Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, berichten von Licht und Liebe und dem Gefühl tiefer Geborgenheit. Drei persönliche Geschichten und was Experten dazu sagen.
Stuttgart - Er lag im Koma, als es passierte. Anton H. riss sich die Schläuche aus dem Körper, die ihn am Leben hielten. „Ich wollte nicht mehr“, sagt er. Eine nekrotische Entzündung der Bauchspeicheldrüse, ausgelöst durch einen Gallenstein, fesselte ihn ans Bett. Er wurde künstlich beatmet. Binnen Sekunden fiel seine Lunge zusammen, Wasser lief hinein, das EEG zeigte eine Nulllinie. Es war der Moment, in dem Anton H. das Gefühl hatte, eine andere Welt zu betreten.
Anton H. war 37 Jahre alt, als er eine Nahtoderfahrung machte. Er beschreibt sie so: „Ich war alles und verbunden mit allem. Dem Universum, Mensch, Tier, Stein.“ Er erinnert sich an helles Licht und ein Gefühl von unendlicher Liebe. Tausende von Empfindungen seien durch ihn hindurchgeströmt, sagt er. Auch habe er fühlen können, was er im Laufe seines Lebens bei anderen Menschen ausgelöst hatte, Freude und Kränkung. „Ich konnte alles in Liebe annehmen. Was war, war gut so, keine Wertung, Beurteilung oder Verurteilung gab es in diesem Moment.“
Eine andere Wirklichkeit
Anton H. hat die Erkenntnis gewonnen, dass Arbeit und Äußerlichkeiten am Lebensende nicht die geringste Bedeutung haben, dass allein das Zwischenmenschliche zählt. „Ich war noch nie so nah am Leben wie bei meinem Nahtod.“ Der ehemalige Schreiner aus Kirchdorf lacht viel, während er in tiefstem Bayerisch erzählt. „Da drüben war’s super!“
Er ist nicht der Einzige, der überzeugt ist, in eine andere Wirklichkeit geschaut zu haben. Forscher schätzen, dass fast vier Millionen Menschen in Deutschland eine Nahtoderfahrung gemacht haben. Viele beschreiben dieses Erleben als das schönste in ihrem Leben. Auch Jana A. Hermann war „drüben“. Die 57-Jährige hatte als junge Frau ein Nahtoderlebnis in Tschechien. Sie war im siebten Monat schwanger, als ihre Tochter unerwartet in einer Klinik zur Welt kam und starb. Hermann wurde bewusstlos, der Fötus lag neben ihr. Den Ärzten, so erzählt sie, blieb damals oft nichts anderes übrig, als ein Frühchen sterben zu lassen.
Sie weiß noch, wie ihr Kind auf einer Wolke nach oben schwebte, sie hinterher. Sie blickte auf sich herunter, sah „eine Frau in einer Blutlache liegen“. Dann sei sie im Himmel gewesen, umgeben von goldenem Gras. Das Licht beschreibt sie als märchenhaft, ohne Schatten, „so hell und schön, wie es kein Theater dieser Welt hinkriegen würde“.
Bedingungslose Liebe und Klarheit
Jana A. Hermann erzählt von himmlischer Ruhe, dem Gefühl bedingungsloser Liebe und der Klarheit: Es ist alles gut, du bist richtig so, wie du bist. „Vor mir hüpfte ein blondes, etwa drei Jahre altes Mädchen. Ich folgte ihm, doch dann endete diese Welt.“ Auf einem Steg habe sie ihre verstorbene Oma stehen sehen, die das Kind in Empfang nahm. „Ich habe alles verstanden, wusste alles über jeden. Und wenn ich alles sage, meine ich alles. Ich weiß, das klingt unvorstellbar, aber es war so.“ Hermann hat lange niemandem von ihrem Erlebnis erzählt. „Ich wollte nicht für verrückt erklärt werden.“ Erst viele Jahre später, als Nahtod-Phänomene in die Öffentlichkeit rückten, hat sie ein Video auf Youtube gestellt, in dem sie über alles redet. 100 000-mal wurde es bis jetzt geklickt.
Im Februar hat die 64-jährige Astrid Dauster ihre Biografie veröffentlicht. „Opferkind“ heißt das Buch und ist nichts für schwache Nerven. Dauster schildert, wie sie als Kind durch die Hölle ging. Der Vater war ein Psychopath und Anführer einer Satanistengruppe. Bis zu ihrem 13. Lebensjahr wurde sie brutal missbraucht und misshandelt. Etliche Male sei sie knapp dem Tod entgangen.
Dauster hatte Nahtoderfahrungen, wenn sie die Folter nicht mehr ertragen konnte. Sie spricht von außerkörperlichen Erfahrungen, die sie am Leben erhalten haben, und von Begegnungen und Gesprächen mit Jesus in Gestalt eines Schäfers. Sie erinnert sich an Schutzengel und das Sein in einer bedingungslosen Liebe ohne Wenn und Aber. „Alles war ohne Raum und Zeit, ohne die Schwere des Erdenlebens.“ Dauster ist überzeugt, dass es eine Instanz außerhalb unseres menschlichen Denkens gibt, an die sich jeder wenden kann.
Wissenschaftler und Laien streiten
2011 hatte sie ihre letzte Nahtoderfahrung. Sie kollabierte nach einem Herzinfarkt, noch während die Rettungskräfte sie zum Krankenwagen brachten. 27 Minuten lang wurde sie reanimiert. Auch sie nahm sich von oben wahr und all die Leute um sie herum. Wie Anton H. schildert Dauster, dass sie alle Emotionen der Menschen spüren konnte.
Wissenschaftler und Laien streiten über die richtige Interpretation derartiger Ereignisse. Verfügen wir alle über eine Seele, ein Bewusstsein, das unabhängig vom Körper und über den Tod hinaus weiterexistiert? Oder macht uns das Gehirn lediglich ein letztes großzügiges Geschenk, bevor alles vorbei ist?
Aktuell kann weder die Wissenschaft alle Merkmale einer Nahtoderfahrung künstlich auslösen noch kann die Existenz eines außerkörperlichen Bewusstseins belegt werden. Für den Bonner Neuropsychologen Christian Hoppe ist dennoch klar: Eine Nahtoderfahrung ist kein Blick ins Jenseits, sondern eine Reise in unsere eigene Bewusstseinswelt am Rande einer Bewusstlosigkeit. Der wissenschaftliche Befund sei eindeutig: „Geistig-seelische Phänomene in einer uns irgendwie verständlichen Form treten ausschließlich in Verbindung mit Hirnprozessen auf. Nahtoderlebnisse finden vollständig im Leben statt, diesseits der Todesgrenze.“
Außerhalb des eigenen Körpers
Wer etwa nach einer Reanimation etwas berichten könne, sei niemals tot gewesen, auch nicht ein bisschen. „Das medizinische Minimalkriterium des Todes ist der unwiderrufliche Verlust aller Hirnfunktionen.“ Der Wissenschaftler sagt, dass Nahtoderfahrene während ihres Erlebnisses über ein hinreichend funktionierendes Gehirn verfügten. Auch während einer Reanimation gebe es Phasen, in denen die Sauerstoffversorgung für einen Moment wieder ausreiche, um komplexe Erfahrungen zu machen. Dem Gefühl, außerhalb des eigenen Körpers zu schweben, liege keine Bewusstlosigkeit, sondern ein veränderter Bewusstseinszustand zugrunde. Es sei möglich, dass durch akustische Aspekte Bilder generiert würden. Hoppe weist außerdem darauf hin, dass Nahtoderfahrungen in Einzelaspekten auch durch chemische oder elektrische Manipulation der Hirnfunktion gezielt ausgelöst werden könnten.
Wilfried Kuhn hat eine andere Sicht auf die Dinge. Der ehemalige Chefarzt der Neurologie im Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt forscht seit vielen Jahren zu Nahtoderfahrungen und ist von der Sauerstoffmangel-Theorie vieler seiner Kollegen nicht überzeugt. Er sagt: „Nur circa 40 bis 50 Prozent aller Nahtoderfahrungen stehen im Zusammenhang mit Sauerstoffmangel.“ Zudem seien Nahtoderfahrene während ihres Erlebnisses oft überwach und nicht verwirrt, wie es bei Sauerstoffmangel der Fall sein müsste. Der 68-Jährige fragt sich: „Wie kann jemand, dessen Hirn heruntergefahren ist, das nicht richtig durchblutet ist, so ein klares Bewusstsein erfahren, das weit über das irdische Bewusstsein an sich hinausgeht?“
Für Kuhn, der promovierter Chemiker und Psychiater ist, sind Nahtoderlebnisse keine Halluzinationen, sondern die Wahrnehmung von Sinnesreizen aus einer anderen Realität. Für ihn ist das Gehirn lediglich eine Art Transformator, ähnlich einem Radio. Funktioniere es nicht mehr, sei das Bewusstsein nach wie vor vorhanden, etwa als Schwingung.
Ähnlich sieht das der bekannte niederländische Kardiologe Pim van Lommel, der Anfang der 2000er Jahre die These aufstellte, das menschliche Bewusstsein sei nicht zwingend an ein funktionierendes Gehirn gebunden.
Materielles verliert an Bedeutung
Kuhn glaubt, Nahtoderfahrungen würden von Kritikern abgelehnt, weil sie nicht in ihre Weltanschauung passten. „Neurobiologen behaupten, wenn das Gehirn tot ist, dann gibt es nichts mehr. Die materialistisch orientierten Kritiker sagen, dass es das nicht geben kann, nicht geben darf.“ Nahtoderfahrungen können seiner Meinung nach neurobiologisch nicht vollständig erklärt werden.
Unbestritten ist, dass eine Nahtoderfahrung Menschen verändern kann. Werte verschieben sich, manche werden spiritueller, religiöser, Materielles verliert für sie an Bedeutung. Anton H. sagt: „Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht. Wenn man so etwas erlebt, fängt man an zu suchen nach dem Sinn des Lebens.“ Seinen Handwerksbetrieb hat Anton H. aufgegeben, er arbeitet heute als Hospizbegleiter, möchte Menschen die Angst vor dem Tod nehmen. „Beide Welten sind nicht weit auseinander“, ist der 54-Jährige überzeugt. Er leitet eine Selbsthilfegruppe für Nahtoderfahrene in Augsburg und hat ein Haus der Begegnung geschaffen in seinem Heimatort. „Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass passiert ist, was passiert ist. Ich habe ein wunderbares Leben.“ Für Anton H. ist Gott „universelle Liebe, die alle Menschen verbindet“.
Auch Jana A. Hermann ist eine andere geworden. Sie hat begonnen, Energiebilder zu malen und Menschen zu coachen. Vor dem Tod hat sie keine Angst. Bei Trauerfeiern fällt es ihr schwer, ein trauriges Gesicht zu machen, weil sie sicher ist: „Die Menschen gehen einfach weiter.“ Astrid Dauster sagt, ihr wurde 2011 ein zweites Leben geschenkt. Die Rentnerin spricht in Vorträgen über ihre Nahtoderfahrungen. „Mir ist noch keiner begegnet, der behauptet hat: Das ist alles Humbug.“