auch unsere Streiktaktik", so der Stadtbahnfahrer. Die Gewerkschaft Verdi erklärte am Mittwoch, dass alle Kontrolleure, alle Kundencenter der SSB, der Service, der Automatendienst und die Verkehrsmeister unbefristet streiken.

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