Teheran-treue Miliz im Irak stoppt Angriffe auf US-Soldaten – Mullahs wollen „Krise kontrollierbar halten“, stoßen aber bei ihren Verbündeten auf Widerwillen und Unverständnis.
Die Kämpfer der Miliz Kata’ib Hisbollah im Irak sind unversöhnliche Gegner der USA. Ihre 10 000 Milizionäre hätten „die Finger am Abzug“, bis alle amerikanischen Soldaten aus dem Nahen Osten vertrieben seien, erklärte die vom Iran unterstützte Gruppe kürzlich. Seit Beginn des Gaza-Krieges im Oktober hat Kata’b Hisbollah, die stärkste Gruppe im pro-iranischen Milizen-Verband „Islamischer Widerstand im Irak“, mehr als hundertmal die US-Truppen im Irak und in Syrien mit Raketen und Drohnen angegriffen. Jetzt stellt sie die Angriffe ein, und zwar auf Wunsch des Iran. Teheran pfeift seine Hilfstruppen zurück, um Militärschläge der USA auf iranischem Territorium zu verhindern.
Iranische Führung gibt sich in ihren öffentlichen Äußerungen furchtlos
Kata’ib Hisbollah – der Name bedeutet „Brigade der Partei Gottes“ – hatte am Sonntag mit einem Drohnenangriff auf den US-Stützpunkt „Tower 22“ in Jordanien drei amerikanische Soldaten getötet. Washington hat Vergeltung angekündigt, um Teheran von weiteren Angriffen abzuhalten. Die iranische Führung gibt sich in ihren öffentlichen Äußerungen furchtlos: Jeder Angriff der Amerikaner werde beantwortet, erklärte der Chef der Revolutionsgarde, Hossein Salami. Hinter den Kulissen bemüht sich Teheran aber, seine Helfer in der Region zur Mäßigung zu bewegen.
Kurz nachdem US-Präsident Joe Biden erklärt hatte, dass er über Ziel, Art und Dauer amerikanischer Militärschläge als Antwort auf den Angriff auf „Tower 22“ entschieden habe, meldete sich Kata’ib Hisbollah zu Wort. „Wir setzen militärische und geheimdienstliche Operationen gegen die Besatzungstruppen aus“, erklärte die Miliz. Begründet wurde dies mit Bitten der irakischen Regierung in Bagdad. Kata’ib Hisbollah ließ aber durchblicken, dass sie von ihren Herren in Teheran ins Gebet genommen wurde – und dass sie sich deren Befehl nur widerwillig fügt: Die „Brüder“ im Iran „verstehen nicht, wie wir unseren Heiligen Krieg führen“ und wendeten sich nicht zum ersten Mal gegen Eskalationen beim Kampf gegen amerikanische Truppen im Irak und in Syrien, erklärte die Miliz.
Ohne grünes Licht aus Teheran hätte Kata’ib Hisbollah nicht geschossen
Dass Kata’ib Hisbollah sauer ist, könnte daran liegen, dass sie „Tower 22“ mit Wissen und Zustimmung des Iran angegriffen hatte, wie der Sicherheitsexperte Michael Horowitz von der Beraterfirma Le Beck International sagt: Ohne grünes Licht aus Teheran hätte Kata’ib Hisbollah kaum einen US-Außenposten in Jordanien mit einer iranischen Drohne beschossen, schrieb Horowitz.
Ob abgesprochen oder nicht: Die iranische Regierung bekommt kalte Füße. Teheran befürchte Folgen des Drohnenangriffs auf die US-Truppen, sagt Oytun Orhan von der Nahost-Denkfabrik Orsam in Ankara. „Der jüngste Angriff im jordanisch-syrischen Grenzgebiet könnte einen Gegenschlag gegen den Iran selbst auslösen. Der Iran will verhindern, dass diese Schwelle überschritten wird“, sagte Oytun Orhan unserer Zeitung.
Die iranische Führung übt sanften Druck auf Huthis aus
Für Teheran habe der Krieg zwischen Israel und der Hamas zwar Vorteile, etwa weil der Annäherungsprozess zwischen Israel und den arabischen Staaten unterbrochen worden sei, meint Orhan. Doch die militärische Unterstützung pro-iranischer Gruppen für die Hamas gehe dem Iran allmählich zu weit: „Teheran sagt deshalb seinen Hilfstruppen, sie sollten nach dem jüngsten Vorfall die Spannungen reduzieren“, sagte Orhan. „Der Iran will die Kämpfe in einem kontrollierbaren Rahmen halten.“
Dasselbe Ziel verfolgt die iranische Führung dem Experten zufolge mit sanftem Druck auf einen anderen Verbündeten: die Huthi-Miliz im Jemen. Die Huthis greifen seit November Handelsschiffe im Roten Meer an und haben auch westliche Kriegsschiffe beschossen. Teheran habe mit den Huthi-Chefs gesprochen und eine Deeskalation verlangt, sagt Orhan. Medienberichten zufolge hatte auch China, das Öl vom Iran kauft und Exporte durch das Rote Meer und den Suez-Kanal nach Europa schickt, die Teheraner Regierung gebeten, auf die Huthis einzuwirken. In ihrer jüngsten Erklärung vom Mittwoch kündigten die Rebellen laut iranischen Staatsmedien weitere Angriffe auf westliche Kriegsschiffe im Rahmen der Selbstverteidigung an, ließen die Handelsschiffe im Roten Meer aber unerwähnt.
Iran hofft, dass die Lage nach dem Angriff auf „Tower 22“ nicht weiter eskaliert
Allerdings zeigt gerade das Beispiel der Huthis, dass sich der Iran nicht unbedingt auf die Zurückhaltung seiner Verbündeten verlassen kann. Die jemenitischen Rebellen setzen nach Einschätzung von Experten ihre eigenen Prioritäten und sind keine Vasallen des Iran, sondern „Junior-Partner“ mit eigenen Interessen, wie es der jemenitische Experte Abdulghani al-Iryani im Gespräch mit unserer Zeitung formulierte. Der Iran hofft zwar, dass die Lage nach dem Angriff auf „Tower 22“ nicht weiter eskaliert. Sicher sein kann er aber nicht.